Markus Vinzent's Blog

Monday, 19 March 2018

Meister Eckhart, Die deutschen Predigten "De Tempore", Pr. 2 (DW 24)

<2:1>Der heilige Paulus sagt: ‘Tu Du hinein’, Du, verinnerliche ‘Christus’.[1]
<2:2>Dadurch, dass der Mensch sich selbst entledigt, tut er Christus, Gott, Glück und Heiligkeit hinein.
Auch wenn ein Junge über Fremdartiges spricht, glaubt man es ihm, doch wenn Paulus große Dinge verspricht, glaubt Ihr ihm kaum. Er verspricht Dir Glück und Heiligkeit, sobald Du Dich Dir entledigt hast. Es ist etwas verwunderlich, dass der Mensch sich selbst entledigen soll, um Christus, Heiligkeit und Glück hineinzutun und sehr groß enden wird.
<2:3>Der Prophet[2] verwundert sich über zwei Dinge. Das erste: Was Gott mit den Sternen, dem Mond und der Sonne tut[3]. Das zweite Wundersame betrifft die Seele, dass Gott so große Dinge mit ihr und für[4] sie getan hat und tut, denn er tut, was er will, für sie. Er tut viele große Dinge für sie, und doch ist er gänzlich unfrei von ihr, was von ihrer Größe stammt, in der er sie geschaffen hat.
<2:4>Nimm wahr, wie groß er sie gemacht hat! Ich gestalte einen Buchstaben nach dem Bild, das dieser Buchstabe in meiner Seele besitzt und nicht nach meiner Seele. So ist es auch mit Gott. Gott hat alle Dinge generisch[5] gemacht dem Bild aller Dinge entsprechend, das er in sich hatte, doch nicht nach ihm selbst. Manche schuf er speziell gemäß bestimmter Eigenschaften, die sie von ihm erhielten, etwa Güte, Weisheit und was sonst man von Gott aussagt. Jedoch die Seele hat er nicht allein nach dem Bild geschaffen, das in ihm ist, noch danach, was von ihm empfangen und von ihm ausgesagt wird; stattdessen schuf er sie sich selbst gemäß, tatsächlich gemäß allem, was er der Natur nach ist, dem Sein nach, gemäß seinem herausfließenden, in ihm verbleibenden Wirken und dem Grund gemäß, in welchem er in ihm selber bleibend ist, in welchem er derjenige ist, der seinen eingeborenen Sohn gebiert, in welchem der Heilige Geist herausblüht: Gemäß diesem ausfließenden, in ihm verbleibenden Wirken hat Gott die Seele geschaffen.
<2:5>Natürlich ist allen Dingen, dass immer in die Niedersten die Obersten hineinfließen, so lange die Niedersten mit den Obersten zusammengefügt sind; Denn die Obersten empfangen niemals von den Niedersten, sondern die Niedersten hingegen empfangen von den Obersten. Wenn nun also Gott über der Seele ist, so ist Gott immer derjenige, der in die Seele hineinfließt und der der Seele niemals mehr entfallen kann. Die Seele fällt eher von ihm, doch so lange sich der Mensch unter Gott aufhält, so lange empfängt er unmittelbar den göttlichen Einfluss, allerdings außerhalb Gottes und unter keinen anderen Dingen seiend: weder unter der Furcht, noch unter der Liebe, noch unter Leid, nocht unter irgendeinem Ding, das nicht Gott ist. Nun, unterwirf Dich völlig Gott, so wirst Du den göttlichen Einfluss gänzlich und bloß empfangen.
Wie empfängt die Seele von Gott? Die Seele empfängt von Gott nicht wie von einem Fremden, wie die Luft das Licht von der Sonne empfängt: denn diese empfängt aus etwas Fremden. Im Gegensatz dazu empfängt die Seele Gott nicht als etwas Fremdes, noch als unter ihm stehend, denn, was unter etwas anderem steht, das ist etwas Fremdem und Entferntem ausgesetzt. Die Meister
[6] sagen, dass die Seele wie Licht vom Licht empfängt, weil da nichts Fremdes oder Entferntes ist.
<2:6>Es gibt Eines in der Seele, in welchem Gott bloß ist, und die Meister sagen,[7] es sei namenlos, und es besitze keinen eigenen Namen. Es ist und besitzt doch kein eigenes Sein, denn es ist weder dies noch das, noch ist es hier noch da; denn es ist, was es ist, in einem anderen und jenes in diesem; denn, dass es ist, ist es in jenem und jenes in diesem; denn jenes fließt in dies und dies in jenes –
<2:7>Und hier, meint er[8], fügt Euch in Gott,[9] in das Glück! Denn hierin nimmt die Seele all ihr Leben und Sein, und hieraus saugt sie ihr Leben und Sein; da dies gänzlich in Gott ist und das andere hier draußen, darum auch ist die Seele dementsprechend in Gott, es sei denn, sie trägt dies nach draußen oder es verlöscht in ihr.
<2:8>Ein Meister sagt[10] dass dies Gott so gegenwärtig sei, dass er sich niemals von Gott abkehren möge und ihm Gott immer gegenwärtig und in ihm sei. Ich sage, dass Gott ohne Unterbrechung ewig in diesem gewesen ist, und in diesem der Mensch mit Gott eins ist, wo Gnade nicht hinzu gehört, da Gnade etwas Geschaffenes ist, und dort kein Geschöpft hinein gehört; denn in dem Grund des göttlichen Wesens, da ist sie[11] eins dem Grund gemäß. Wenn du folglich willst, dann gehören alle Dinge Dir und Gott. Das heißt: gib Dich selbst, alle Dinge und alles, das Du für Dich selbst bist, auf und nimm Dich[12] dem gemäß, das Du in Gott bist.
<2:9>Die Meister sagen[13], dass die menschliche Natur nichts mit Zeit zu tun habe und dass sie gänzlich dem Menschen unberührbar und viel intimer und näher sei als er sich selbst sei. Darum auch nahm Gott die menschliche Natur an sich und vereinigte sie mit seinen Personen. Da wurde die menschliche Natur Gott, da er die menschliche Natur als solche und nicht einen Menschen an sich annahm. Willst Du also derselbe Christus und Gott sein, so sei gib all das auf, das das ewige Wort an sich nicht annahm. Das ewige Wort nahm keinen Menschen als solchen an; darum gib auf, was das individuell Menschliche an Dir sei und was Du bist, und nimm Dich an allein als menschliche Nastur, so bist Du dasselbe wie das ewige Wort, das die menschliche Natur selbst ist. Denn da zwischen deiner menschliche Natur und der seinen kein Unterschied besteht, ist sie eine, denn die sie in Christus ist, ist sie in Dir.
<2:10>Folglich[14] sagte ich in Paris, dass sich an dem gerechten Menschen erfüllt hat[15], was die heilige Schrift und die Propheten zuvor gesagt hatten[16]; wenn folglich mit Dir alles recht steht,[17] wird alles, was im Alten und Neuen [Testament] gesagt wurde in Dir vollendet.
<2:11>Wie soll es recht um Dich stehen? Das lässt sich dem Wort des Propheten[18] gemäß auf zwei Weisen verstehen, wenn er sagt: „In der Fülle der Zeit wurde der Sohn gesandt“. Die „Fülle der Zeit“ ist zwiefältig. Dann ist eine Sache vollkommen, wenn es an seinem Ziel angelangt ist, wie der Tag voll ist an seinem Abend. Wenn folglich alle Zeit von Dir abfällt, ist die Zeit erfüllt. Die andere Bedeutung lautet: Wenn die Zeit an ihr Ende gelangt, nämlich in der Ewigkeit, denn da hat alle Zeit ein Ende, denn es gibt weder vorher noch nachher. Da ist alles, das dann ist, gegenwärtig und neu, und dann hast Du in einer gegenwärtigen Intuition[19] alles, was je geschah und je geschenen soll. Da gibt es kein vorher oder nachher, dann ist alles gegenwärtig; und in dieser gegenwärtigen Intuition besitze ich alles. Das ist die „Fülle der Zeit“, und dann steht es mit mir recht, und ich bin dann wirklich der eine Sohn und Christus.
<2:12>Dass wir zu dieser „Fülle der Zeit“ kommen, dazu helfe uns Gott! Amen.



[1] Röm. 13,14: ‘Sed induamini Dominum Iesum Christum’. The Glossa Interlinearis, ad loc.: ‘induimini, id est formam Christi’. A different interpretation is given by Hugo, Postilla, ad loc., VII, f. 60va: ‘Induimini per conformitatem, vel ut vestem Gal. III d. Quicumque in christo baptizati estis christum induistis’. Der liturgische Kontext: Epistolarium, Arch. f. 422ra–b: ‘Dominica prima in adventu domini. Lectio epistole beati Pauli apostoli ad Romanos [13:11–3]. Fratres. Scientes [Et hoc scientes tempus Vg.]: quia hora est iam nos de somno surgere. Nunc enim propior est nostra salus, quam cum credidimus. Nox precessit, dies autem appropinquavit. Abiciamus ergo opera tenebrarum, et induamur arma lucis. Sicut in die honeste ambulemus: non in commessationibus, et ebrietatibus, non in cubilibus, et impudicitiis, non in contentione, et emulatione: sed induimini Dominum Ihesum Christum’.
[2] Ps. 8,2.4–9: ‘Domine Dominus noster, quam admirabile est nomen tuum, in universa terra … Quoniam videbo caelos tuos, opera digitorum tuorum: lunam et stellas, quae tu fundasti. Quid est homo, quod memor es eius? aut filius hominis, quoniam visitas eum? Minuisti eum paulominus ab angelis, gloria et honore coronasti eum: et constituisti eum super opera manuum tuarum. Omnia subiecisti sub pedibus eius, oves et boves universas: insuper et pecora campi. Volucres caeli, et pisces maris, qui perambulant semitas maris’.
[3] Im erhaltenen Textbestand ist das Thema nicht weiter entwickelt.
[4] Mittelhochdeutsch „durch“ kann sowohl „durch“ wie auch „für“ heißen, beide Nuancen scheinen mir hier vorzuliegen, auch wenn man im Neuhochdeutschen sich für eine Option entscheiden muss.
[5] Das ‘gemeinlîche’ meint ‘generisch’ und kontrastiert mit ‘sunderlîche’ oder ‘einzel’. Doch gehören beide zu einer ersten Art Schöpfung „dem Bild nach“, was eine Art zweite Ableitung von Gott bedeutet. Was durch Gott „im Bild“ geschaffen wurde, hat ihn zwar immernoch als Ursprung, doch stammt nicht unmittelbar von ihm. Diese Vermittlung bezieht sich nicht nur auf die generische Schöpfung, sondern gerade auf die einzelnen Geschöpfe, die allerdings dennoch an den göttlichen Perfektionen wie Güte und Weisheit teilhaben. Wie L. Sturlese erläutert, mag dieser Gedanke sich vielleicht auf die Engel beziehen. Im Unterschied zu der zweiten, abgeleiteten Schöpfung, fügt Eckhart die unmittelbare Abkunft von Gott hinzu, die der Seele bzw. dem Intellekt eigentlich ist und die nicht mehr nur ein Abbild Gottes darstellt, sondern unmittelbar von Gott selbst stammt. Dies klingt wie eine Verschärfung des Gedankens, der bei Dietrich von Freiberg in seiner Theorie der Emanation zu finden ist, nach der der Intellekt „im Bild“ aus Gott fließt, während die Engel sich von den göttlichen Perfektionen nähren (De visione beatifica, 1.2.1.1.4.–5., ed. Mojsisch, 39–41; ein solches „fließen in der Gleichheit von Gott“ erwähnt Eckhart weiter unten in Pr. 4* [Q 77], n. 3. Wir kontrastieren das hier Gesagte nicht mit dem, was bei Eckhart in In Gen. I n. 115 (LW I/2, 155) zu finden ist, wenn auch eine gewisse Spannung zu dem hier Gesagten besteht, vgl. L. Sturlese, ‘Dietrich di Freiberg lettore di Eckhart?’ (2006), 437–53.
[6] ‘Die meister’: vgl. Liber de causis, prop. 5 (6), n. 58, ed. Pattin, 59: ‘… causa prima non cessat illuminare causatum suum et ipsa non illuminatur a lumine alio’.
[7] ‘die meister sprechent’: das nach Quint nicht belegte Zitat erinnert nach L. Sturlese an Avicenna, De anima I 1, ed. Van Riet, 15, 78–9: ‘imponimus ei nomen ‘anima’. Et hoc nomen est nomen huius rei non ex eius essentia …’
[8] ‘er’: der heilige Paulus.
[9]fügt Euch in Gott’: das biblische ‘induimini’ erinnert an den Säugling, der zurück in den Mutterschoß gegeben wird, nachdem er gerade geboren wurde, und sein Leben und Sein von der Mutter ersaugt.
[10] Quint stellt den Bezug zu Augustinus als mögliche Quelle her; vgl. Augustinus, De Trinitate XIV 7,9, ed. Mountain and Glorie, 433, 19 – 434, 26 und XIV 14,18, ed. Mountain and Glorie, 445, 5–7 (‘abditum mentis’), vielleicht vermittelt durch Dietrich von Freiberg, vgl. seine De visione beatifica, vgl. hierzu Anm. 5.
[11] ‘sie’: die Seele.
[12] ‘nim dich’: versteh Dich.
[13] J. Quint bezieht die Stelle auf Th. Aqu., De ente et essentia 3, doch nach L. Sturlese ist es eher Anselm, De incarnatione Verbi 1, ed. Schmitt, 10, 9–13: ‘qui non potest intelligere aliquid esse hominem nisi individuum, nullatenus intelliget hominem nisi humanam personam … Quomodo ergo iste intelliget hominem assumptum esse a verbo, non personam, id est naturam aliam, non aliam personam assumptam esse?’ Vgl. auch Honorius Augustodunensis, Clavis physicae 416, ed. Arfè, 147, 2785–8: ‘ipsa (uidelicet natura) ubique in se ipsa et in omnibus eam participantibus bona, salua, integra, illesa, incontaminata, incorruptibili, inpassibili, inmutabili participatione summi boni permanente …’ Vgl. auch Eckhart, In Ioh. n. 289 (LW III 241).
[14] Hier beginnt ein weiterer Teil der Predigt, die auf den Gedanken der „Fülle der Zeit“ führt und etwa nicht im Sermo LII zu finden ist. Es ist schwer zu beurteilen, ob dieser Gedanken von Gal. 4:4 aus dem liturgischen Kontext des Sonntags der Oktav von Weihnachten herrührt. Vgl. weiter unten zu Pr. 6* [Q 38]. Eckharts These wurde verurteilt in In agro dominico durch Johannes XXII., art. 12: ‘Duodecimus articulus. Quicquid dicit sacra scriptura de Christo, hoc etiam totum verificatur de omni bono et divino homine’ (vgl. LW V 598).
[15] Eine weitere Paronomasia: ‘ervüllet’ / ‘volheit der zît’.
[16] ‘von Kristô’ ist eine unnötige und leicht missverständliche Korrektur des Herausgebers J. Quint auf der Basis von Proc. Aven.
[17] ‘ist dir reht’ ist ein oft von Eckhart gebrauchter Ausdruck, auch wenn er schwierig zu übersetzen ist. J. Quint übersetzt: ‘bist du recht daran’.
[18] Gal. 4:4: ‘At ubi venit plenitudo temporis, misit Deus Filium suum …’ Dieser Satz ist erstaunlicherweise dem Propheten zugeschrieben, wohingegen in Pr. 6* [Q 38], n. 5 Eckhart korrekter schreibt: ‘Sant Paulus sprichet: “in der vüllede der zît sante got sînen sun”‘. Zum Inhalt vgl. Pr. 77* [Q 11], n. 3.
[19] ‘anesehenne’: wohl als “Intuition” zu interpretieren.

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