Markus Vinzent's Blog

Tuesday, 23 June 2020

Romans 11 and the Jews

Just had an email question and wanted to share it together with my answer. The question is: According to Romans 11 does Paul think that Jews will finally embrace Jesus, and presumably before the parousia?

My short answer is: I don't think Rom. 11 is by Paul. The chapter is missing in the version that Tertullian knows from the collection of Marcion's Paul. I think, chapters 9-11 has been added after the Bar Kokhba war, when Paul's collection of letters became part of the broadened NT with the four Gospels, Acts asf. It had been developed out of the few quotes from chapter 10 that were also present in Paul's Letter, as found by Marcion. The entire problem of the relation between Christian and Jews became reflected by Christians during and after that terrible revolt and war, as can also be seen from the number of apologies that Christians wrote, and where they start to discern between them and Jews, between them and Greeks and others (though rarely between them and Romans!).
The NT, as we know it, and the Pauline Letters in the version that we find today in our critical editions veil this novel approach by Christians during the second century, particularly, as this version is then taken by late second century authors like Irenaeus as the basis of their own vision of the beginnings of Christianity, a topic which is set out in more detail in my recent book "Offener Anfang" which will be published in an English version in the coming year with Cambridge University Press.

Tuesday, 9 June 2020

Der unbekannte Eckhart II, De sanctis

Predigt S3,1* [Jostes 76; Wilhelm IV; Strauch VIII 386-8]

In festo sancti Nicolai Myrensis episcopi (6.12.)
‘Ich han gewunschet und begeret myr ist der synne gegeben’ (Sap. 7:7-8)

Text und Übersetzung


<:1>[199a]Optavi et datus est mihi sensus et invocavi, et venit in me spiritus Die wort sint geschriben in dem bGch der weisheit die sprechen zu teutsch also: Ich han gewunschet und begeret myr ist der synne gegeben und ich han angerGffen got der geyst der wißheyt ist Inn mich komen und ich han gepruvet und gepriset vor alle konigrich und vor alle ere und [199b] vor alle richtum Als cleyn als eyn sandes korn ist Also cleyn sint alle vergengliche dinge wider dem geist der wißheyde
<:1> Optavi, et datus est mihi sensus et invocavi, et venit in me spiritus. Diese Worte sind im Buch der Weisheit geschrieben und lauten in Deutsch wie folgt:[1] ‘Ich habe gewünscht und danach begehrt, dass mir der Sinn dafür gegeben würde, und ich habe Gott angerufen. Der Geist der Weisheit is in mich gekommen und ich habe, und ich habe geprüft und über ihn über alle Königreiche über alle Ehren und über allen Reichtum hinaus gepriesen.’ So klein wie ein Sandkorn, so klein sind alle vergänglichen Dinge, verglichen mit dem Geist der Weisheit.
<:2a> An disen worten mGg wir merken wie groz wir sullen ahten den geist der weisheit und wie wir kGmen sollen zum geist.













das wissen die wol die es kennent das ich ware hann und die es nyt erkennent die enmogen es nyt gegleuben
<:2b>An disen worten mGg wir merken wie groz wir sullen ahten den geist der weisheit und wie wir kGmen sollen zum geist. Zwei dink sull wir merken an den worten do er spricht Ich rief got an und in mich ist kumen der geist der weisheit Daz erst ist suzzikeit und smak dez geistes Dar um spricht er daz kGnkreich und gewalt und herschaft und reichtum zumol niht mugen geantwGrten dem geist der weisheit Der do befunden hat daz ich ware nG spreche der weiz wol waz ich sprich und dem menschen sint klein alle vergenklich dink wider die ewigen dingen
<:2a>An disen Worten kann man erkennen, wie hoch wir den Geist der Weisheit erachten sollen und wie wir zum Geist kommen sollen.












Das wissen gewiss diejenigen, die erkennen, dass ich Recht habe, während diejenigen, die es nicht erkennen, es auch nicht glauben können.
<:2b> An disen Worten kann man erkennen, wie hoch wir den Geist der Weisheit erachten sollen und wie wir zum Geist kommen sollen. Zwei Dinge sollen wir bei diesen Worten beachten, wenn er sagt: Ich habe Gott angerufen und der Geist der Weisheit ist in mich gekommen. Das erste ist die Süße und der Geschmack des Geistes. Darum sagt er, dass Königreiche, Mächte, Herrschaften, Gewalten und Reichtümer dem Geist der Weisheit nicht antworten können. Wer auch immer erkannt hat, dass ich die Wahrheit spreche, weiß wohl, was ich sage, und für diesen Menschen sind alle vergänglichen Dinge klein, verglichen mit ewigen Dingen.
<:3a>Des wil ich uch eyn glichnysse sagen Eyn meyster sprichet und auch Sanctus Gregorius Der eyn kint neme daz alrest geburen wurde und zoge es under der erden und yme sagete was in der wernlt were das were unmogelich das es das gleubete Also ist es unmogelich das eyn irdisch herre moge erkennen geystliche dinge
<:3b>
Ein meister und sant Gregorius sprechen Wann ein mensch von kind gezogen ist under der erden und gelaubet an einen menschen der im saget von der klarheit der sGnne und zierde dez ertreichs er enmoht ez niht gelauben Alzo ist ez um den menschen di weil er gemengt ist mit irdischen dingen und dz liht der weisheit in im niht erschinen ist waz man im do von gesagen mak er engelaubt ez niht
<:3a>Hierzu will ich Euch ein Beispiel geben: Ein Meister sagt, und auch der heilige Gregor: Wenn jemand ein Kind nähme, das gerade geboren wurde, zöge es unter die Erde und sagte zu ihm, was die Welt sei, es wäre ihm unmöglich, das zu glauben. Darum kann kein irdischer Herr geistliche Dinge erkennen.
<:3b>
Ein Meister und der heilige Gregor sagen: Wenn ein Mensch als Kind unter die Erde gezogen wird und glaubt einem Menschen, der ihm vom Glanz der Sonne und der Schönheit des Erde erzählte, er könnte es nicht glauben. So geschieht es dem Menschen, solange er mit irdischen Dingen gemischt ist und das Licht der Weisheit in ihm nicht erschienen ist, was man ihm in diesem Zustand erzählen kann, wird er nicht glauben.
<:4a>Nun sprichet eyn meyster von der selen der der geyst der wißheyt erschienen ist Alle dinge [200a] sint ir zu nyt wurden und alle creaturen werden in eynen winckel der selen gedribben Die heiligen sprechen das yme hymmelrich keyn hoffnunge ensij Want hoffenunge ist allezit uff stigen zu berge werdt nach eyme hohen dinge Also als begerunge das best suchende ist und also als bekentenysse das von naturen hait das sie die warheyt wisen wil Also ist hoffenunge nature das sie alzit hoe dingk wil Al das eyn ware sij das die sele mer freuden wartende ist an dem lichame den sie noch widder neme sal Doch von dem bekentenisse das sie an got hefftet so enmag sie numme hoffenunge haben want uber got nyt enist Nun hann wir das [200b] erste der edelkeyt des geystes

<:4a>Nun spricht ein Meister über die Seele, der der Geist der Weisheit erschienen ist. Alle Dinge sind ihr nichts geworden und alle Kreaturen wurden in einen Winkel der Seele vertrieben. Die Heiligen sagen, dass es im Himmelreich keine Hoffnung gäbe, denn Hoffnung bedeute eine beständige Aufwärtsbewegung zu einer hohen Sache. Genau wie Begehren eine Suche nach dem Besten ist, und wie Erkenntnis von Natur aus, die Wahrheit erkennen will, so will Hoffnung von Natur aus immer hohe Dinge, wie das eine wahr ist, dass die Seele mehr Freude daran findet, in dem Körper zu warten, den sie jedoch wieder anzunehmen hat, doch durch die Erkenntnis, die sie an Gott heftet, kann sie keine Hoffnung gewinnen, denn nichts ist jenseits Gottes. Damit haben wir das Erste des Adels des Geistes.

<:5a>Nun sullen wir pruven wie wir komen zu dem geyste der wißheyt das der sone ist der da ist eyn uff dragende craift aller creaturen Eyn heyde- (387) nyscher meystere hait gemacht eyn buch von eyme stuck der wißheyt das hieße eyn borne des lebens In dem buch hat er gelerdt synen iungern wie er zu dem geyst der wißheyt komen sol Er sal gene in das aller uberste syner selen und in das geystlichste syner selen da inne sol er sich enthalden von allen unfledigen dingen die er mit ubungen wisen magk und solle sich losen von dem gefengnisse syner naturen und sal sich entblossen von ym selber und sal sins selbest vergessen

















Daran [201a] sal er alrerst bekennen die großheyt geystlicher dinge und die cleynheyt zurgencklicher dinge
<:5b>




Hie von spricht ein heidnischer meister in eim bGch das taGft er und heizt ez ein brun dez lebens und auch ein stGk der ewigen weisheit in dem buch leret er seinen jungern und spricht Wilt du geistlich dink bekennen so solt du dich ziehen an daz hohst deiner sele und an daz geistlichest und solt dich erziehen von der unveltikeit vergenklicher dink und solt dich entblozzen und enbrechen von dem gefenknuzz deines selbes naturen vnd solt chomen an ein vorgesehenhait deiner selbers natur so werden dir kGmen alle vergenklich dink an einem winchel deiner selen so wirstu beschawen daz alle vergenklich ding ein niht sint wider dem geist der wisheit Dor um engenueget dem weisen menschen niht an allen den daz got niht en ist er ensi immer die hant reichent vor dem tisch unsers herren gotes und biten um die almusen von got In der weis sei wir alle betler Hie von spricht kGnk David Got hat angesehen die gerGng seiner armen
<:5a>Nun sollen wir sehen, wie wir zu dem Geist der Weisheit kommen, der der Sohn ist, der da eine aufsteigende Kraft aller Kreaturen ist.[2] Ein heidnischer Meister hat ein Buch von einem Teil der Weisheit produziert,[3] mit dem Titel ‘Ein Brunnen des Lebens’. In diesem Buch lehrte er seinen Schüler, wie er zum Geist der Weisheit kommen soll. Er soll in das Höchste seiner Seele und in das Geistlichste seiner Seele gehen, dort soll er sich fern von ungestalteten Dingen halten, die er durch Praxis kennen kann, und er soll sich frei von dem Gefängnis seiner Natur machen und soll sich von sich selbst entblössen und seiner selbst vergessen.
















Hierdurch soll man zuerst die Größe der geistlichen Dinge und die Kleinheit der vergänglichen Dinge erkennen.
<:5b>




Hiervon spricht ein heidnischer Meister in einem Buch, das er ‘Ein Brunnen des Lebens’ und auch ‘Ein Stück Weisheit’ taufte und benannte. In diesem Buch lehrt er seinen Schüler und sagt: Wenn Du geistliche Dinge erkennen willst, sollst Du Dich in das Höchste Deiner Seele ziehen und in das Geistlichste und sollst Dich wegziehen von den gestaltlosen, vergänglichen Dingen und sollst Dich entblössen und wegbrechen von dem Gefängnis Deiner eigenen Natur und sollst Kommen in deine eigene Natur, wie sie vorgesehen war, dann werden Dir alle vergänglichen Dinge in einen Winkel Deiner Seele geraten, dann wirst Du erkennen, dass alle vergänglichen Dinge ein nichts sind verglichen mit dem Geist der Weisheit. Darum ist der weise Mensch nicht zufrieden mit irgendetwas, das nicht Got ist. Man wird immer die Person sein, die die Hand nach dem Tisch des Herrn, Gott, ausstreckt und um das Almosen von Gott zu bitten. Auf diese Weise sind wir alle Bettler. Hiervon spricht König David: Gott hat das Begehren seiner Armen gesehen.
<:6a>Die meyster sprechent got sij eyn ußfliessende wesen das nummer uff engeheldet und budet sich veyl allen selen mit aller syner gotlichen crafft und in der ergiessungen da der vatter den sone ewiglich Inne ergoßen hait und sunder underlaiß ergusset und ewiglichen ergiessen sal an die volkomenheyt und die ewigkeyt und die gotheyt die der vatter dem sone hait gegeben in der ergiessungen und dem heyligen geyst die budet er veil allen selen sunder underscheydt und were keuffen wil der keuffe Mer Wo mit sollen wir keuffen mit der liebe der entphahen moge [201b] der entphahe aber sie entphahen es nyt
<:6b> Ein weis meister spricht daz got sei ein auzfliezzend wesen und trag vail sein volkGmenheit Di selb kraft und volkGmenheit mit der er allen sich ergozzen hat in den sGn die tregt er vail und beutet si on und erloz allen selen Ein ieglich enphah sein als vil als si mGg
<:6a>Die Meister sagen, dass Gott ein ausfließendes Wesen sei, welches nicht aufgehalten wird und sich allen Seelen feilbietet[4] mit all seiner göttlichen Krafft und im Ausgiessen, in welchem der Vater im Innern ewig den Sohn ausgegossen hat und sich ohne Unterbrechung selbst ausgießt und sich ewig ausgießt in Vollkommenheit, Ewigkeit und Göttlichkeit, die der Vater dem Sohn und dem heiligen Geist im Ausgießen gegeben hat, das bietet er allen Seelen ohne Unterschied feil. Und gäbe es da etwas zu kaufen, würde man es kaufen. Doch mit welchen Mitteln können wir Liebe kaufen? Wer empfangen kann, wird empfangen, doch nicht alle werden es empfangen.
<:6b>Ein weiser Meister sagt, dass Gott ein ausfließendes Wesen sei und seine Vollkommenheit anbiete. Dieselbe Kraft und Vollkommenheit, durch die er sich selbst vollkommen in den Sohn ausgießt, bietet er offen an und gewährt und erlöst alle Seelen. Eine jede empfange so viel wie sie vermag.
<:7a>Warumbe ist das Eyn meyster sprichet Wande sie nit arme ensint was ist eyn arme mensche wer viel hait und doch nit enhat vor der dure unsers herren gotts und bettelet
<:7b>War um enphahen alle leut niht sein vollkGmenheit Dor um daz zi niht arm sint ir selbs
<:7a>Warum ist dies so? Ein Meister sagt: Denn sie sind nicht arm. Wer ist ein armer Mensch? Derjenige, der viel hat, doch nichts vor der Tür des Herrn, Gottes, hat, und bettelt.
<:7b>Warum empfangen nicht alle Leute seine Vollkommenheit? Der Grund hierfür ist, dass sie nicht arm sind in dem, was sie sind.
<:8a>Nu mußen wir doch wissen wo got entpfangen werde ann der selen Hie ane ist es ware das got eyn ußfliessende wesen ist das da keyn widdersten enhaidt

Doch muß yme die sele begenen mit begerungen







Also als der schin der sonnen wurdt gegussen durch eyn lutter glaiß So enmag das glaiß das liecht nyt enthalten man enmache eyn wandt von bly dar voer Also enmag got nyt entphangen werden in die sele sie enmuß yme begenen myt begerungen
<:8b>NG sull wir merken


daz got sei ein auzfliezzend wesen vnd im werd dann pegegent vnd es wirt dann enthalten so engibt es chain chraft Der gGt mensch sol got bekennen mit innikeit und mit andaht und mit begerung so enpheht er in und behelt gotlich volkGmenheit an sich als ein schGtzbret daz das wazzer entheltet daz ez niht enfleuzzet Also man merken mak an der sGnnen daz die iren schein auz geuzt an di luft so en moht man niht wol bekennen den schein er en gewunne einen widerslak von der erden und von andern groben dingen Auch mak man merken am glaz diweil ez durcheinik ist so mak man da nicht dar an bekennen do enwerd dann ain haut undergeleit von bleie so enpheht ez ain bild und allez daz im gegenwurtig ist Ein meister spricht ein seuberlich wort Die weil daz aug iht geleichnFzz an im hat an den dingen di im gegenwurtik sint als ein haus oder ander dink so enkan ez niht enkennen ander dink do ez sich fFrbaz ut ergiezzen wil 
<:8a>Allerdings müssen wir jetzt wissen, wo man Gott in der Seele empfangen soll. Hierbei ist es wahr, dass Gott ein ausfließendes Wesen ist, das da keinem Hindernis begegnet. Und doch muss die Seele ihm mit Begehren begegnen.







Wie der Sonnenschein durch einen reinen Strahl ausgesendet wird, kann man den Sonnenstrahl nicht empfangen, es sei denn man legt eine Bleischicht vor ihn. So kann Gott in der Seele nicht empfangen werden, es sei denn sie trifft ihn mit Begehren.
<:8b>Nun sollten wir bemerken,


dass Gott ein ausfließendes Wesen ist und, wenn man ihm begegnet und sich von ihm zurückzieht, dann wird keine Kraft empfangen. Der gute Mensch soll mit Innigkeit, Andacht und Begehren erkennen, so empfängt man ihn und ergreift Gottes Vollkommenheit in sich selbst als Schutzwall, der das Wasser hält, so dass es nicht wegfließt. Wie man bei der Sonne entdecken kann, dass sie ihre Strahlen aussendet in die Luft. Denn man kann den Strahl nicht bemerken, es sei denn er findet eine Reflexion vom Grund und von groben Dingen. Man kann dies auch an einem Glas erkennen. Wenn es durchsichtig ist, kann man an ihm nichts sehen, doch wenn man eine Bleischicht unter es legt, empfängt es ein Bild und alles, was vor ihm auftaucht. Ein Meister sagt es unmissverständlich: So lange das Auge etwas in ihm hat, das den Dingen vor ihm gleicht, etwa ein Haus oder etwas anderes, kann es andere Dinge nicht sehen, da es sich völlig ausgießen will.
<:9a>[202a] Der wise spricht das das liecht gottes von den engeln wurdt gegussen an die sele Also der da neme eyn lutter clare duch das da wol dunne were leyde man das uff rot so schiene es roidt leyde man es uff grune so schiene es grune lechte man es uff swartze so schiene es swartze Doch bliebe das duch an yme selber das es ist Also wort got in die sele entphangen darnach das die begerunge lutter ist die das liecht uffheldet Darnach schynet got an der selen und blibet doch das er ist Darnach das die begerunge uffgezogen ist von allen irdischen dingen Darnach entphehet sie Ist die begerunge alzumale gotlich so ist auch daz entphengnisse gotlich alzumale [202b] Wande alß lange als die sele ichtes eygens hait so enmag sie got nit entphahen
<:9b>NG mGg wir merken di volkGmen offenbarung unsers herren gotes an allen dingen wie sich ain gotlich lieht pligit zu beweisen Alz man merken mak was pei ainem weisen tuch leit is es rot es scheint rot Ist es weis es cheinet weis Ist es swartz es scheinet swartz und beleibet doch an im selber lauter und reine von der vnderlegung do ez uf vellet so scheinet ez manikfalt und ist doch einfalt an im selber Dor nach daz di begerung lauter und gotlich ist



dor noch wirt si gotlichen enphangen und geleich dem gotlichen lieht
<:9a>Der Weise sagt, dass das Licht Gottes durch die Engel in die Seele ausgegossen wurde. Wer demnach ein reines, transparentes Tuch, das sehr fein ist, näme und es auf etwas Rotes legte, es würde rot scheinen. Wenn man es auf etwas Grünes legte, würde es grün scheinen, wenn man es auf etwas Schwarzes legte, würde es schwarz scheinen, doch bleibe das Tuch das, was es ist.[5] So wird Gott in der Seele danach empfangen, das das Begehren rein ist, die das Licht auffängt. Auf diese Weise scheint Gott in der Seele und bleibt doch, was er ist. Dadurch, dass das Begehren von allen irdischen Dingen weggezogen ist, empfängt sie. Ist das Begehren vollkommen göttlich, dann ist auch das Empfangende vollkommen göttlich. Denn soweit die Seele etwas eigenes besitzt, kann sie Gott nicht empfangen.
<:9b>Nun können wir die vollkommene Offenbarung unseres Herrn, Gottes, in allen Dingen sehen, wie ein göttliches Licht sich normalerweise selbst zeigt. Wie man es an einem weißen Tuch ablesen kann. Was bei einem weißen Tuch liegt und rot ist scheint rot, ist es weiß, scheint es weiß, ist es schwarz, scheint es schwarz und doch bleibt es transparent und in sich rein, doch vom Untergrund, auf dem es liegt, scheint es verschiedn und ist doch in sich einfarbig.







Da folglich das Begehren rein und göttlich ist, wird sie rein und göttlich empfangen und dem göttlichen Licht gleich sein.
<:10a>Eyn meyster sprichet Alle wise lude sollen begeren zu sterben


Eyn heydenische meyster der saß in syner schulen und sprach von der ewigkeit der selen under synen iungern und sagte von den wercken der selen die sie wircken sol nach dem liue Dae was da eyner under yen dem was syn hertze entbrandt das er des lyfs gerne gelediget were der ging hinwegk und steygk uff eyne muwere und viel nydder und brach den halß und dieser was eyn heyden des mogen wir uns wol schamen
Der meyster sprach ghern enhette nit wol gethann und nit wißlichen und er ensolde [203a] also nyt han gethan Der myt rechter schult gevangen wurdt der sal mit rechter schult gelois werden Wir sin gottes gevangen wir ensollen uns selber nyt toden


Wie salle dann der wise begeren zusterben er sal sterben von allen fleysclichen und von allen irdischen dingen und von allerley sußzigkeyt der bekarungen

<:10b>auch sprichet ain meister Daz wir von blintheit der wisheit sterben schuln vnd von aller vnfleticheit
Ein meister sagt seim jFngern als vil von der ewigen saelichait vnd von edelkeit der selen und von geistlichen werken die got wurket in der sele di man niht gentzlich kenne di weil di sele gebunden ist in dem kerker dez leichnams Do der junger daz hort do gieng ez im so sere zu hertzen daz er sich liez von der maur und viel sich zu toten um daz daz er kom zu den dingen die er gehort het
Und er tet doch torlich spricht der selb meister Wir ensoln unser selbes niht gelosen ee uns got loset dez gevangen wir sein Auch der zu reht gefangen ist der endarf sich selber niht losen ee er mit reht erlost wirt
Ein chrichisser maister spricht Alle weis leut begeren daz si sterben Auch spricht ein meister daz wir von der bekantnFzz der weisheit sterben sullen von aller unveltikeit und daz sich der mensch einzieh von der sFzzen lage der bekorung und von allen fleischlichen dingen und allen irdischen dingen
<:10a>Ein Meister sagt: Alle weisen Leute sollen sich wünschen zu sterben.


Ein heidnischer Meister saß in seiner Schule und sprach über die Ewigkeit der Seele unter seinen Schülern, und sprach von den Taten der Seele, die sie nach diesem Leben tun sollte. Dann war da einer von ihnen, dem ging es so zu Herzen, dass er sein Leben loswerden wollte. Er ging weg, stieg auf eine Mauer und stürzte sich herab und brach sich den Hals. Er war ein Heide. Und wir sollten hiervon beschämpt sein.
Ein Meister sagte, er hätte es besser nicht getan und nicht aus Vorsatz, und hätte es besser sein gelassen.
Wer rechtmäßig gefangen wurde, sollte aus rechten Gründen befreit werden. Wir sind Gefangene Gottes, wir sollten uns nicht selbst töten.

Wie soll dann ein weiser Mensch sich zu sterben wünschen? Man soll allen körperlichen und irdischen Dingen und allerarten Süße der Verlockungen sterben.


<:10b>Ein Meister sagt auch, wir sollten durch die Blindheit gegenüber der Weisheit und alle Verderben sterben.
Ein Meister sagt schließlich zu seinen Schülern eine Menge über die ewige Seeligkeit und den Adel der Seele und über geistliche Werke, die Gott in der Seele tut, die man aber nicht vollkommen kennt, während die Seele im Kerker des Leiben gefangen ist. Als der Schüler dies hörte, ging es ihm so sehr zu Herzen, dass er von einer Mauer sprang und stürzte, um zu sterben, damit er solche Dinge, von denen er gehört hatte, erreichte.
Derselbe Meister sagt, er handelte töricht. Wir sollten uns nicht selbst befreien, bevor uns Gott, von dem wir gefangen seien, befreie. Denn auch derjenige, der rechtmäßig gefangen wurde, darf sich nicht selbst befreien, befor er von Gesetz wegen frei ist.
Ein griechischer Meister sagt: Alle weisen Menschen wünschen sich zu sterben. Und ein Meister sagt auch, dass wir durch die Erkenntnis der Weisheit aller Ungeformtheit sterben sollen und dass der Mensch sich von allen süßen Situationen der Verlockung und von allen körperlichen Dingen und von allen irdischen Dingen zurückziehen soll.
<:11a>Eyn heilige sprichet Eyn bekentenisse ist in mir das machet mir schemede und furcht als ich des entseben das mich got der alle creaturen geschaffen hait mit mir uß ließ fließen als er numme creaturen enhette dann in mir alleyn und ich dann myn flecken angesehen so muß ich mich schamen wande sie missehagent myr selber des [203b] mußen sie auch godde mißhagen Wer hulffet mir des das got eyn wile von mir komme das ich mich gereynige von mynen flecken und das er dan widder komme zu mir Nun sprichet eyn selige sele die wol durchgußen ist mit gotlicheme liecht wolhin ir alden flecken ir sollent den sußen uberguden got nymme hindern an myr
<:11b> Es spricht ain lerar Ein dink bringet mich zu schemede und zu vorchten als ich gedenk daz got sein augen als gentzlich uf mich gekert hat als ob kein creatur me ensei dann einiF ich Und kert sich wider zu seim gebrechen und sprach Ir unrein fleken wie lang wolt ir betrFben di aFgen meines liebsten der mich so reht liep hat vart von mir ich ewil eu niht mer leiden noch tragen daz ez so dik in sein augen storet die mich so leuterlich und so klarlich ansehen Wer gibt mir daz sich got entreih von mir ein weil biz daz ich gelautert werd und dann wider kFm und also mit mir beleib
<:11a>Ein Heiliger sagt: Ich kenne etwas in mir, das mich beschämt und mir Furcht einjagt, wenn ich feststelle, dass Gott, der alle Kreaturen geschaffen hat, mich mit ihm ausfließen ließ, als hätte er niemals andere Geschöpfe außer mir, und dann auf meine Befleckung sehe. Es beschämt mich, denn ich mag sie selbst nicht, folglich müssen sie auch von Gott nicht gemocht sein. Wer hilft mir, dass ich mich von Gott für eine Weile zurückziehe, so dass ich mich selbst reinigen kann von meinen Befleckungen, und dass er dann zu mir zurückkehrt? Nun sagt eine Seele, die vom göttlichen Licht reichlich durchflutet ist: Selbst wenn Ihr alten Befleckungen wolltet, Ihr sollt niemals ein Hindernis sein für den süßen überguten Gott in mir.
<:11b>Ein Lehrer sagt: Eine Sache beschämt mich und jagt mir Furcht ein. Wenn ich daran denke, dass Gott vollkommen sein Auge auf mich gerichtet hat, als gäbe es keine andere Kreatur außer mir. Der dann sich seiner eigenen Schwäche zuwendet und sagte: Du unreine Befleckungen, wielange wollt Ihr die Augen meines Allerliebsten bedecken, der mich so sehr liebt? Geht weg von mir, I will Euch nicht länger aushalten oder ertragen, dass seine Augen so sehr getrübt werden, die mich so rein und klar anschauen. Wer hilft mir, dass Gott sich mir eine Weile entzieht, bis ich gereinigt wurde, und dann zurückkommt und bei mir bleibt?
<:12a>Eyn Meystere sprichet alle lude begerent von naturen der wißheyde das endunt sie nit durch der wißheyt willen sunder das die sele got dar Inne erschlichen wil want alle wißheyt in eyme gotlichen liecht gegeben wurdt Die sele magk des liechtes so viel entphahen sie wurdt selue eyn liecht mit deme liecht als ich uch eyn glichnys sagen [204a] wil. Were alle die sunne in myn augen die ich ie gesach myn auge were als clare als die sunne Der steyn mag so lange in dem fure ligen er wircket dieselben wercke die das fure wyrcket
<:12b>Daz ander daz wir sullen merken die edelkeit der werk Ein meister und sanctus Dyonisius sprechen von den engeln welch ir werk sein Daz si reinigen und irleuchten und volbringen Daz sol daz geistlich werk sein an der sele daz si gereinigt und erleuht werd und sich ube an volkFmenheit dar an wirt si den engeln geleich und enpheht von genaden daz die engel besezzen han von natur
<:12a>Ein Meister sagt: Alle Leute begehren von Natur aus der Weisheit. Das tun sie nicht wegen der Weisheit, sondern weil sich die Seele Gott erschleichen will, denn alle Weisheit ist in einem göttlichen Licht gegeben. Die Seele kann so viel Licht empfangen, das sie sich selbst durch Licht in Licht verwandelt, wie ich es Euch in einem Beispiel erklären will. Wenn das gesamte Sonnenlicht, das ich jemals gesehen habe, in meinem Auge wäre, wäre mein Auge so hell wie die Sonne. Der Stein kann so lange im Feuer liegen, bis er dasselbe tut, das das Feuer tut.
<:12b>Die andere Sache, die wir bemerken sollen: Der Adel des Tuns. Ein Meister und der heilige Dionysius sagen von den Engeln, was sie tun, nämlich reinigen, erleuchten und vervollkommnen. Dieses geistliche Tun soll in der Seele sein, damit sie gereinigt und erleuchtet wird und vollkommen handelt, hierdurch wird sie den Engeln gleich und empfängt durch Gnade, was die Engel von Natur aus besitzten.
<:13a>Eyn heilige spricht Als ferre als die sele kommet uber glichnisse und uber geordent mynne also ferre werct sie gotlich

<:13a>Ein Heiliger sagt: Soweit die Seele über die Gleichheit hinaus gelangt und über eine geordnete Liebe hinaus, soweit handelt sie göttlich.

<:14a>Das wir vollenkomen und wise werden in gotlicheme liecht des helff uns der vader und der sone der die wißheit ist und der heylige geyst Amen
<:14b>Daz uns daz gescheh dez helf uns got Amen.
<:14a>Dass wir vollkommen werden und weise im göttlichen Licht, dazu helfe uns der Vater und der Sohn, der Weisheit ist, und der heilige Geist. Amen.
<:14b>Dass uns dies geschehe, des helfe uns Gott etc.



[1] Sap. 7:7-8: ‘7 Propter hoc optavi, et datus est mihi sensus; et invocavi, et venit in me spiritus sapientiae: 8 et praeposui illam regnis et sedibus, et divitias nihil esse duxi in comparatione illius.’
[2] See the parallel thought that the ascending means ascending into God and receiving in the Son with the Son from the Father, so in Eckhart, Hom. C2,2* [96*; Q 75], n. 11: ‘wan die wîle der mensche ûfklimmende ist und enpfâhende ist mit mittel der crêatûren, sô enist er niht ze ruowe komen. Swenne er aber ûfklimmende ist in got, dâ enpfæhet er in dem sune mit dem sune von dem vater allez, daz got geleisten mac.
[3] On this pagan master and the source see Hom. C5,6* [Sievers 23], n. 3.
[4] That this is the correct translation is shown at the end, where the intimate self-offering, or self-exposing (other possible translations) is turned into a matter of buy and pay.
[5] Diesen Gedanken wonach der Träger dasselbe ist, auch wenn es vorher weiß und danach schwarz ist, führt Eckhart auf in In Ioh. n. 509 (LW III 440,8-10) auf.


Predigt S10,1* [München, Cgm 186]

In festo sancti Iohannis apostoli et evangelistae (27.12.)
‘Petrus vidit illum discipulum quem diligebat Jesus sequentem’ (Ioh. 21,20)


Text und Übersetzung

<:1> [162r]<P>etrus uidit illum discipulum quem diligebat jhesus sequentem petrus sach den junger den jhesus minnet nach volgen vnd der da r#ouwet vff sim hertzen an dem nacht mäl
<:1>„Petrus vidit illum discipulum quem diligebat Jesus sequentem’.[2] Petrus sah den Jünger, den Jesus liebte, nachfolgen, und der da ruht auf seinem Herzen bei dem Nachtmal.[3]
<:2>sanctus dyonysius spricht ain ieglich ding daz genaiget ist. z#ou selikait vnd volkumenhait. ist so vil seliger vnd volkumener so vil es neher vnd z#ou gezogner ist dem dz da gewärlich vnd aigenlich vnd s#ealig vnd volkumen ist vnd von dem ez entl#euhtung enphahet. vnd dz ist dannen von. won ain iegklich geschaffen ding z#euhet vnd minnet dz ds es ist vnd all sin volkumenhait von dem ersten oberesten anuang dz gott ist. der alle volkumenhait het on allen gebresten.

<:2> Sankt Dionysius spricht:[4] „Ein jeglich Ding, das geneigt ist zur Seligkeit und Vollkommenheit,[5] ist desto seliger und vollkommener[6] je näher und hingezogener[7] es ist zu dem, was da zuverlässig und eigentlich und selig[8] und vollkommen ist und von dem es Erleuchtung[9] empfängt’.[10] Und das geschieht daher, dass ein jeglich geschaffenes Ding dasjenige anzieht und liebt,[11] von dem es ist, und dass all seine Vollkommenheit von dem ersten, obersten Anfang ist,[12] der Gott ist, der alle Vollkommenheit hat ohne jeglichen Mangel.[13]


<:3>vnd [162v] da von spricht anshelmus dz erst ist rich vnd volkumen von jm selber. da von so vil ain iegklich ding neher ist. vnd gelicher gott ist so vil me ist ez neher vnd innerlicher mit gott. geainbert der ain brunn ist vnd ain  vrspr#eungkliche anuang aller vollkumenhait. vnd da von wirt och der mensch edler vnd volkumner an allen den dingen die gott z#ou geh#eorend vnd genaigt sind. Je me vnd ie neher er sich z#ou gottlicher aigenschafft f#eugt. aber #evber alle die vollkumenhait die man gott git vnd gott z#ou geh#eoren mag. ist die w#eurkung der verstanust. vnd des willen. won mit der w#eurkung der gottlichen verstanust gebirt der vatter den sun. der von dem vatterlichen hertzen in wortes wis. vnd #evstan nust enspringet vnd vsgait. mit dem wort #evstait der vatter. sich selben. vnd etli anderi ding von imselben as augustinus spricht von dem kumet der hailig gaist als ain minnen mit der gott der vatter sich minnet vnd jm selben geualet in dem sun vnd elly ding schepfet gar g#out als sant augustinus spricht [163r] vff ds wort spiritus divini verebatur super aquas. Gottes gaist in wonhafft vff dem wasser. vnd Gott sach elle ding die er geschaffen het vnd  warent gar g#out. dis ist aber die enph#eanglichy enl#euchtung. da mit der mensch als der engel z#ou gott gezogen vnd gott gelich w#eurt also das von der enl#euchtung wegen vnd von der w#eurkung der verstanust die mit den gottlichen liecht enz#eut ist. das ist die w#eurkung des willen vnd des begrid die sich vswendig brucht vnd zaigt mit der als aristotiles spricht homo sodinn et zeter

<:3>Und davon spricht Anselm: „Das erste ist reich und vollkommen durch es selbst’.[14] Denn je näher und ähnlicher jegliches Ding Gott ist, desto näher und innerlicher ist es mit Gott vereint, der ein Brunnen[15] ist und ein ursprünglicher Beginn aller Vollkommenheit.[16] Und dadurch wird auch der Mensch edler und vollkommener an allen den Dingen, die Gott zugehören und zugeneigt sind, je mehr und je näher er sich zur göttlichen Eigenschaft[17] fügt. Doch über all die Vollkommenheit, die man Gott gibt und die Gott zugehören kann, geht das Wirken der Vernunft und des Willens. Denn durch das Wirken der göttlichen Vernunft gebiert der Vater den Sohn, der dem väterlichen Herzen[18] als Wort und Vernunft entspringt und von ihm ausgeht. Mit diesem Wort versteht der Vater sich selbst und alle anderen Dinge durch sich selbst,[19] wie Augustinus spricht: Von diesem kommt der Heilige Geist als Liebe, mit der Gott, der Vater, sich liebt und sich selbst in dem Sohn gefällt und alle Dinge als vollends gut schafft,[20] wie Sankt Augustinus spricht über den Vers: „Spiritus divini verebatur super aquas’.[21] „Gottes Geist wohnt über dem Wasser’.[22] Und Gott sah alle   Dinge, die er geschaffen hatte und sie waren sehr gut. Dies aber ist die empfangene Erleuchtung, mit der der Mensch wie der Engel zu Gott gezogen und Gott gleich wird sowohl wegen der Erleuchtung, als auch aufgrund des Wirkens der Vernunft, die mit dem göttlichen Licht entzündet ist.[23] Das ist die Wirkung des Willens und der Begierde, die sich nach draußen kehren, was Aristoteles belegt, wenn er spricht: „Homo’ und so weiter etc.[24]
<:4>der mensch der nach der verstanust. w#eurket der ist gott alle gelichest vnd aller liebst. vnd dis regel halt dyonisius da er redet von den engelschen koren vnd spricht kerrubin vnd serraphin ist als fil gesprochen als zundet als brinnet. von minnen ist. kerubin als fil gesprochen als voll kunst als l#euchtet. zvon die engel sind mit gott aller n#east verainbart.

<:4>Der Mensch, der nach der Vernunft wirkt, der ist Gott in allem gleich und am allerliebsten. Und diesen Grundsatz kennt Dionysius, wenn er von den Engelschören spricht und und sagt, dass Cherubim und Seraphim so viel bedeutet, wie zünden und brennen, [nämlich] aus Liebe. Cherubim heißt so viel wie Weisheit, die leuchtet.[25] Die beiden Engel sind   mit Gott ganz eng verbunden.
<:5>wissend wen man von vollkumenhait der creatur redet so ist alweg die gros geachtet vnd geeret vor den vatterlichen hertzen die loblich magt marien gottes m#euter die vs genomen ist über all creaturen vnd erhöcht an den löb näch [163v] an Cristem geloben sy lait ir. de kain Creatur ir gelichnet noch genos noch kain gelichnust ist da von ze reden. da von sprichet der minn sam Anshelm#ou.


die selig Maria Gottes mGter so vil ist sy wirdiger vnd h#eoher ob allen Creaturen. also das under gott jr gelich nie funden wart noch niemer funden w#eurt. so vil ist sy me volkumner an aller luterkait vnd loblicher ob allen creaturen sy ist vol gnäd. da von sprich et orienus Inter omnes et zeter. vnder allen menschen die ie gnäd enpfiengend mocht kains menschen gnaid z#ou ir gnäd nie gelichen won sy gesetzt ist vff die oberesten statt der gnäd won sy gottes m#outer wart mit hertzen vnd mit lib vnd ain gaist vnd ain ansag ist mit irm sun wesenklichen.
<:5>Man muss wissen, wenn man von der Vollkommenheit der Kreatur spricht, steht einem immer die gebenedeite Jungfrau Maria, Gottes Mutter, vor Augen als hoch geachtete und geehrte an dem väterlichen Herzen,[26] die an Lob herausgehoben und erhöht ist über alle Kreaturen,[27] deren Anliegen es war, Christus zu loben. Weder ist ihr eine Kreatur, noch versehrte diese sie, deswegen kann man auch keine Ähnlichkeit von ihr behaupten. Deshalb sagt der geliebte Anselm:
Die selige Maria, Gottes Mutter, ist soviel würdiger und höher als alle Kreaturen, so dass vor Gott ihres Gleichen nicht gefunden wurde, noch gefunden werden wird.[28] So viel ist sie vollkommener an aller Lauterkeit, und lobenswerter als alle Kreaturen, sie ist voll der Gnaden. Davon spricht auch Origenes: „Inter omnes’ etc.[29] Unter allen Menschen, die je Gnade empfangen haben, konnte keine Gnade eines Menschen ihrer Gnade gleich kommen, da sie an die oberste Stätte der Gnade gesetzt worden war, da sie Mutter Gottes war mit dem Herzen und dem Leib und zusammen mit ihrem Sohn dem Wesen nach ein Geist und eine Ursache ist.[30]
<:6>aber näch dir geerten magt gottes m#outer so ist der loblich fürst der aller luterst mensch sant der johanns der Ewangelist. so vil er me #evberfl#euset vnd für triffet #evber all creaturen vnd an des habend wir von im vrk#eund an gottlicher volkumenhait so fil ist er neher mit Gott ferainbert vnd gott z#ou gezogen vnd Gott gelichner denn ie Creatur. vnd [164r] des habend wir aber vrk#eund vnd bewerung an sant petern der ain ph#eundm#eunt in der cristenhait vnd ain beslieser der hell ain torwachter der himel. ain vestuung des globen vnd ain pfleger gotz an gottes statt. do im gott r#oufft z#ou der volkumnesten selikait das er im nachgieng vnd nach volgen söl mit der marter do kert er sich z#ou dem aller selgosten johannem recht als z#ou ainen richen vnd gütigen vnd vollen bilder aller volkumenhait vnd sach inn an vnd schowet. vnd wunderet vnd betrachtot vnd sinnot sich näch den r#ouf vnd da von stät geschriben petrus uidit illum Petrus sah den junger den jesus minnot im näch ze volgen vnd der da röwet uff sim hertzen. an den nacht mäl. In disen worten die man aigenlich mag z#euhen uff den loblichen geminnten junger sant johanns ist der geminnt joh(ann)es ger#eumt. an fünfer hand vol kumenhait.
1 Die erst ist an dem wort. petrus vidit.
2 Die fürtreffenlich glichnust dz er gelichet wart den aller volkumensten man vnd den gottlichen man sancto petro.
3 die andere ist die schowelich vnderschidung näch der verstanust al der die sunderbair vs genumen luterkait [164v] der fernuft die br#euft man an den worten illum discipulum dz spricht die minnsam der wellung näch der begird an den worten quem diligebat jhs spricht den Gott minnet
die fierd ist die gantz vnd volkumen nach volgung mit der vollf#eurung an dem wort sequentem etc spricht näch volgen oder näch genden
5) Die v ist die begärt vnd gew#eunst row gen sinem geminnten an den worten qui in cena recubuit
<:6>Doch nach der geehrten Magd, der Mutter Gottes, kommt der gelobte Fürst, der aller lauterste Mensch, St. Johannes, der Evangelist. Je mehr er alle Kreatur überfließt und übertrifft, von dem wir die Urkunde[31] der göttlichen Vollkommenheit besitzen, desto näher ist er mit Gott geeint und zu Gott hingezogen und Gott gleicher als jede Kreatur. Dafür besitzen wir auch eine Urkunde und einen Beweis[32] durch St. Petrus, der ein Fundament in der Christenheit, ein Verschließer der Hölle, ein Torwächter des Himmels, eine Festung des Glaubens und ein Vertreter Gottes an Gottes Statt. Da ihn Gott ruft zu der vollkommensten Seligkeit, dass er ihm nachgehen und nachfolgen soll mit dem Martyrium, so kehrt er sich zu dem allerseligsten Johannes recht als zu einem reichen und gütigen und voller Bilder aller Vollkommenheit und sah ihn an und schaute und wunderte sich und betrachtete, schaute aus nach dem Ruf und deswegen steht geschrieben: „Petrus vidit illum [...]’,[33] »Petrus sah den Jünger, den Jesus liebte, ihm nachfolgen, und der da ruht auf seinem Herzen bei dem Nachtmal«. Mit diesen Worten, die man eigentlich auf den geliebten Jünger St. Johannes beziehen mag, wird der geliebte Johannes fünffacher Vollkommenheit gerühmt:
1) Die erste durch das Zitat ›Petrus vidit‹.
2) Das vortreffliche Gleichnis, dass er gleich gemacht wurde dem aller vollkommensten Menschen und dem göttlichen Menschen, St. Petrus.
3) Die dritte ist die sichtbare Unterscheidung[34] nach der man all die sonderbare, ausgesprochene Lauterkeit der Vernunft versteht, die man mit den Worten belegt: illum discipulum, das den geliebten[35] bezeichnet, der das Begehren[36] will, und die Worte: quem diligebat Jesus, die den meinen, den Gott liebt.
<4)> Die vierte ist das gänzliche und vollkommene Nachfolgen mit den angeführten Worten: sequentem etc., d.h. nachvolgen oder nachgehen.
5) Die fünfte ist die begehrte und gewünschte Ruhe zu seinem Geliebten mit den Worten: ›qui in cena recubuit‹.
<:7>Was spricht der an dem nacht mäl rowet vf sinem hertzen z#ou den ersten so w#eurt er gemint junger sant johanns Gelopt ander f#eur treffenden gelichnust z#ou sant petern den aller volkumesten vnd got aller nästen man vnd där nach z#ou allen luteren menschen die #eumer geborn sond werden bis an den jungsten tag vnd des habend wir vrk#eund also der erst vrsprung ains jegklichen dings ist edler vnd besser am im selben denn da von kund alder da von gezogen w#eurt disi ragel die ist wair on alle widerred Dz der erst vrsprung ains jeglichen dings ist volkumner vnd edler den dz da von kund nun sind dis zwen apostel als paulus spricht [165r] sy sind recht fursten s#eul der hailigen Cristenhait vnd allen cristinen l#euten die von inen al ze mal sind vnd dz ist bew#eart an den wörten die gott selber sprach ze sant petern dz er sin cristenhait vff inn wet buwen als ain vest pfündm#eunt
<:7>Was besagt es, „der beim Nachtmahl auf seinem Herzen ruht’? Erstens wird der geliebte Jünger St. Johannes gelobt durch das treffende Gleichnis von St. Petrus, den allervollkommensten und Gott allernächsten Menschen, und dann auch von allen lauteren Menschen, die jemals geboren werden bis an den jüngsten Tag.
Und hierfür haben wir eine Urkunde, denn der erste Ursprungs eines jeglichen Dings ist edler und besser in sich selbst, denn hieraus kommt alles, was daraus gezogen wird, dieser Grundsatz ist wahr ohne jeglichen Widerspruch. Denn der erste Ursprung eines jeglichen Dinges ist vollkommener und edler als das, was hieraus kommt. Nun sind es zwei Apostel, wie Paulus sagt, sie sind recht Fürsten der heiligen Christenheit[37] und aller Christenleuten, die es durch sie überhaupt gibt, und das ist bewiesen mit den Worten, die Gott selbst dem Petrus sagte, dass er seine Christenheit auf ihn bauen würde als ein festes Fundament.
<:8>hie by merken wir dz er wer ain fürsten sul die elly cristinen menschen vff enthielt und geflossen als von dem ersten vrsprung won dis zwen apostel warend on allen zwiffel die besten vnd die höhsten die do warend in den ziten in der hailigen cristenhait. nun möcht ietwar gedenken dz als g#out alder bessers noch werden möcht her näch alder dz ietzend als g#out wer alder besser by vnseren ziten ald hinnazem jungsten tag des bewiset vns die Glos #evber dz wort. nos primitias spiritus habentes. dz spricht wir habend den ersten vrsprung des gaist. vnd spricht die Glos ds die junger werin hailgerus vnd volkumers lebens denn elli menschen die iemer sond geborn werden vntz an den iungsten tag. won der erst vrsprung des gaist het in inn volkumenlich alles dz da von fl#euset. Ist es nun also dz von den ersten vntz an den iunsten sy petrus wz der oberost vnd der best vnd dz der [165v] vnd dz der gm
<:8>Hierzu bemerken wir, dass er, der ein Fürst sein soll, der alle Christenmenschen tragend halte, geflossen ist vom ersten Ursprung. Denn diese zwei Apostel waren ohne allen Zweifel die besten und die höchsten, die da in den Zeiten der heiligen Christenheit existierten. Doch nun möchte ich etwa daran erinnern, dass, wer so gut, hernach noch besser   werden könne, dass der, der bereits jetzt so gut wäre in unseren Zeiten, später am jüngsten Tag noch besser würde, was uns die Glosse zu dem Vers beweist: ›nos primitias spiritus habentes‹ (Rm 8,23).[38] Dies heißt, dass „wir den ersten Ursprung des Geistes besitzen’. Und selbst wenn die Glosse sagt, dass die Jünger heiliger und vollkommeneren Lebens seien als alle Menschen, die jemals geboren werden bis an den jüngsten Tag. Weil der erste Ursprung des Geistes hätte in ihnen[39] auf vollkommene Weise alles, was daraus fließt. Ist es nun folglich, dass von dem ersten bis zum letzten St. Petrus der Oberste und der Beste war und dass der und das der gem[40]
vnd serraphin <vnd serraphin> conj.] vnd serraphin ms
8 st conj] sy ms




[1] Vgl. Ioh. 21,20 wird nicht häufig in deutschsprachigen Predigten des Mittelalters benutzt, vgl. Karin Morvay und Dagmar Grube, Bibliographie der deutschen Predigt des Mittelalters. Veröffentlichte Predigten, MTU 47 (München, 1974). Weder im Register der lat. Initien noch dem der dt. findet sich eine Predigt zu der Perikope. „Allerdings erfreute sich der Text bei der Thematisierung der Gegenüberstellung der vita activa (Petrus) und vita contemplativa (Johannes Ev.) in der dt.sprachigen Literatur der/für die südwestdeutschen Dominikanerinnen wachsender Beliebtheit: Conversus Petrus-Predigten begegnen in zwei südwestdeutschen Johannes-Libelli, die ins 13. Jh. zurückreichen: eine Predigt in: Karlsruhe, LB, St. Peter pap. 21, 174v-190r (https://digital.blb-karlsruhe.de/blbhs/content/pageview/398490, 17.03.2019). Im Pommersfeldener Johannes-Libellus (Ms. 120) finden sich sogar zwei Conversus-Petrus Predigten, eine anonyme, 69rb-79ra und eine von Rudolf von Klingenberg (http://www.handschriftencensus.de/15224, 17.03.2019). Außerdem finde(t man) ... über PiK weitere Überlieferungen zu diesem Textwort, so aus Heinrichs von Erfurt Postille: http://pik.ku-eichstaett.de/13702/, 17.03.2019; diese Predigt wurde von Hermann von Fritzlar in seine Heiligenpredigtsammlung „Der Heiligen Leben’ aufgenommen, in der Parallelüberlieferung in Wien erscheint sie mit dem Initium „Conversus Petrus’ (Ich danke Regina D. Schiewer für diese Hinweise, die sie mir zu meiner Erstedition dieses Textes in einem noch unveröffentlichten Artikel gemacht hat); keine Predigt zur Perikope findet sich in Die St. Georgener Predigten, hg. von Regina D. Schiewer und Kurt Otto Seidel, DTM 90 (Berlin, 2010).
[2] Ioh. 21,20: „Petrus videt illum discipulum quem diligebat Jesus sequentem’.
[3] Vgl. die zuvor diskutierte ausführliche Parallele bei Eckhart, In Ioh. nn. 736–40 (LW III 642,1–645,5).
[4] Hier liegt kein Zitat vor, sondern eine Rezeption von Pseudo-Dionysius, die vielleicht über Thomas Gallus, De septem gradibus contemplationis, erfolgte; vgl. zu diesem Werk Gabriel Théry, „Thomas Gallus et Égide d’Assisi: le traité De septem gradibus contemplationis’, Revue néoscolastique de philosophie 36 (1934), 180–90; vgl. auch Boyd Taylor Coolman, „The Medieval Affective Dionysian Tradition’, in Sarah Coakley und Charles M. Stang (eds), Re-thinking Dionysius the Areopagite (Malden, 2009), 85–102, und Nigel F. Palmer, „‘In kaffin in got’. Zur Rezeption des ‚Paradisus anime intelligentis‘ in der Oxforder Handschrift MS. Laud Misc. 479’, in Burkhard Hasebrink, Nigel F. Palmer und Hans-Jochen Schiewer (eds), ›Paradisus anime intelligentis‹. Studien zu einer dominikanischen Predigtsammlung aus dem Umkreis Meister Eckharts (Tübingen, 2009), 69–132, 90–5.
[5] Die Kombination von Vollkommenheit und Seligkeit begegnet bei Eckhart, Hom. 110* [Q 10], n. 11: „in ganzer volkomenheit und in sælicheit’; so auch Hom. 59* [Q 42], n. 9: „Nû wizzet: alliu unser volkomenheit und alliu unser sælicheit liget dar ane, daz der mensche durchgange und übergange alle geschaffenheit und alle zîtlicheit und allez wesen und gange in den grunt, der gruntlôs ist’.
[6] Die Steigerung von ›vollkommen‹ begegnet wiederholt bei Eckhart, vgl. etwa Hom. 29* [Q 43], n. 4; Hom. 13* [S 102], n. 18.
[7] Vgl. Hom. 82* [Q 60], n. 5.
[8] Zur Seligkeit, die alle im Himmel und auf Erden gleich haben, die also der Mensch mit Maria wie den Heiligen gemein hat, dieselbe Würde und die selbe Tugend, die in dieser Predigt hier eine Rolle spielt vgl. den parallelen Gedanken bei Eckhart, Hom. 92* [Q 74].
[9] Hom. 12* [Q 14], n. 2: „Stant vp jherosalem inde wirt erluchtet’.
[10] Dass Vollkommenheit ›empfangen‹ (»alle volkommenheit z#ou empfahend«) wird, findet sich wiederholt und auch wörtlich bei Eckhart, Hom. 92* [Q 74], n. 4: „alle volkommenheit zuo empfahend’; Hom. 32* [S 108], n. 9: „Wan an im enpfæhet er volkomenheit’.
[11] Die Kombination von ›ziehen‹ und ›lieben‹ findet sich bei Eckhart und zwar mit einem Rückverweis: Hom. 67* [Q 31], n. 7 („Ich hân ez ouch mê gesprochen: wære ich îtel und hæte ein inviuric minne und glîcheit, ich züge got alzemâle in mich’).
[12] Vgl. Hom. 5* [Q 22], n. 10: „in dem êrsten beginne der êrsten lûterkeit’; vgl. ebd., n. 15; Hom. 18* [Q 1], n. 14: „in ir êrste begin’; Hom. 114* [Q 15], n. 11: „Ich hab och me gesprochen von dem ersten begin vnd von dem festen end. Der vater ist ain begin der gothait, wan er begriffet sich selber in im selber’; Hom. 100* [Q 17], n. 9: „In dem kumet si in daz êrste, in den begin’. Gott als „Anfang’ vgl. Eckhart, Hom. 110* [Q 10], n. 4: „der anevanc der meinunge ist got’.
[13] Vgl. z.B. Hom. 67* [Q 31], n. 3: „Diu sêle sol sich opfern mit allem dem, daz si ist und daz si hât, gebresten und tugende’; Hom. 8* [Q 76], n. 9: „Daz der mensche klaget und leidic ist, daz ist allez von gebresten’; Hom. 5* [Q 22], n. 7: „alle crêatûren die würkent nâch ir êrsten lûterkeit und nâch ir aller hœhsten volkomenheit. Viur als viur enbrennet niht; ez ist als lûter und als kleinvüege, daz ez niht enbrennet; mêr: diu natûre des viures diu brennet und giuzet in daz dürre holz sîne natûre und sîne klârheit nâch sîner allerhœhsten volkomenheit. Alsô hât got getân. Er hât die sêle geschaffen nâch der allerhœhsten volkomenheit und hât in sie gegozzen alle sîne klârheit in der êrsten lûterkeit, und ist er doch unvermischet bliben’; RdU (DW V 212,12–213,5): „Ez sint zwêne menschen: der ein mensche sî alsô, daz kein gebreste an in stôze oder wênic; aber der ander ist alsô, daz an in stôzent die gebresten. Von der ûzern gegenwerticheit der dinge sô wirt sîn ûzer mensche beweget [...]. Aber mit sînen obersten kreften sô stât er zemâle stæte, unbeweget und enwil niht des gebresten tuon’.
[14] Vgl. Eckhart, Hom. 55* [Q 80], n. 7, wo das Zitat ohne Quellenangabe steht, obwohl Eckhart kurz zuvor den „Liber de causis’ zitiert hatte. Auch ohne Quellenangabe lesen wir es in In Ioh. n. 97 (LW III 83,14-5). Dem „Liber de causis’ weist Eckhart den Gedanken ausdrücklich zu In Eccl. n. 12 (LW II 242,1-3). Den Gedanken finden wir in der Tat nicht bei Anselm, sondern im „Liber de causis’, prop. 20 (21), n. 162 (ed. Adriaan Pattin, ’Le Liber de causis. Edition établie à l’aide de 90 manuscrits avec introduction et notes’, Tijdschrift voor Filosofie 28 [1966], 90–203, 92): ‘Primum est dives per seipsum et non est dives maius’. Eckhart las den ‘Liber de causis’ bei und durch Albertus, De causis et processu universitatis II, tr. 4, c. 5 (Albertus Magnus, De causis et processu universitatis a prima causa, ed. Winfried Fauser, Alberti Magni Opera omnia. Bd. 17,2 [Münster, 1993]), 160,6–8: ‘Dives autem ad omnia et simpliciter dives simplicissimum est, quod in uno et unite omnia continet et habet, quae sunt idem ‘ei quod ipsum est’’Vgl. Studi sulle fonti di Meister Eckhart I, ed. Loris Sturlese, Dokimion 34 (Freiburg, 2008), 139; die Stelle selbst steht also nicht bei Anselm, und „Anselmus’ ist vielleicht eine Verschreibung für „Albertus’; vgl. auch DW IV mit der ersten Fußnote zum Text von Pr. 117, in welchem weitere Textzeugen für die Rezeption bei Eckhart angeführt werden; zur Kombination von Pseudo-Dionysius und dem Zitat vom Ersten, das reich in sich selbst ist, vgl. Eckhart, Sermo 30 n. 55 (LW IV 55,1–4): „Adhuc nono dic quod dei natura, esse et vita subsistit in se communicando et se ipsum se totum dando. Primum enim est dives per se. Est ergo ipsi per se per se. Unde secundum Dionysium non ratiocinando se amare ipsum dat, sicut sol irradiat’.
[15] Vgl. BgT (DW V 14,4): „einiger brunne’.
[16] Vgl. Hom. 94* [S 95], n. 8: „ein brunne götlîcher edelkeit und ist got selber’.
[17] Zu dem Thema der göttlichen Eigenschaft vgl. Hom. 4* [Q 77], n. 6: „daz got und diu sêle sô gar ein18 ist, daz got kein eigenschaft haben enmac, mit der er gescheiden sî von der sêle oder kein anderz ensî’; Hom. 68* [Q 44], n. 7: „Daz ist gotes eigenschaft’.
[18] Der Gedanke, dass der Sohn von der göttlichen Kraft der Vgl. le geboren wird, begegnet in Hom. 83* [Q 2], n. 9: „Wan der êwige vater gebirt sînen êwigen sun in dirre kraft âne underlâz, alsô daz disiu kraft mitgebernde ist den sun des vaters und sich selber den selben sun in der einiger kraft des vaters’; Hom. 95* [Q 27], n. 9: „In dem selben ursprunge, dâ der sun urspringet, dâ der vater sîn êwic wort ûzsprichet, und ûz dem selben herzen, dâ urspringet ouch der heilige geist und vliuzet ûz’; und Hom. 111* [S 106], n. 7: „Ze glîcher wîse als der êwic gotes sun quillet ûz dem veterlîchen herzen, alsô quillet er in einer gotminnender sêle’ und n. 8: „Ie dicker disiu geburt geschihet, ie inniger der mensche in daz veterliche herze gevüeget wirt’; er ist im ewigen Verstand, Hom. 41* [Q 4], n. 11: „Der vater gebirt sînen sun in dem êwigen verstantnisse, und alsô gebirt der vater sînen sun in der sêle als in sîner eigenen natûre und gebirt in der sêle ze eigen’; dass er im väterlichen Herzen ist, findet sich in Hom. 39* [Q 69], n. 15: „Vernünfticheit diu blicket în und durchbrichet alle die winkel der gotheit und nimet den sun in dem herzen des vaters und in dem grunde und setzet in in irn grunt’, und Hom. 96* [Q 75], n. 8: „Disiu geburt ist sîn verstantnisse, diu êwiclîche ursprungen ist von sînem veterlîchen herzen, in dem er alle sîne wunne hât ... wan der sun ist ein lieht, daz dâ êwiclîche geliuhtet hât in dem veterlîchen herzen’; er ist in einem reinen Herzen Hom. 49* [Q 5a], n. 8: „Merckend! Got enhat kein eygner statt dann ein rein hertz und ein reine sel; do gebirt der vatter sinen sun.
[19] Vgl. Hom. 114 [Q 15], n. 11: „Ich hab och me gesprochen von dem ersten begin vnd von dem lesten end. Der vater ist ain begin der gothait, wan er begriffet sich selber in im selber’; Hom. 78* [Q 23], n. 11: „Diu sêle erkennet von ûzen, got verstât in im selben durch sich selber, wan er ist ein ursprunc aller dinge’; hier wird bereits Augustinus mitgedacht, wie Eckhart in In Ioh. n. 568 (LW III 495,9–10), angibt: „pater autem principium est totius divinitatis, ut ait Augustinus -, nec aliter intellectui sufficit, quousque cognoscat rem in suis principiis’, und ebenso Sermo 2,1 (LW IV 7,4f.): „Ratio, quia secundum Augustinum ‘pater principium est totius deitatis‘‘, und Sermo 2,1, LW IV 11,15): „‘pater secundum Augustinum ‚principium est totius deitatis‘‘; vgl. Augustinus, De trinitate IV c. 20 n. 29 (PL 42,908).
[20] Vgl. Augustinus, De trinitate IV c. 20 n. 29 (PL 42,908): ‘spiritus vero sanctus, caritas et sua et patris et filii’; Augustinus, De trinitate XV c. 19 n. 37 (PL 42, 1086): ‘Et si caritas qua pater diligit filium et patrem diligit filius, ineffabiliter communionem demonstrat amborum, quid convenientius quam ut ille dicatur caritas proprie, qui spiritus est communis ambobus’; diesen Text benutzt Eckhart ganz ähnlich in In Ioh. n. 565 (LW III, 571,113): ‘spiritus sanctus procedit a filio, ubicumque procedit, sicut amor a notitia; filii autem ut filius non est generare filios, sed hoc est proprium patris’.
[21] Gn 1,2. Diese Stelle ist eine unmittelbare Parallele zu Eckharts Sermo 2,1 nn. 4–5 (LW IV, 7,1–12): „‘et spiritus domini ferebatur super aquasUnde ibi scriptura in sui exordio trinitatem innuens nomen dei accipit in persona patris. Ratio, quia secundum Augustinum ‘pater principium est totius deitatis. Sequitur: ‘pacis, id est filii, Eph. 5: ‘ipse est pax nostra. ‘Dilectionis, id est spiritus sancti, Col. 1: ‘gratias agentes deo patri, qui nos transtulit in regnum filii dilectionis suae. Dilectio enim, qua se diligunt pater et filius, est ipse spiritus sanctus. Diligunt enim spiritu sancto, sicut arbor floret floritione, floret flore, Is. 11: ‘flos de radice eius ascendet, et requiescet super eum spiritus domini etc., ‘spiritus sapientiae etc. ‚Haec enim omnia operatur unus atque idem spiritus’; die Kombination der Genesisstelle mit der Auslegung des Augustinus und die Schlussfolgerung, dass es hier um die Frage der Herkunft geht, ist gerade wegen der verschiedenen Formulierung in der bruchstückhaften Predigt bei gleichem Gedankengang ein schwergewichtiges Argument für deren eckhartsche Herkunft. Vgl. Augustinus, Confessiones XIII c. 5 n. 6, CSEL XXXIII, 348,23–349,3: ‘Et tenebam iam patrem in dei nomine, qui fecit haec, et filium in principii nomine in quo fecit haec, et trinitatem credens deum meum, sicut credebam, quaerebam in eloquiis sanctis eius, et ecce ‘spiritus tuus superferebatur super aquas’’; In Sap. n. 28 (LW II 348,9349,9); In Ioh. n. 56 (LW III 47,57): ‘Personam enim patris notat per nomen dei, personam filii nomine principii: ‘in principio’, inquit, ‘creavit deus’. De sancto spiritu sequitur ibidem: ‘spiritus dei ferebatur super aquas’’, ibid. n. 60.
[22] Gn 1,2.
[23] Vgl. Hom. 96* [Q 75], n. 7: „Alsô ist ez umbe mîne vernunft. Vernunft, diu ein lieht ist, kêre ich die von allen dingen die rihte gegen gote, wan denne got âne underlâz ist ûzvliezende mit gnâden, sô wirt mîn vernunft erliuhtet und vereinet mit minne und dar inne got bekennende und got minnende, als er in im selber ist. Hie mite werden wir underwîset, wie got ûzvliezende ist in die vernünftigen crêatûren mit dem liehte der gnâde und wie wir mit unser vernunft nâhen süln disem gnædiclîchen liehte und ûz uns selben gezogen werden und ûfklimmende in ein lieht, daz got selber ist’.
[24] Hom. 114 [Q 15], n. 6: „Nun merkent, was aristotiles spricht von disem mentschen. homo das ist als vil gesprochen als ain mentsch ...’; vgl. Aristoteles, B c. 1 (412 ab).
[25] Hom. 22* [Q 37], n. 5: „[...] die drîe kœre in in hânt: Thrôni die nement got in sich und behaltent got in in, und got ruowet in in; Cherubîn die bekennent got und blîbent dar ane; Seraphîn daz ist der brant’. Vgl. auch den Rückverweis in Hom. 24* [Q 19], n. 7: „In der stille und in der ruowe – als ich nû sprach von den engeln, die dâ sitzent bî gote in dem kôre der wîsheit und des brandes – dâ sprichet got in die sêle und spricht alzemâle in die sêle’; Hom. 81* [Q 60], n. 11 zu Sap 1,3f.: „Dar umbe sprichet Dâvît: ‘got der sitzet obe Cherubîn’; er ensprichet niht, er sitze obe Seraphîn. Cherubîn bezeichent die wîsheit, daz ist die bekantnisse’; der Verweis auf Dionysius ist Thomas entnommen: Th. Aqu., STh I q. 108 a. 5 ad 6: „Ad sextum dicendum quod ordo Thronorum habet excellentiam prae inferioribus ordinibus in hoc, quod immediate in deo rationes divinorum operum cognoscere possunt. Sed Cherubim habent excellentiam scientiae; Seraphim vero escellentiam ardoris. [...] Exponit autem Dionysius nomen Thronorum, per conventiam ad materiales sedes [...]’; man vgl. auch zu den Engeln Isid. Hisp., Etymologiae VII c. 5 n. 21ff. (ed. Wallace Martin Lindsay I): ‘Throni sunt agmina angelorum, qui Latino eloquio sedes dicuntur; et vocati Throni quia illis conditor praesidet, et per eos iudicia sua disponit. Cherubin autem [...] qui ex Hebraeo in linguam nostram interpretantur scientiae multitudo. [...] qui pro eo, quod vicinius positi divina scientia ceteris amplius pleni sunt, Cherubin, ed est plenitudo scientiae, appellantur. [...] Seraphin quoque similiter multitudo est angelorum, qui ex Hebraeo in Latinum ardentes vel incendentes interpretantur’; vgl. auch Petrus Lombardus, Sent. II d. 9 c. 1 n. 59–60.
[26] Zum „väterlichen Herzen’ vgl. weiter oben.
[27] Zum unschätzbaren Lob Marias vgl. In Sap. n. 16 (LW II 244). Die Predigt findet sich in der Postille Heinrichs von Erfurt, vgl. Regina D. Schiewer, „The postil of Hartwig of Erfurt as a preaching tool’, Medieval Sermon Studies 45 [2001], 40-57). „Die Postille ist bekannt als eine Sammlung aus dem Erfurter Dominikanerkloster, die Eckhartpredigt(en) und die seiner Zeitgenossen rezipiert (wie das Paradisus anime und die Kölner Klosterpredigten). ... Interessant ist hierbei, dass Heinrichs (= Hermanns) Predigt in der Parallelüberlieferung in Wien, ÖNB, Cod. 2845, das Initium ‚Conversus Petrus‘ aufweist: http://pik.ku-eichstaett.de/4241/« (17.03.2019) (so Regina D. Schiewer in einer editorischen Notiz zu dem früheren Artikel).
[28] Anselm, De conceptu virginali et de peccato originali c.18; diese Stelle wird benutzt und zitiert bei Eckhart, In Eccl. nn. 146 (LW II 244,1245,2): „De primo Anselmus: decebat nimirum, ut ea puritate virgo illa niteret qua maior sub deo nequit intelligi. Cant. 4: tota pulchra es, amica mea, et macula non est in te; Apoc. 12: mulier amicta sole, et luna sub pedibus eiusProsequere, ut libet. De secundo, scilicet fecunditate, Augustinus in quodam sermone Legimus Moysendivina potentia operante credentis viscera fecundanturQui terra, mari caeloque non capitur, intra unius corpusculi membra suscipitur; de creatura creator omnium procreatus nascitur. Primum, scilicet puritas, respondet virginitati; secundum, scilicet fecunditas, maternitati. Beda in Homilia: o quam pium spectaculum, virgo et mater. De tertio, scilicet famae et opinionis odoriferae suavitate, Chrysostomus super Matthaeum, super illo: inventa est in utero habens scilicet: inaestimabilis laus Mariae. Magis credebat Ioseph eius castitati quam utero eius, plus gratiae quam naturaePossibilius credebat mulierem sine viro posse concipere quam Mariam posse peccare. Eccli. 24: quasi myrrha electa dedi suavitatem odoris’.
[29] Vgl. Sermo 8 n. 84 (LW IV 81,4f.): ‘Origenes super ‘Maria stabat’: ‘deum quaero; idcirco poena est ad videndum omnis creatura’’.
[30] Vgl. Hom. 21* [Q 49].
[31] Vgl. nächste Fußnote.
[32] Vgl. BgT (DW V 33,10 Ba2): „urkunde und bewîsunge’.
[33] Ioh. 21:20.
[34] Vgl. Hom. 78* [Q 23], n. 20: „underscheides’; z.B. Hom. 110* [Q 10], n. 11: „underscheit’.
[35] Vgl. RdU (DW V 245,7): „minnsamlîch’ (N4).
[36] Vgl. Hom. 21* [Q 49], n. 5 (BT); Hom. 108* [Q 52], n. 17; Hom. 51* [Q 63], n. 7; Hom. 71* [Q 78], n. 5; Hom. 84* [Q 86], n. 3; BgT (DW V 35,7); Von abegescheidenheit (DW V 432,9).
[37] Vgl. Hom. 21* [Q 49], n. 7: „heilige kristenheit’.
[38] Rm 8,23; vgl. hierzu In Ioh. n. 159 (LW III 131,6–13).
[39] In den Menschen.
[40] Text bricht ab.


Predigt S32* [Pr. VIII Pfeiffer, 1851; W. Preger, 1864]

In festo Philippi et Jacobi apostolorum (1.5. )
‘Ego sum via’ (Ioh. 14:6)


<:1>Heüt lesen wir in dem euangelio/ das sant Johannes schreibet vonn Christo/ wie er von im selbs zG seinen iüngeren/ vnd sunderlich zG sant Thoman sprach/ Ego sum via veritas et vita dis sprichet unser herre Jesus Kristus ich bin der wec unde diu warheit unde daz ewige leben
<:1>Dis ist daz ego sum Sanctus Paulus spricht Ich bidden vnseren herren ihm xrm vnd synen hymmelschen vatter das er uch gebe synen heiligen geyst das uwere hertzen erluchtet werden daz ir erkennen mogent die warheyt daz ist noit. Want die warheyt wirt dicke angefuchten von den luten die nit luter bekentenisse enhant want sie die warheyt nit versteent so sprechent sie es sy vnrecht so enist es anders nyt dann das sie uz nit versteent Sanctus Augustinus wardt eyns angefuchten von den luden die sin nicht verstunden an sinen worten Da antwordt sant Augustinus yne also vnde sprach. Weren myn augen also luter vnd also clare daz ich mocht den stern gesehen der da swebet by der sonnen vnd ich uch daruff wisete mit mynen fingern ob ir des stern doch nit gesehen mochtent vor uwern stumphen augen Darumbe enhete ich doch nicht vnrecht want ich were es one sache vnde es were schult ulbers kranken gesichtet Sehent also ist es wan man warheit horet oder siht vnd man der nyt verstet das ist des schult das man vngeGbet ist in den liecht vnd in der gnaden Auch wissent wer die warheyt versteen sall der ensall nit leben in ine fleisch noch in ine blude Sunder in ine geiste Also sal man gescheiden sin von aller gnugeden irdischer dinge Sanctus petrus sprach zu vnserm herren du bist xrs des lebendigen gottes son Da antwort im vnsere herre vnd sprach peter das enhait dir geoffenbaret widder fleisch nach bluyt sunder myn vatter der ym hymmel ist Sehent also ist es uber alle dingk swere die warheyt zu versteen Wer die warheyt versten sal der muß si haben von eyme sunderlichen inguß der gnaden gotlichs liechts sal er bekennen den wec der warheyt, herumbe sprach vnsere herre ihs xrus Ich bin der wech der warheit vnd das leben er ist der wegk der werlich zu der warheyt lydet want er ist der der da lebet in ine geiste erhaben uber alle vergencklich sachen vnd liplich neygunge stede in   der warhezt want er ist selber der wegk vnd die warheyt.
<:1>Heute lesen wir im Evangelium, das der heilige Johannes von Christus schreibt, wie er aus sich selbst heraus zu seinen Jüngern, und insbesondere zu Thomas, sagte: ‘Ego sum via, veritas et vita’.[1] Dies sagt unser Herr Jesus Christus: ‘Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben’.
<:1>Dies ist das ‘Ich bin’. Der heilige Paulus spricht: ‘Ich bitte unseren Herrn Jesus Christus und seinen himmlischen Vater, dass er Euch gebe seinen heiligen Geist, dass Euer Herz eleuchtet werde’,[2] auf dass Ihr erkennen mögt die Wahrheit, die nötig ist. Denn das Wort der Warheit wird heftig von den Leuten bestritten, die keine reine Erkenntnis besitzen. Weil sie die Wahrheit nicht verstehn, behaupten sie nämlich, sie sei unrecht. Doch es ist nicht anders, als dass sie uns nicht verstehn. Der heilige Augustinus wurde einmal angefochten von den Menschen, die ihn in seiner Aussage nicht verstanden. Da antwortete der heilige Augustinus ihnen und sprach wie folgt: ‘Wären meine Augen so rein und   so klar, dass ich den Stern sähe, der da nahe der Sonne schwebt, und ich Euch mit meinen Fingern darauf hinwiese, doch ihr könntet den Stern nicht sehen vor Euren stumpfen Augen, hätte ich folglich dennoch nicht Unrecht, denn ich wäre es ohne Grund und es wäre Eures kranken Blickes geschuldet’. Seht, so ist es, wenn man die Wahrheit hört oder sieht und man sie nicht versteht, das liegt daran, dass man das Licht und die Gnade nicht gewohnt ist. Auch sollt Ihr wissen, dass, wer die Wahrheit verstehen soll, der soll niicht leben im Fliesch oder im Blut, sondern im Geist. Deshalb soll man von allen möglichen irdischen Dingen geschieden sein. Der heilige Petrus sprach zu unserem Herren: ‘Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn’. Da antwortete unser Herr und sprach: ‘Petrus, das hat Dir weder Fleisch noch Blut geoffenbart, sondern mein Vater, der im Himmelt ist’.[3]
Seht also, es ist über alles hinaus schwer, die Wahrheit zu verstehn. Wer die Wahrheit verstehen soll, der muß sie aus einem besonderen Eingießen der Gnade göttlichen Lichts haben, soll er den Weg der Warheit erkennen. Darum sprach unser Herr Jesus Christus: ‘Ich bin der Weg der Wahrheit und das Leben’. Er ist der Weg der wirklich zu der Wahrheit führt, denn er ist der, der da im Geist lebt, erhaben über alle vergänglichen Dinge und materiellen Neigungen, denn er ist selbst der Weg und die Wahrheit.
<:2>eya nu merket mit vliz disiu wort daz er sprichet ich bin ein wec zweier hande weg sullen wir verstan an Kristo nach der menscheit unde nach der gotheit
<:2>Nun also achtet mit Aufmerksamkeit[4] auf das Wort, das er sagt: ‘Ich bin ein einziger Weg. Zweierlei Art Weg sollen wir in Christus erkennen: gemäß der Menschheit und gemäß der Gottheit.
<:3>sin menscheit ist gewest ein wec unser menscheit daz sol man verstehen und prueven an sinem volkomen bilde und an der übunge aller siner lider wan swa ein lit an unz tritet uz dem wege sines bildes, da werden wir bevlecket wan sant Paulus sprichet daz wir sullen leben also daz got an uns vinde einen widerschin aller siner gottlicher werc daz ist daz wir uns glich halten dem daz er uns vorgepildet hat diz were war geistlich leben mer diz wirt dicke gehindert von manegen gebresten aber aller meist werden wir gehindert warer geistlicheit von manegen gebresten die in uns sint die gebrechen sint daz ein ieclichiu craft der sele niht geordent ist uf ir stat diu vreude der sel dy solte also geordent sin unde gesatzt uf ir stat daz si alliu geschaffeniu dinc niht ervrewen möhten mer alleine daz si sich vunde in einer lutern consciencien hie von sprichet Kristus zu sinen jungern ir sult iuch nihtes vrewen denne daz iwer namen geschriben sin in dem buoche des ewigen lebens diu vorhte der selen solte also geordent sin daz si niht envorhte alliu diu dinc diu under gote sint weder libes noch guotes und alles daz uber si verhenget wirt von got oder von einiger creature also ist iz ze vernemen von allen den andern creften der sel gerunge unde meinunge kurzlich geseit allez daz diu sele geleisten mac daz solde gesament sin in die einveldigeste einveldikeit des willen unde der wille solde sich werfen an daz hoehste guot unde daran haften stetiglich dar uf sprichet sant Paulus der an gote haftet mit allem syme wesene der wirt ein geist mit gote
<:3>Seine Menschheit war ein einziger Weg unserer Menschheit gewesen. Dies soll man erkennen und an seiner perfekten Erscheinung und an der Bewegung all seiner Glieder messen. Denn wenn ein einziges Glied in uns von dem Weg seiner Erscheinung abweicht,[5] dann werden wir befleckt. Denn der heilige Paulus sagt, dass wir so leben sollen, dass Gott in uns einen Reflex von all seinem göttlichen Werk findet,[6] d.h. wir sollen gleich dem Vorbild uns   verhalten, das er uns vorgeprägt hat. Das wäre ein wahres spirituelles Leben. Und doch ist dies ernsthaft bedroht durch eine Reihe von Schwächen. Aber am stärksten werden wir von wahrer Spiritualität durch Schwächen gehindert, die in uns sind. Die Schwächen bestehen darin, dass keine der Seelenkräfte sich an ihrem richtigen Ort befindet. Die Freude der Seele soll so ausgerichtet sein und sich an seinem Platz befinden, dass sie[7] sich an keinem der geschaffenen Dinge erfreuen könnte, mehr noch, dass sie sich in einem reinen Gewissen vorfindet. Hiervon spricht Christus zu seinen Jüngern: ‘Ihr sollt Euch an nichts anderem erfreuen als daran, dass Eure Namen in das Buch des ewigen Lebens geschrieben sind.[8] In gleicher Weise soll die Furcht der Seele so ausgerichtet sein, dass sie nichts, was unter Gott ist, fürchte, weder das Körperliche, noch Besitz, noch irgendetwas, das ihr von Gott auferlegt wurde oder von einigen Geschöpfen. So müssen auch alle anderen Kräfte der Seele, Wünsche und Meinungen verstanden werden, oder, um es kurz zu sagen, alles, was die Seele zu tun vermag, soll konzentriert sein in die einfachste Einfachheit des Willens, und der Wille soll sich dem höchsten Gut hinstrecken und sich beständig an ihm festmachen. Hierzu sagt der heilige Paulus: ‘Wer an Gott hängt mit seinem ganzen Wesen, der wird ein einziger Geist mit Gott.[9] 
<:4>Nu merket die richeit des geistes der alsus ein geist mit gote worden ist er wirt niht gerichet von allen dingen ob er si joch alliu beslozzen hete in siner gewalt wan alliu dinc noturftic sint her umbe ist daz sin richeit daz er wone in eime wesen ob noturft der dinge wan wer niht enhat und niht begert vnn ouch nihtes bedarf der ist richer dan der alliu dinc besezzen hat mit notturft wan sant Paulus sprichet unser genuege ist alleine an gote des wirdigen diener wir sin ouch richent alle tugende den geist niht
<:4>Nun bedenke den Reichtum des Geistes, der so ein einziger Geist mit Gott geworden ist. Er wird durch nichts bereichert, selbst wenn er alles in seiner Macht umschlossen hätte, weil er aller Dinge bedürftig ist, folglich ist es sein Reichtum, dass er im einen Sein wohnt, jenseits des Bedarfs an Dingen, denn wer nichts hat und nichts begehrt und nichts bedarf, ist reicher als die Person, die alles besitzt, dessen sie bedarf. Denn der heilige Paulus sagt: ‘Unser Genüge ist einzige in Gott erfüllt, dessen würdige Diener wir sind.[10]
<:5>Eyn heyden mynsche meyster spricht daz eigenlich die tugende den geist niht richent mer die vruhte der tugende richent den geist von not muoz die sele alle tugende haben wan dan die tugende ouch noturft sint her umbe enwirt der geist von notturft niht gerichet daz hoehste da der geist zuo komen mac in disem liebe, daz ist daz er wone in einem wesen ober der noturft der tugende daz ist also daz alle guete in ime also genaturet si niht alleine daz er tugende habe mer daz diu tugende welich an im si daz ist daz er tugende uebe niht von not mer von einer weslicher guotheit als diz geschiht dan alrerst hat diu sele duchgangen und ubergangen alle noturft der tugende wan si sin weslich an ir worden also kumet si zuo irm zil daz ist der ingus des heiligen geistes





diz sint die vruhte der tugende die den geist alleine richent hie von sprichet sant Paulus ziehet iuch einen niuwen menschen an daz ist Kristus der uns alsus ein wec gewest ist nach der der menscheyt
<:5>Auch die Gesamtheit aller Tugenden bereichert den Geist nicht. Ein heidnischer Meister sagt, dass die Tugenden den Geist nicht wirklich bereichern, sondern vielmehr die Früchte der Tugenden den Geist bereichern. Aus Bedürftigkeit muss die Seele alle Tugenden besitzen, weil sie dann aber auch der Tugenden bedarf, wird der Geist wegen der Bedürftigkeit nicht bereichert. Das Höchste, das der Geist in diesem Körper erreichen kann, ist, dass er in einem Sein jenseits der Bedürftigkeit nach Tugenden wohnt, was folglich bedeutet, dass alles Gut in ihm natürlich sei, so dass er nicht nur Tugenden besitzt, sondern vielmehr die Tugenden, die in ihm sind, solche Tugenden sind, die von ihm geübt werden, und zwar nicht weil er ihrer bedarf, sondern aus seinshaftem Gutsein. Nur wenn dies geschieht, ist die Seele hindurchgeschritten und hinübergeschritten über alle Bedürfnisse nach Tugenden. Insofern sie in ihr seinshaft geworden sind, kommt sie zu ihrem Ziel, welches das Einfließen des Heiligen Geistes ist.
Dies sind die Früchte der Tugenden, die alleine den Geist bereichern. Hiervon spricht der heilige Paulus: ‘Zieht Euch einen neuen Menschen an,[11] nämlich Christus, der uns ein solcher Weg gewesen ist, gemäß der Menschheit.
<:6>der ander wec daz ist der wec xri nach der gotheyt Eya waz weg die gotheit hab oder war mac sie gewandeln wan si doch an allen steten ist oder wa mit wandelt si wan si doch niht vueze hat noch niht daz liplich si der wec der gotheit daz ist diu einikeit da die drie persone inne wandeln in eime wesen under ein ander daz wandeln der personen ist daz si sich bekennen unde minnen under ein ander ir ieclich bekennet unde minnet sich selben an der andern alsus wandelnt die personen in der einikeit under ein ander die fueze da diu gotheit mite wandelt in die personen als die personen in daz wesen der eine fuoz der gotheit daz ist diu fursihtikeit aller dinge e si warn der ander fuoz ist diu behegelicheit der ewigen fursichtikeit alleine got ewiclich an gesehen habe die geschehenheit aller dinge yme behagete aber nit dan gut an allen dingen.   Diß ist gesprochen von dem ewigen bilde aller dinge das got selber ist
<:6>Der andere Weg ist der Weg Christi gemäß der Gottheit. Nun welchen Weg besitzt die Gottheit oder wo mag die Gottheit gehen, während sie doch jederorts ist, oder womit geht sie, da sie doch weder Füße hat noch ein Körper ist?[12] Der Weg der Gottheit ist Einssein, in der die drei Personen gehen, in einem einzigen Sein, miteinander.[13] Das Gehen der Personen bedeutet, dass sie sich gegenseitig kennen und lieben, dass jede von ihr sich selbst im anderen kennt und liebt. So gehen die Personen im Einssein miteinander. Die Füße, mit denen die Gottheit in die Personen geht wie auch die Personen in das Wesen[14] hinein [gehen]: Der eine Fuß der Gottheit ist die Providenz[15] von allen Dingen bevor sie waren; der andere Fuß ist der Wohlgefallen der ewigen Providenz, da Gott alleine ewig die Existenz aller Dinge gesehen hat.[16] Ihm gefallen alle Dinge, aber nur das Gute in allen Dingen. Das kommt von dem ewigen Bild aller Dinge, das Gott selbst ist.
<:7>nu mohte man vragen waz behegelicheit mac an got gevallen Diser frag antwurtent die lerer vnnd sprechent das von not muosten im alliu dinc behagen wan der da sach daz was got unde daz er sach daz was got
Hier auff spricht sand Dyonisius: Got der sach sich selber an unde sach alliu dinc in im selber vnd sach sich selber in allen dingen dar umbe behagete im got selber wan got ist an im selber ein gewaltig ein/ vnn ein entwaltig ein/ vnd ein einic ein. Vnn davon spricht auch die geschrifft in dem ersten bFch Moysi. Gott sach an alles das er geschaffen hette/ vnnd warent alle gFt. Vnd hierumb soll die sel ansehen ir gewaltig entwaltig/ vnn ebenwaltig bilde in gott/ daz nie uz im enkam also tet ouch aller dinge bilde wan diu volmehtikeit des geistes lit dar an daz daz iht daz hie geschaffen ist kome zuo
<:7>Nun könnte man fragen:[17] welchen Gefallen kann Gott finden; die Meister beantworten diese Frage und sagen: notwendigerweise müssten ihm alle Dinge gefallen, denn derjenige, der sah, der war Gott, und das, was er sah, war Gott.
Hierzu sagt der heilige Dionysius: Gott, der sah sich selbst an und sah alle Dinge in ihm selbst und sah sich in allen Dingen. Darum gefiel Gott sich selbst, denn Gott ist in sich selbst ein mächtiges Eines, und ein entmächtigtes Eines und ein einfältiges Eines.[18] Und davon spricht auch die Schrift im ersten Buch Mose: ‘Gott betrachtete alles, das er erschaffen hatte und alles war gut’.[19] Und darum muss die Seele ihr mächtiges, entmachtetes und einfaches Bild in Gott[20] betrachten, das niemals aus ihm gelang, noch tat dies das Bild aller Dinge. Denn die Allmacht des Geistes liegt in dem, dass das etwas, das hier geschaffen ist, zu
seinem nicht, das sein ewig pild ist. Also als got nicht ist in dem gaist, also ist im auch das pild nicht, an dem wir doch das erkennen, wie wir ewigklichen in got gewesen sein sunder vns selbst.




Hir auff spricht Sant Dyonisius:
Dy maist wolvnste, die der gaist hat, das ist,
das er verflie
ß in das
nicht seines pildes, vnd da jnn verlernen sey sein selbs. Da verlewst der gaist sein werk vnd sein formen vnd sein sinn vnd nicht sein wesen. Doch so hat das bloz wesen der gothait das ploß wesen des gaistes auff gezogen von im selber an sich vnd im gleich gemacht, das da nicht dann ein wesen erscheint. als man prüfen mag der da näm eins trakchen pluot das ist rot vnd güzz das in ein laütter glas das verlür seinen schein vnd seinn formen auzzern ez verlür aber nicht sein wesen



Also verlewst der gaist sein werch form vnd schein vnd nicht
sein wesen. Also hat das ploß wesen der gothait den gaist in sich geslungen, das da nit beleibt, dann die ploß ganster, das da mens heisset das ist gem
Gt








Dar auff spricht Sant Dyonisius, das dy gothait allen den krefften der sel zu sich worden sey. Da maint er, das das ploß wesen der gothait dy plossen genster des geistes in sich gezogen hat, und doch der gaist nymmer grunt erfindet in dem wesen.
sime ursprunge daz sin ewic bilde ist wan also als got ursprunc ist des geistes also geruowet der geist nimmer er kome dan in sinen ursprunc daz sin ewic bilde ist diz bilde ist got weselich dar umbe sol iz dem geiste ewiclich entbliben daz er iz nimmer ze grunde erkennen sol doch erkennet der geist an dem bilde wie er ewiclich in gote gewesen ist sunder sich selber wan
diu meiste wunne die der geist haben magk daz ist daz er verfliuzet in den ursprunc sins ewigen bildes unde dar in verlorn ze sin sin selbes da verliuset der geist siniu werc vnd sin forme sin synne vnd niht sin wesen doch so hat daz wesen der gotheit den geist uf gezogen von im selber an sich und im gemachet glich daz da
niht dan ein wesen schinet als man prueven mac der da naeme eins traken bluot daz ist sere rot unde guesse daz in ein luter
glas so verlure daz glas sinen schin iz verlure
aber niht sin wesen also hat daz gotliche lieht den geist in der einikeit durchliuhtet und ueberliuhtet daz er ein lieht mit im schine also verliuset der geist sinen schin und niht sin wesen wan got hat den geist ueber geholt von im selber an sich unde hat in mit yme geeiniget













doch so enkan der geist in der einunge die gotheit nimmer gegrunden
seinem Nichts gekommen ist, das sein ewiges Bild ist. Wie Gott Nichts ist in dem Geist, folglich ist für ihn auch das Bild Nichts, an dem wir jedoch erkennen, wie wir ewig in Gott gewesen sind ohne uns selbst.







Hierzu spricht der heilige Dionysius: Das größte Vergnügen, das der
Geist besitzt, ist, dass
er verfließt in das Nichts seines Bildes, und seines Selbst verloren zu sein.

Da gab der Geist sein Wirken und seine Gestalt und seine Sinne, jedoch nicht sein Wesen auf. So jedoch hat das bloße Sein der Gottheit das bloße Sein des Geistes von um weg zu sich[21] gezogen und ihn sich gleich gemacht, so dass da nichts als ein Sein erscheint. Dies kann man an jemandem ablesen, der Drachenblut nähme, welches rot ist, und es in ein durchsichtiges Glas gieße. Das Glass verlöre seine Transparenz und seine äußere Gestalt, es verlöre aber nicht sein Sein.




Also verliert der Geist seine Wirkform und sein Licht, jedoch nicht sein Sein. Folglich hat das bloße Sein der Gottheit den Geist in sich verschlungen, so dass da nichts bleibt als der bloße Funke, der da Verstand heißt, das ist Innigsein.
Hierzu sagt der heilige Dionysius, dass die Gottheit alle Kräfte der Seele zu eigen gemacht habe. Damit will er sagen, dass das bloße Sein der Gottheit die bloßen Funken des Geistes in sich gezogen hat, und dennoch der Geist niemals den Grund des Seins aufspüren kann.
seinem Ursprung gekommen ist, welches sein ewiges Bild ist. Weil Gott folglich Ursprung des Geistes ist, will auch der Geist niemals ruhen bis dass er in seinen Ursprung kommt, welches sein ewiges Bild ist. Dies Bild ist Gott wesentlich, weshalb es ewig dem Geist fremd sein soll, so dass er es niemals bis auf den Grund erkennen kann, doch erkennt der Geist an   dem Bild, wie er ohne sich selbst ewig in Gott gewesen ist, denn das größte Vergnügen, das der Geist haben kann, ist sein Ausfließen in den Ursprung seines ewigen Bildes und darin sein eigenes Selbst verloren zu haben. Da gab der Geist sein Wirken und seine Gestalt und seine Sinne, jedoch nicht sein Sein auf. So jedoch auf diese Weise hat das Sein der Gottheit den Geist von ihm weg zu sich[22] gezogen und ihn
sich gleich gemacht, so dass da nichts als ein
Sein erschien. Dies kann man an jemandem ablesen, der Drachenblut nähme, welches tiefrot ist, und es in ein durchsichtiges Glas gieße. Das Glass verlöre seine Transparenz,
es verlöre
aber nicht sein Sein. Entsprechend durchleuchtete und überflutete das göttliche Licht den Geist im Einssein, so dass er
[23] als ein einziges Licht mit ihm leuchte. Also verlor der Geist sein Licht, jedoch nicht sein Sein, denn Gott hat den Geist von sich herüber gebracht zu sich und hat ihn mit sich vereint,









doch auf diese Weise wird der Geist niemals die Gottheit im Einssein ausschöpfen.
<:8>diz bekante sant Paulus wol da er in den dritten himel gezuket wart da er sach so getaniu dinc diu man niht wol sprechen muoz noch enmac want sie uberredelich sint den sprechenden vnd vnverstentlich den horenden anders weren sie erleubet zu reden alle luden die sie sehen als sie sanctus Paulus sah da rief mit luter stimme o du hoher richtuom der wisheit unde der kunst wie ungruntlich sint diniu urteil unde wie unervolget sint dein weg Hie ist ein frag von dem wort sant Pauli/da er gott zG leget reichtumb/was reichtumb got habe. DarzG ist zG sprechen/dz diu richeit gotes ist das das er niht bedarff vnd auch nicht enhat noch niht enist allez daz man geworten mac diu wisheit gottes ist an der wolgeordenheit aller dinge diu kunst gottes ist  vernemunge sin selbs in ym selber in eim erhaben liehte sin selber hie von spricht sant Dyonisius daz lieht da got inne wont daz ist sin selbes wesen daz nieman bekant ist dan im selber diz ist der hohe wec der gotheit da nie creature inne gewandelt hat hie von spricht got durch den propheten mine wege sint erhaben Mber die ?weren das ist Mber die zit also hoch als der himel ueber die erden das ist der h=he weg dez nie ein treher vz kam in die vernemMge die keiner creature sant Augustinus sprichet daz niht sorclicher noch nutzer noch seliger der selen si dan ze wandelen in dem bekentnisse der heiligen drivaltikeit und einikeit
<:8>Dies erfuhr der heilige Paulus wohl, als er in den dritten Himmel emporgehoben wurde,[24] wo er Geschehnisse sah, von denen man nicht reden muss noch kann, da sie jenseits der Worte der Sprechenden und unverständlich für die Hörenden sind, da es ansonsten erlaubt wäre, allen Menschen gegenüber davon zu reden, die sie sehen, wie sie der heilige Paulus sah, da er mit lauter Stimme rief: ‘O großer Reichtum der Weisheit und der Erkenntnis, wie unergründlich sind Deine Urteile und unerforschlich Dein Weg’.[25] Hier stellt sich die Frage zu dem Zitat des Paulus, da Gott Reichtum zuspricht, welchen Reichtum Gott besitzt. Dazu muss man sagen, dass der Reichtum Gottes liegt darin, dass er weder irgendetwas braucht, noch hat noch ist, was man in Worten ausdrücken kann. Die Weisheit Gottes liegt in der Wohlgestaltetheit aller Dinge, die Erkenntnis Gottes ist seine Selbsterkenntnis in im selbst in einem erhabenen Licht seiner selbst. Hiervon spricht der heilige Dionysius: Das Licht, in dem Gott wohnt,[26] ist dasselbe Sein, das niemand kennt, es sei denn er selbst. Dies ist der hohe Weg der Gottheit, auf dem keine Kreatur je gegangen ist. Hiervon spricht Gott durch den Propheten: ‘Meine Wege sind höher als die Euren, das ist über die Zeit, so hoch wie der Himmel über der Erde ist.[27] Das ist der hohe Weg, auf dem nie ein Tropfen in die Erkenntnis einer Kreatur kam. Der heilige Augustinus sagt, dass nichts mehr anstachelt oder nützlicher oder segensreicher für die Seele ist, als dass sie in der Erkenntnis der heiligen Trinität und im Einssein wandelt.
<:9>Nu merket mit vlize daz underscheit der personen unde des wesens waz ist persone in der drivaltikeit daz ist persone daz sich sunderlich unde vernunfticlich beheldet sine eigenschaft gesundert den andern nach vnderscheyde der eygenscheffte iglichs an ym selber her umbe ist ein persone diu ander niht daz werc der personen daz ist daz si uzberen unde geben alliu dinc diu geberunge gehoeret den vater an alleine diu uzgebunge gehoeret die drivaldikeit an gemein waz ist wesen der drier personen in der drivaldikeit das ist das einveldiclich alle dinck zemal an im beslozzen hat nah einvaldikeit unde doch weder enbirt noch engibet an im selber noch mit yme selber. Was das wesen weselich weset iteme dan ym selber das geschicht mit sampt der wirkunge der personen der wesen es ist. Want sie one es widder wircken nach gesin mogen. Want sie enwirckent nit als dry sie wirkent als eyner an allen dingen want sie sint eyn got eyn wesen eyn nature. Eya welich ist diu vermugenheit diesens wesens diu vermugenheit des wesens ist daz iz niht persone ist noch enmag gesin mer stede belibet in syner alweselichez einikeit Die mogentheyt des blibens in ym selber stede all das es ist vnbeweget von alle wercken das ist sin hochstes moge Doch ist es vngescheyden von den persone. Want dieß selbe wesen ist eyn natuerlich wesen der personen nach wesenheit syn selbes nature und ist ouch wesen aller dinge iz ist wesen der wesenden iz ist leben der lebenden iz ist lieht der liehte, rede der redenden, und ist natur der nature diz ist iz alliz nach der eynvaldikeyt syn selbs in allen dingen also ist iz umbe die personen niht wan si sint niht personen aller dinge alse daz wesen aller dinge wesen ist des vermac der vater niht iemans persone ze sin dan sin selbes er gebar ein ander persone uz siner persone niht uz dem wesen mer mit dem wesen in daz wesen daz der vater den sun bern mac mit aller volkomener selden glich im selber volkomener got als er selber got ist daz hat er an sinem natiurlichen wesen da der vater birt den sun da git er im ein ander persone dan sin selbes persone ist er git im aber niht ein ander nature noch ein ander wesen dan sin eigen wesen oder natur ist alsus ist geoffenbaret daz wesen von dem uzgange diz ist diu mugenheit der personen zuo   offenbaren daz wesen daz sich von im selber niht offenbaren mac wan iz weder git noh birt an im selber weslich diu unmugenheit des wesens daz ist sin hoehstiu mugenheit steden blibens in ym selber. Dieß ist die hoeste mogentheit des wesens want es ist ym selber offenbare aldar es ist. Dieß wesen heldet sich glich zu den personen und die personen haldent sich glich zu dem wesene want sie bekennent und begriffent glich das wesene

<:9>Nun bedenkt mit Aufmerksamkeit den Unterschied zwischen den Personen und dem Wesen. Was ist eine Person in der Trinität? Eine Person ist, was getrennt und der Vernunft nach sich seine Eigenschaft bewahrt im Unterschied von den anderen   gemäß dem Unterschied der Eigenschaften einer jeden an ihr selbst. Darum ist die eine Person nicht eine andere. Das Wirken der Personen ist ihr Gebären   und Hervorbringen aller Dinge. Gebären kommt allein dem Vater zu. Das Hervorbringen kommt der Trinität gemeinsam zu.[28] Was ist das Wesen der drei Personen in der Trinität? Es ist das, was einfach alle Dinge gänzlich in sich schließt aufgrund der Einfachheit und welches dennoch weder in sich selbst noch mit ihm selbst gebiert oder gibt. Was das Wesen wesentlich ist, sogar für sich selbst, das geschieht zusammen mit den Wirkungen der Personen, deren Wesen es ist. Denn ohne es können sie weder wirken noch sein. Denn sie wirken nicht als Drei, sie wirken in allen Dingen als Eins, denn sie sind ein Gott, ein Wesen, eine Natur.[29] Eya, was ist die Potentialität dieses Wesens?[30] Die Potentialität des Wesens liegt darin, dass sie weder Person ist noch sein kann, sondern stets in seinem allwesenhaften Einssein verbleibt. Die Potentialität des beständigen Bleibens in ihm selber, so dass es völlig unbewegt von allen Werken ist, das ist sein höchstes Vermögen.[31] Doch ist es ungeschieden von den Personen. Denn diesselbe Wesen ist ein den Personen natürliches Wesen gemäß der Wesenheit der eigenen Natur, und ist das Sein von   allen Dingen. Es ist das Sein aller Seienden, es ist das Leben aller Lebewesen, es ist das Licht der Lichter, die Sprache der Sprechenden, und die Natur der Naturen. Dies alles ist es gemäß der Einfachheit seiner selbst in allen Dingen. So steht es um die Personen nicht, denn sie sind nicht Personen aller Dinge, wie das Wesen das Sein aller Dinge ist. Folglich kann der Vater nicht die Person von jemand anderem sein, nur von sich selbst. Er gebiert eine andere Person aus seiner Person, nicht aus dem Wesen, heraus, vielmehr zusammen mit dem Wesen in das Wesen, so dass der Vater den Sohn in vollkommener Gleichheit gebären konnte als perfekten Gott, wie sich selbst, wie er selbst Gott ist. Dies kommt ihm[32] von seinem natürlichen Wesen zu, da der Vater den Sohn gebiert, lässt er ihn eine andere Person sein als die Person, die er selbst ist, doch er gibt weder eine andere Natur noch ein anderes Wesen, sondern nur was sein eigenes Wesen und seine eigene Natur ist. So wird das Wesen durch die Emanation offenbart. Darin liegt die Potentialität der Personen, nämlich das Wesen, das aus sich heraus sich nicht offenbaren kann, zu offenbaren, da es aus sich heraus im Wesen weder gibt noch gebiert. Die Impotenz des Wesens ist seine höchste Potentialität, stets in sich zu bleiben. Dies ist die höchste Potentialität des Wesens, denn es ist ihm selbst offenbar, da es ist. Dieses Wesen verhält sich auf gleiche Weise zu den Personen und die Personen verhalten sich auf gleiche Weise zu dem Wesen, denn sie erkennen und erfassen das Wesen auf gleiche Weise.
<:10>Nu ist ein vrage under den meistern ob diu personlicheit begrife unde bekenne zu grund das wesen oder niht Ia diu personlicheit begrifet unde bekennet zuo grunde daz wesen wan iz der persone naturlich wesen ist unde diz wesen wirt von nihte begriffen zuo grunde dan von den drin personen den ez naturlich wesen ist her umbe begrifent die persone daz wesen mit dem wesen vnd nicht mit den   personen vnd da von sint sew got das ist von der begrifunge des wesens daz ir naturlich wesen ist und also verre als diu sele diz wesen begrifet also verre ist si gotlich mer des ist doch also kleine daz si begrifen mac als ein tran wider dem witen mere doch icht gotes das ist alzemale got mer daz inblibende guot daz ir ewiclich entpliben sol also daz si iz niht durchgrundet daz ist der vorspilende abgrunt der tuot si ewiclich versinken von ir selber

<:10>Nun erhebt sich die Frage unter den Meistern, ob die Personhaftigkeit das Wesen begreifen oder dem Grunde nach erkennen kann oder nicht. In der Tat, die Personhaftigkeit begreift und erkennt das Wesen bis auf den Grund, denn es ist das natürliche Wesen der Personen, und dieses Wesen wird von nichts anderem bis auf den Grund begriffen als von den drei Personen, deren Wesen es der Natur nach ist. Aus diesem Grund begreifen die Personen das Wesen durch das Wesen und nicht durch die Personen und dadurch sind sie Gott, nämlich durch das Begreifen des Wesens, deren natürliches Wesen es ist, und in dem Maße in dem die Seele dieses Wesen begreift, soweit ist sie göttlich. Und doch ist das, was sie begreifen kann, so klein wie ein Tropfen verglichen mit dem weiten Meer. Nichtsdestotrotz, etwas von Gott ist gänzlich Gott. Gleichwohl ist das in ihr verbleibende Gut, das ihr ewig entbleiben soll, so dass sie es nicht erschöpft, das ist der Abgrund, der vor ihr spielt, in den sie sich durch sich selbst[33]ewig versenkt.
<:11>nu mohte man vragen war umbe ist niht ein persone als ein wesen ist diz merket alliu diu dinc diu da sint diu sint von in selber niht mer si sint geursprunct in der ewikeit von einem ursprunge der sin selbes ursprunc ist und in der zit geschaffen von nihte von der heiligen drivaldikeit ir ewic ursprunc ist der vater und aller dinge bilde in im daz ist der sun minne zuo dem selben bilde daz ist der heilige geist dar umbe hete der bildenere aller dinge in dem vater ewiclichen niht geswebet so mohte der vater niht geworht haben diz ist gesprochen von der vorgesagten mugenheit des vaters her umbe muosten me personen sin dan einiu wan an dem ewigen vluzze vermyttelst den sun von dem vater sint uz gevlozzen alliu dinc unde niht von in selber also ist der ewige vluz ein ursprunc aller dinge an ir ewikeit aber in der zit sint si von nihte geschaffen und da von sint si creaturen aber in dem ewigen vluzze in den si uß gevlozzen sint sunder sich selber da sint si got an gote hie von spricht sant Dyonisius daz diu erste sache sachet alliu dinc nah dem glichnisse ir selbes
<:11>Nun kann man fragen, warum es nicht nur eine einzige Person gibt, da es doch auch nur ein einziges Wesen gibt. Bedenkt dies: Alle Dinge, die da sind, sind nicht aus sich heraus, sondern sie sind in Ewigkeit aus einem Ursprung entstanden, der sein eigener Ursprung ist, aus Nichts gemacht in der Zeit durch die heilige Trinität. Ihr ewiger Ursprung ist der Vater, und das Bild aller Dinge in ihm, das ist der Sohn, die Liebe zu demselben Bild, das ist der Heilige Geist. Wenn darum das Bild aller Dinge nicht ewig im Vater geschwebt hätte, hätte der Vater nicht wirken können. Das besagt die vorgenannte Potentialität des Vaters. Es bedurfte also mehr als einer Person, denn in dem ewigen Fluss sind vermittels des Sohnes aus dem Vater alle Dinge herausgeflossen, nicht aus ihnen selbst. Demnach ist der ewige Fluss ein Ursprung aller Dinge in ihrer Ewigkeit, während sie in der Zeit aus Nichts geschaffen wurden, und hierdurch sind sie Geschöpfe, doch in dem ewigen Fluss, in dem sie ohne sich ausgeflossen, sind sie Gott in Gott.[34] Hiervon spricht der heilige Dionysius[35] dass die erste Ursache alle Dinge nach dem eigenen Ebenbild verursacht.
<:12>Nu merket den underscheit des uzfluzzes in der ewikeit und in der zit was ist ein uzfluz daz ist ein bewegelicheit sins willen mit eim lihten underscheit also sin wir uz gegangen in der zit in dem getwange siner minne der ewic uzvluz ist ein offenbaren sin selbes in im selber also flMzet die offenbarvnge in ein bloz bekentnisse ires selbes da ist der kennere daz selbe daz da er kant wirt diz ist der ewige vluz des nie ein tran uz quam in die vernemunge keiner creature daz ist der sun von dem vater an dem zitlichen uzvluzze vluzzen alliu dinc uz   mit maze aber in disem ewigen vluzze sint si sunder maze bliben also ist der vluz vervlozzen in sich selber her uf spricht sant Dyonisius got ist ein brunne der in sich selber ist vervlozzen der vater ist ein ursprunc sins suns daz ist an siner ewigen geberunge der vater unde der sun die ursprungent irent geist daz ist an einer ewiger entgiezunge
<:12>Nun beachte den Unterschied zwischen der Emanation in der Ewigkeit und der in der Zeit. Was ist eine Emanation?[36] Es ist eine Bewegung seines Willens mit einem kleinen Unterschied. So sind wir in der Zeit durch den Zwang seiner Liebe hervorgegangen. Die ewige Emanation ist eine Offenbarung seiner selbst in ihm selbst, folglich fließt   die Offenbarung in ein bloßes Erkennen seiner selbst: Da ist der Erkennende dasselbe das da erkannt wird. Dies ist der ewige Fluss, von dem niemals ein einziger Tropfen in die Wahrnmung eines Geschöpfes geraten ist. Dies ist der Sohn des Vaters. In der Emanation in der Zeit flossen alle Dinge in Maßen aus, aber in diesem ewigen Fluss bleiben sie unermesslich. So ist der Fluss in sich selbst verflossen. Hiervon spricht der heilige Dionysius: Gott ist ein Brunnen, der in sich verfloss. Der Vater ist der Ursprung seines Sohnes, nämlich in seinem ewigen Gebären. Der Vater und der Sohn verursachen ihren Geist, nämlich in einem ewigen Hervorgießen.
<:13>Eya nu möcht man vragen. wie es sey vmb dew vaterlichait weder si vrsprunchleicher sey des wesen oder das wesen ursprunckleicher der vatterchait nu verstand mit einem verlaGchtem g(ist daz daz wesen enpirt nicht noch nimet nicht w(r das wesen vrsprinchleich des vatters so war das wesen perund also ist es nicht



war aber die vaterleichait vrsprinckleicher des wesens so war das
wesen nemend
also ist es auch nicht.[37] 

da das wesen inn weslozzen hat sich selb vnd alles das da ist. da ist nicht dann plozz wesen Mer dew natur des wesens die selb doch das wesen ist dew naturet sich in ein naturleichait irs selber Hie ist g=tlich in aim glichait der creatur nature diu naturend ist "n aigenschaft ains ieglichen dings wann natur moch nichtz nicht gesein. Het si nicht ir aigen werkch. ir aigen werch ist. das das si naturet si engibt noch enbiert nicht. Mer si naturet den vater das ist das werch der natur in der selben stilhchait. da dew natur selb inn swebt doch mag diez aygenleich werich nicht gehaissen der naturen. Mer es haisset ein genaturhait der nature da von spricht sand dyonisius auf das wart in dem vater der liecht das liecht des vaters webegt von dem vater das sezet er das liecht der natur vor vnd dem vatter dar n?ch als in ainer haimlicher genaturetleichait der naturen Da ist diu naturhait in der selben stillichait da die natur selb inn swebet dew genaturt  natur das ist der   sprossen der vaterlichait an der fliessent alle ding aus in den sun als sy der vater selb ist an wesenne. Also offenbart dew genaturhait der natur dew   verporgenhait ir selbes natur dew vrsprungenhait  ist nicht von dem nicht. Ist si ain von dem ainen. Ist si all von dem allen. Ist si al in  allen. Dar vmb das nicht nicht ist dar vmb ist ain ain vnd ist all in all diecz ist dew  vrsprinchleichait des vater vnd der vater ist ursprincleich des sun vnd si paid sind vrsprinchleich ires gaistes. der ain natur mit in paiden ist. Sand dyonisius spricht das gut in im selber sey alle ding das ist das er aller ding pild treit da treit er sich in ainem nicht da sint allew ding got vnd nu das wir warn da wir nicht enwern da was got hell vnd himeln vnd allew ding. Sand dyonisius sprichet Got der ist ain das ist das er sich tregt in ain das ist ain unbechantinizz aller creaturen vnd das rich tregt dew sel durich allew ding in das erst nicht das si allen creaturen unpechant sey da enist si nicht da enhät si nicht da envil si nicht. Da enist si nicht da hat sey got gelazzen vnd allew ding. Solt du got von himelreich verchiesen so dein sel so gar ab geschaiden sey von allem dem das si enphahen mag   götleiches fluzzes das dem gaist minn gebn mag als si dar zü chümbt so ist   die sel dem leben der enrichait mit dem si sey der geschaffenhait vnd die unschaffen gaist die lebent mer da denn si lebt vnd das vngeschaffen leben das da ist ewichleich gewert das enist nicht minner denn got. Do dew sel hie mit durichgangen wirt das si sich selb ze mal verleuset. Dann aller erst so chumbt si wider an ir selbers uf zw der hochsten armüt vnd alles das an ir lasset das an ir ist das minner ist dann got.
<:13>Eya nu möhte man vragen wie iz si umbe die veterlicheit weder sie ein vrsprunck sey des wesens oder das wesen der veterlikait diz verstet mit einem erliuhten geiste daz wesen git noh nimt niht an im selber wesenlich her umbe were daz wesen ursprunclich des vaters so were daz wesen bernde so mohte iz niht wesen sin sunder iz were ein persone also ist iz niht wan wesen ist niht persone nah siner einikeit were aber diu veterlicheit usprunclich des
wesens so were das
wesen gevrsprungt von der person des vaters also ist iz ouch niht
alleine der vater ursprunc si nach siner persone er ursprunget doch daz wesen niht wan veterlicheit unde weslicheit eine eigenschaft tragent dar umbe ist er algewaltic zuo ursprungen nah der veterlicheit
<:13>Nun also könnte man fragen, was Väterlichkeit ist, ob sie das Wesens verursacht oder das Wesen die Väterlichkeit verursacht. Versteht dies mit einem erhobenen Verstand, dass das Wesen weder gebirt noch nimmt. Würde das Wesen den Vater verursachen, wäre das Wesen gebärend, doch so ist es nicht.



Würde aber die Väterlichkeit das Wesen verursachen, so wäre das Wesen empfangend, doch auch so ist es nicht.

Denn das Wesen hat sich selbst und alles das existiert in sich beschlossen. Folglich ist nichts als bloßes Wesen. Desweitern, die Natur des Wesens, die doch selbst das Wesen ist, die bringt sich in die Naturhaftigkeit   ihres selbst. Dabei versteht man göttliche Natur genauso wie kreatürliche Natur, die etwas ohne Eigenschaft irgendeines Dinges hervorbringt, denn Natur kann nicht nichts sein, sie besäße nicht ihr eigenes Werk. Ihr eigenes Werk liegt darin, hervorbringend zu sein, nichts zu geben noch zu gebären. Vielmehr bringt sie den Vater hervor. Das ist das Werk der Natur in derselben Unbewegtheit, in welcher die Natur selbst schwebt. Doch kann dies nicht eigentlich ein Werk der Naturen heißen, vielmehr heißt es eine Hervorgebrachtes der Natur. Davon spricht der Heilige Dionysius: Darauf wurde in dem Vater des Lichts das Licht des Vaters bewegt von dem Vater. Dies, das Licht, setzt er der Natur voraus und dem Vater nach, wie in einer trauten Hervorbringenschaft der Naturen. Da ist die Naturhaftigkeit in derselben Unbewegtheit, in der die Natur selbst schwebt. Die hervorbringende Natur ist der Spross der Väterlichkeit aus dem alle Dinge fließen in den Sohn, die der Vater selbst dem Wesen nach ist. Auf diese Weise offenbart die Hervorbringenschaft der Natur die Verborgenheit ihrer eigenen Natur. Die Ursächlichkeit ist nicht aus dem Nichts. Ist sie eines aus dem Einen, ist sie alles aus allem, ist sie alles in allem. Weil nicht nichts ist, darumb ist das eine eines und ist (das eine) alles in allem. Dies ist die Ursächlichkeit des Vaters, und der Vater verursacht den Sohn, und sie beide verursachen ihren Geist, der eine einzige Natur mit diesen beiden ist. Der heilige Dionysius sagt: Das Gute in ihm selbst sei jegliches Ding, d.h. dass er das Bild aller Dinge trägt, da trägt er sich nicht nur in einem, da sind alle Dinge Gott. Und nun, indem wir waren und nicht waren, da war Gott Hölle und Himmel und alle Dinge. Der heilige Dionysius sagt: Gott, der ist einer, d.h. dass er in Eines trägt, d.h. eine Kenntnislosigkeit aller Kreaturen und den Reichtum trägt die Seele durch alle Dinge hindurch in das Erste. Nicht, dass sie allen Kreaturen unbekannt sei, doch dort ist sie nicht, da besitzt sie nichts, davon will sie nichts. Hat sie da nichts, dann hat sie Gott und alle Dinge gelassen. Sollst Du Gott vom Himmelreich vergießen, muss deine Seele abgeschieden sein von allem was sie aus dem göttlichen Fluss empfangen kann, das dem Geist Liebe verleihen kann. Wenn sie dazu gelangt, dann ist die Seele dem Leben des Bereicherns, mit dem sie in der Geschaffenheit ist, und der ungeschaffene Geist, die da mehr leben als sie lebt, und das ungeschaffene Leben das ist da ewiglich gewährt, denn das ist nicht weniger als Gott. Folglich wird die Seele hiermit durchgebracht, damit sie sich selbst vollends verliert. Erst dann kommt sie zu sich selber, zu der äußersten Armut, und lässt alles das an ihr, was an ihr weniger ist als Gott.
<:13>Nun also könnte man fragen, was Väterlichkeit ist, ob sie ein Ursprung des Wesens ist oder das Wesen [ein Ursprung] der Väterlichkeit. Versteht dies mit einem erleuchteten Verstand. Wesen gibt noch nimmt wesentlich aus sich heraus, wenn folglich das Wesen der Ursprung des Vaters wäre, dann würde das Wesen gebären und es könnte nicht Wesen sein, sondern es wäre eine Person. Doch so ist es nicht, denn das Wesen ist aufgrund des Einsseins keine Person. Wenn jedoch die Väterlichkeit der Ursprung des Wesens wäre, dann wäre das Wesen von der Person des Vaters verursacht. Auch so verhält es sich nicht. Auch wenn der Vater seiner Person gemäß allein der Ursprung ist, verursacht er nicht das Wesen, denn Väterlichkeit und Wesen besitzen eine einzige Eigenschaft, darum ist er allmächtig gemäß seiner Väterlichkeit.
<:14>daz wesen mac niht gesin ane persone unde person mac niht gesin ane nature als ir prueven muget ein ieclich dinc daz da ist daz mac niht gesin ane sine nature wan iz mac sin selbes niht gel?gen iz muoz ie sin daz iz ist seht also verstet wan dan der vater ein person ist so mac er niht persone gesin ane nature unde nature mac ouch niht sin ane persone wan ist si nature so muoz iz sin des nature si si seht also merket daz daz wesen keine wis sin mac ane underscheit und understoz vnn vnderstoz ist persone. vnn persone mac keine wis sin ane nature daz daz wesen ist seht also ist bewiset daz daz wesen niht ursprunget die veterlicheit noch die veterlicheit ouch niht ursprunget daz wesen wan ir kein ane daz ander sin mac der sun mac niht sin ane den vater noch der vater ane den sun noch si beide ane den heiligen geist noch danne behaldent si drie eigenschaft die si sunderent in ir underscheit seht also ist iz niht umbe die veterlicheit und umbe daz wesen ir kein mac gesin ane daz ander alleine wesen niht persone si unde persone niht wesen noch danne behaldet veterlicheit unde weslicheit ein eigenschaft also daz man niht sprechen mac daz ir eyns des andern urpsrunc si wan iz ein eigenschaft ist als der vater ursprunget den sun unde si beide ursprungent ir geist der nah der nature ein mit in beiden ist
<:14>Das Wesen kann nicht ohne Personen sein, und eine Person kann nicht ohne Natur sein, wie Ihr sehen könnt: Alles, was da ist, kann nicht sein ohne seine Natur, denn es kann sich nicht selbst verneinen, es muss sein, was es ist. Seht, versteht es auf diese Weise: Wenn folglich der Vater eine Person ist, kann er nicht Person ohne Natur sein, noch kann eine Natur   ohne Personen sein. Denn wenn die Natur existiert, muss etwas sein, dessen Natur sie ist. Folglich bemerket, dass das Wesen auf keine Weise ohne Verschiedenheit und Subjekt sein kann, und das Subjekt die Person ist, und eine Person auf keine Weise ohne Natur sein kann, welches das Wesen ist. Seht, auf diese Weise wurde gezeigt, dass weder das Wesen die Väterlichkeit verursacht noch die Väterlichkeit das Wesen verursacht, da das eine nicht ohne das andere sein kann. Der Sohn kann nicht ohne den Vater sein, noch kann der Vater ohne den Sohn, noch beide ohne den Heiligen Geist sein, dennoch behalten sie drei Eigenschaften, die sie in ihren Verschiedenheiten unterscheiden. Seht aber, so verhält es sich nicht mit der Väterlichkeit und mit dem Wesen. Keines der beiden kann ohne das andere sein, selbst wenn das Wesen keine Person ist und eine Person nicht Wesen, jedoch besitzen Väterlichkeit und Wesen eine einzige Eigenschaft, so dass man nicht sagen kann, dass das eine der Ursprung des anderen sei, denn es gibt nur eine einzige Eigenschaft. Folglich verursacht der Vater den Sohn und die beide verursachen ihren Geist, der der Natur nach eins mit den beiden ist.
<:15>Eya wol dem geiste her auff genomen ist von ym selber in diz riche bloz bekennen daz allen den unbekant ist die niht bloz sint ir selbes vnd aller ding sol diu sele bloz sin so muoz si haben ein abkeren von allen bilden und formen die ir offenbar sint daz si uf der keiner blibe wan gotlich natur ist niht bilde noch forme also daz si iz verstan muge wan swanne diu sele sich keret von allem deme das ir geoffenbaret wurdt zu eyme das dar uber ist daz heizet gescheiden von bilden unde von formen so enpfehet si glichnisse der formelosen nature gotes des eigenlichiu forme nie creature offenbar wart in disem leben diz ist der heimliche inganc den diu sele hat in gotliche nature an eim glichnisse wan swenne diu sele niht enhat uf dem si ste so ist si bereit zuo gan in ein glichnisse gotes da nieman zuo komen mac er si gebloezet von allen geistlichen materien
<:15>Nun ja ist der Geist gesegnet, der weg von ihm selbst hinaufgenommen wurde in die reiche, bloße Erkenntnis, die all denen unbekannt ist, die sich nicht ihrer selbst und aller Dinge entledigt haben. Wenn die Seele bloß sein soll, muss sie sich abkehren von allen Bildern und Formen, die ihr offen stehen, so dass sie nicht an ihnen hängen bleibt, denn göttliche Natur ist weder Bild noch Form, so dass man sie würde verstehen können. Denn wenn sich die Seele von all dem abwendet, das ihr geoffenbart wurde, hin zu Einem, das darüber ist, d.h. abgeschieden von allen Bildern und Formen, so erhält sie ihre Gleichgestalt mit der formlosen Natur Gottes, dessen eigentliche Form den Geschöpfen in diesem Leben nie geoffenbart wurde. Dies ist der verborgene Eingang, den die Seele in die göttliche Natur in einer Gleichgestalt hat. Denn wenn die Seele nichts hat, auf dem sie ruht, ist sie bereit, in die Gleichgestalt Gottes zu gehen, zu der niemand kommen kann, es sei denn man ist ledig von allen spirituellen Dingen.
<:16>Eya wie sere si sich hinderent dis heimlichen inganges die so lihte blibent uf liplichen dingen hie an bekenne ich selber min armuot hie zuo mante sant   Dyonisius einen siner junger unde sprach wilt du komen in die kuntschaft der verborgenen heimlicheit gotes so muost du ubergan allez daz dich hindert an eime lutern verstentnisse wan swenne diu bloze sele mit ir blozem verstentnisse daz da erliuhtet ist von einem gotlichen liehte icht goddes entpfindet so bekennet si sich selben swenne si danne bekennet wie si zuo im gevueget ist unde wie si zuo im gehoeret unde wie si beide ein sint vnd mocht si dann von der swer irs lichamen si blibe steteclich da Eya diz hohe bekennen daz diu sele hat von der verborgener heimlicheit gotes daz ist das da von Job sprichet in der griulicheit des nehtlichen gesihtes kumt er unde runte zuo den oren des mannes waz meinet er mit der griulicheit das ist die sorgsamikeit in disem bekentnisse von dem hie geschrieben ist daz nehtlich gesihte daz ist diu offenbarungen der heimlicher warheit daz runen ist diu vervlozzen einunge da daz bekante und der bekenner ein sint
<:16>Nun, wie sehr hindern sie sich selbst, durch diesen verborgenen Eingang zu gehen, die so leicht bei den körperlichen Dingen bleiben! Hierbei erkenne ich meine eigene Armut, an die der heilige Dionysius einen seiner Schüler erinnert und sagt: ‘Wenn Du zur Kunde der verborgenen Vertrautheit Gottes gelangen willst, musst Du über alles hinweggehen, das dich von einer reinen Erkenntnis abhält’. Denn wenn die bloße Seele mit ihrem bloßen Erkennen, das da von einem göttlichen Licht Gottes erleuchtet ist, etwas von Gott erspürt, erkennt sie sich selbst. Wenn sie dann erkennt, wie sie zu ihm gefügt ist und wie sie zu ihm gehört und wie die beiden eins sind, könnte sie von dem Gewicht ihres Körpers [gehindert werden], sie würde beständig hier bleiben. Ah, dieses erhabene Wissen, das die Seele von dem verborgenen Innersten Gottes besitzt, das ist das, wovon Hiob spricht: ‘Im Grauen des Nachtgesichts kam er und raunte in des Menschen Ohr.[38] Was meint er mit dem ‘Grauen? Das ist die Furcht in dieser Erkenntnis, von der hier geschrieben wird. Das Nachtgesicht ist die Offenbarung der verborgenen Wahrheit. Das Raunen ist das Fließen des Einsseins, in welchem das Erkannte und der Erkennende eins sind.
<:17>Diz buoch ist swere und unbekant mangegen liuten da von sol man ez niht gemeine machen des pit ich iuch dur got wand ez wart ouch mir verboten wer aber ieman der ez strafen wolte daz were gewerlich schult siner blintheit wan ez ist luter warheit wer aber iht hier inne dem nit mit worten genuoc enwere dar umbe sol man ez niht verkeren want uns gebristet worten swa wir von gotlicher nature reden son doch treit ez sine meinunge luterlich in der warheit mit Kristo und in Kristo
<:17>Dieses Buch[39] ist für einige Menschen schwer und nicht zu verstehen, und es gibt keinen Grund, es allgemein zugänglich zu machen, dies bitte ich euch durch Gott, denn es war auch mir verschlossen. Wenn aber jemand es tadeln wollte, geschähe dies aus eigener Kurzsichtigkeit, denn es stellt die reine Wahrheit dar. Wenn jedoch etwas in ihm vorhanden wäre, was nicht ausreichend mit Worten ausgedrückt ist, sollte man es nicht als falsch einschätzen, denn unsere Worte sind blass, wenn wir von göttlichen Dingen sprechen sollen. Gleichwohl drückt es seine Vorstellung reinlich aus, in Wahrheit mit Christus und in Christus,
<:18>des si er gebedicht unde gelobet immer me eweclich amen
<:18>hierfür sei ihm gedankt und er sei gelobt, immer mehr, ewig. Amen.




[1] Ioh. 14:6.
[2] Vgl. Eph. 1:16-7: ’16 non cesso gratias agens pro vobis memoriam vestri faciens in orationibus meis 17 ut Deus Domini nostri Iesu Christi Pater gloriae det vobis spiritum sapientiae et revelationis in agnitione eius’.
[3] Matt. 16:16-7: ’16 Petrus dixit : Tu es Christus, Filius Dei vivi. 17 Respondens autem Jesus, dixit ei : Beatus es Simon Bar Jona : quia caro et sanguis non revelavit tibi, sed Pater meus, qui in cælis es’.
[4] Vgl. die wörtliche Parallel in Eckhart, Hom. 83* [Q 2], n. 3: ‘Eyâ, nû merket mit vlîze diz wort’ (‘Ah, now scrutinize this word with diligence’) und dieselbe Aufforderung an die Leserschaft (‘eya’) in Eckhart, Hom. 19* [S 116], n. 6, Hom. 62* [Q 83], n. 3 und Hom. 92* [Q 74], n. 14.
[5] I.e. seiner vollkommenen Erscheinung.
[6] Vgl. Heb. 1,3: ‘qui cum sit splendor gloriæ, et figura substantiæ ejus’; 2Cor. 3:18: ‘Nos vero omnes, revelata facie gloriam Domini speculantes, in eamdem imaginem transformamur a claritate in claritatem’.
[7] I.e. die Seele.
[8] Vgl. Rev. 3,5: ‘non delebo nomen ejus de libro vitæ’; Rev. 22:19: ‘auferet Deus partem ejus de libro vitæ’.
[9] Vgl. 1Cor. 6,17: ‘Qui autem adhæret Domino, unus spiritus est’.
[10] Vgl. 2Cor. 9:8: ‘Potens est autem Deus omnem gratiam abundare facere in vobis: ut in omnibus semper omnem sufficientiam habentes, abundetis in omne opus bonum’; Col. 1:7: ‘...qui est fidelis pro vobis minister Christi Jesu’.
[11] Gal. 3:27 xxx; Col. 3:10 xxx.
[12] Vgl. Johann Franke, Pr. 5 des Paradisus (18: ‘Got der in hait wedir zungin noch munt da mide he rede. wo mide dan?’).
[13] Vgl. Johann Franke, Pr. 5 des Paradisus (18: ‘dit ‘fiat’ ist gesprochin in der ewikeit in der drier personen einunge an gotlicher nature’).
[14] Hier steht man an der Stelle des Übergangs von der Diskussion zum Sein der Person und derjenigen zum Wesen der Personen. Man bemerke, dass hier erstmals von der Aktivität der Gottheit, und zwar des Wesens der Gottheit, die Rede ist, ein typisches Merkmal eckhartschen Denkens.
[15] ‘Fursihtikeit’ = ‘praescientia’, vgl. N. Winkler, ‘Dietrich von Freiberg und Meister Eckhart in der Kontroverse mit Thomas von Aquin. Intellektnatur und Gnade ...’ (1999), 262; vgl. Eckhart, In Ioh. n. 251 (LW III 209,9-14): ‘deus cognoscit res, antequam fiant: ait enim: 'priusquam Philippus vocaret, vidi te'. Secundo videndum quomodo hoc concordat scripturae canonis et sanctorum et philosophorum. Tertio ostendendum in exemplis quod praesagire sive praesapere et praescire etiam hominibus convenit’.
[16] Vgl. die voranstehende Fußnote, Eckhart’s Kommentar zu Ioh. verweist darauf, dass ‘Gott die Dinge kennt, noch bevor sie geschehen’, und dass er auch den Menschen eine gewisse Vorsehung zugesteht. Dies widerspricht nun nicht dem Text hier, dass Gott alleine solche Vorausschau hat, sondern die Homilie spricht darum ausdrücklich von einer ewigen Providenz, was bereits die Aussage im Johanneskommentar einer gewissen menschlichen Providenz andeutet.
[17] Vgl. zu dieser typischen Eröffnung Eckhart, Hom. 6* [Q 38], n. 11, Hom. 34* [Q 55], nn. 4, 6, Hom. 83* [Q 2], n. 3, Hom. 99* [S 98], n. 7: ‘sô möhte man vrâgen’.
[18] Vgl. zum Ausdruck ‘ein einic ein’ Eckhart, Hom. 5* [Q 22], n. 8, Hom. 27* [Q 25], n. 7, Hom. 109* [Q 66], n. 8, Hom. 83* [Q 2], n. 8.
[19] Gen. 1:31: ‘viditque Deus cuncta quae fecit et erant valde bona’.
[20] Ein ähnliches Voranschreiten von der Einfachheit Gottes zu der der Seele findet sich in Eckhart, Hom. 83* [Q 2], nn. 14-5.
[21] I.e. vom Sein des Geistes zu dem der Gottheit.
[22] I.e. vom Sein des Geistes zu dem der Gottheit.
[23] I.e. der Geist.
[24] II Cor. 12:2–4: ‘Scio hominem … raptum huiusmodi usque ad tertium caelum … et audivit arcana verba, quae non licet homini loqui’. Dies ist eine bei Eckhart beliebte Stelle zur Erläuterung der tiefsten Einsichten, die er meist mit fast denselben Worten einführt, vgl. etwa Hom. 55* [Q 80], n. 5 (‘als sant Paulus verstuont, der in den dritten himel gezucket wart und sach sôgetâniu dinc, diu man niht volsprechen enmuoz noch enmac’), Hom. 9* [S 101], n. 26 (‘Dô er in den dritten himel gezucket wart in die kuntschaft gotes und gesehen hâte alliu dinc und dô er wider kam, dô enwas ez im nihtes niht vergezzen. Mêr: ez was im sô verre inne in dem grunde, dar sîne vernunft niht înkomen enmohte. Ez was im bedecket. Dâ von muoste er nâchloufen und ez ervolgen in im, niht ûzer im. Ez ist zemâle inne, niht ûze, mêr: alles inne’), Hom. 78* [Q 23], n. 8 (‘Sant Paulus wart gezücket in den dritten himel’), Hom. 84* [Q 86], n. 12 (‘Daz meinte sant Paul, dô er sprach: ‘ez wart ein mensche gezucket in got und hôrte heimlîchiu wort, diu unsprechelich sint allen menschen’. Dâ bî verstât, daz sant Pêter stuont an dem umberinge der êwicheit und niht in einicheit got sehende in sînesheit’).
[25] Vgl. Rom. 11,33: ‘O altitudo divitiarum sapientiae, et scientiae Dei: quam incomprehensibilia sunt judicia ejus, et investigabiles viae ejus!’.
[26] Vgl. denselben Ausdruck ‘da got inne ...’ in Hom. T47,1 [Pr. 93 Pfeiffer], n. 7.
[27] Vgl. Isa. 55,9: ‘Quia sicut exaltantur caeli a terra, sic exaltatae sunt viae meae’, see also Ps. 102:11: ‘Quoniam secundum altitudinem caeli a terra, corroboravit misericordiam suam super timentes se’.
[28] Vgl. Eckhart, Q. Par. VII (LW V Suppl.), 464,1: ‘potentia est essentiale et commune tribus’; dagegen argumentiert Johann Franke, Pr. 5 des Paradisus (19: ‘sint den male daz di werc der heiligin drivaldikeit ungeteilit sin, so ist ein vrage ob der heilige geist alleine worchte du he den lichamen machite und ob der son alleine worchte du her mensliche nature an sich nam. respondeo: noch der ordenunge gibit man deme sone daz eine und deme helegen geiste daz andere’). 
[29] Vgl. die oben zitierten Parallelen aus Eckharts Pariser Quästionen VI und VII.
[30] Vgl. zur Potentialität des Wesens wie auch der Personen Eckhart, Q. Par. VII (LW V Suppl.), 464,3-4: ‘in filio est essentia, ergo et potentia. Item pater communicat omnia filio in quo non distinguitur’.
[31] Vgl. Eckhart, Q. Par. VII (LW V Suppl.), 464,18-20: ‘infinitum simpliciter non est nisi unum et hoc est essentia ... quia continet supereminenter omnia’.
[32] I.e. der Vater.
[33] Bei Eckhart ist die Redewendung ‘von ir’ meist aktivisch, heißt also meist, durch sie und nicht von ihr weg.
[34] Vgl. Johann Franke, Pr. 5 des Paradisus (18: ‘in der ewikeit Godis da sint alle creaturen Got in Gode; under deme uzfluzze redit sich Got mit undirscheide, daz daz eine wirdit ein pert, daz andir ein esil etc. die werlint waz dan si ewicliche in Gode si gewest’).
[35] Vgl. Ps.–Dionysius, De divinis nominibus c. 1 § 7 (PG 3, xxx; Dionysiaca xxx); c. 5 § 5 ; c. 11 § 6 ; c. 12 § 4.
[36] Vgl. Johann Franke, Pr. 5 des Paradisus (18: ‘waz ist der uzfluz? Daz ist ein offinbarunge, daz he sich selbin yme offenbarit, und sin offenbarunge daz ist sin sprechin’).
[37] In B8 (und G3Str2 [mit großen Lücken], Str3) folgt ab hier ein völlig anderes Stück, dessen erster Teil auch in G3 zu finden ist. Während G3Str2 und Str3 wieder zu dem Textbestand der anderen Handschriften zurückkehren, endet B8 mit dem Plusstück.
[38] Vgl.  Job 4:12-6: ‘12 Porro ad me dictum est verbum absconditum, et quasi furtive suscepit auris mea venas susurri ejus. 13 In horrore visionis nocturnae, quando solet sopor occupare homines, 14 pavor tenuit me, et tremor, et omnia ossa mea perterrita sunt; 15 et cum spiritus, me praesente, transiret, inhorruerunt pili carnis meae. 16 Stetit quidam, cujus non agnoscebam vultum, imago coram oculis meis, et vocem quasi aurae lenis audivi’ (‘‘A word was secretly brought to me, my ears caught a whisper of it. 13 Amid disquieting dreams in the night, when deep sleep falls on people, 14 fear and trembling seized me and made all my bones shake. 15 A spirit glided past my face, and the hair on my body stood on end. 16 It stopped, but I could not tell what it was. A form stood before my eyes and I heard a hushed voice’).
[39] I.e. das Book of Job.

Predigt S49,1* [BT 281vb-282vb]


In festo sanctae Mariae Magdalenae, die 22 julii
‘Amor est fortis sicut et mors’ (Cant. 8:6)


<:1>Amor est fortis sicut et mors Ich hab ein w=rtlin gesprochen in latin/ Das steet geschriben im bGch der gesang/ vnd sprichet also/ Die m:nne ist starck als der tod
<:1>Amor est fortis sicut et mors.[3] Ich habe einen Vers in Latein gesprochen, der im Buch des Liedes geschrieben steht und wie folgt lautet: Die Liebe ist so stark wie der Tod.
<:2>Disz wort mag man bruchen zG dem lob der grossen liebhaberin Christi sant Marie magdalene/ Von dero die heiligen Euangelisten vil geschrieben haben/ also das ir lob und breisz durch all welt der Christenheit so hoch angezogen wirt/ dasz deszgleichen nit vil sunst beschehen ist. Vnd wiewol vil gnad vnd tugend an ir gerFmet seind/ so hat doch die übergrosz vnd hitzig liebe Christi so vnsprechlich an ir gebrunnen/ vnd so starcklich an ir gewürcket/ das sy den strengen tod nit vnbillich nach der wircklicheit vergleichet werden mag. Deszhalb wol von ir gesprochen mag werden/ Starck als der tod ist die lieb.
<:2>Diesen Vers kann man zum Lob der großen Liebhaberin Christi, der heiligen Maria Magdalena, benutzen. Von ihr haben die heiligen Evangelisten viel geschrieben, so dass ihr Lob und Preis is so sehr aufgegriffen worden durch die ganze Welt der Christenheit hindurch, was dergleichen sonst nicht häufig geschehen ist. Und auch wenn an ihr viel Gnade und Tugend gerühmt werden, hat doch die übergroße und heiße Liebe Christi sich so unsagbar in sie eingebrannt und so stark in ihr gewirkt, dass sie den strengen Tod in seiner Realität nicht freiwillig akzeptieren konnte. Darum kann man wohl von ihr sagen: Brutal wie der Tod ist Liebe.
<:3>Nun sollen wir hie dreüw ding mercken/ die der leiplich tod an dem menschen thGt würcken in dem geist desz menschen. Vnd die selben drU ding tGt vnsers herrn m:nne Die da starck ist als der tod
<:3>Nun sollen wir hier drei Dinge beachten, die der leibliche Tod im Menschen in dem Geist des Menschen bewirkt. Und die selben drei Dinge bewirkt die Liebe unseres Herrn, die da stark ist wie der Tod:
<:4>Das erst das der menschlich tod tGt an Dem menschen Das ist/ dasz er den menschen beraubt vnd nimpt im alle zergengliche ding/ dz sy der mensch nymmerme gehaben noch genütze mag/ als er vor thett.
<:4>Das erste, das der menschliche Tod im Menschen bewirkt ist, dass er den Menschen beraubt und ihm alle vergänglichen Dinge nimmt, so dass der Mensch sie niemehr haben noch sich ihrer erfreuen möchte, wie er es zuvor tat.
<:5>Das ander ist/ dz sich der mensch scheiden mGsz von allem dem gGten/ das leip vnd sel gehaben m=cht an geistlichen dingen/ an gebett/ vnnd an andacht/ vnd auch an tugenden/ an heiligem leben/ vnd an allen gGten dingen daran der mensch gaistlichen trost vnd/ wunn vnd freüd genemmen m=cht/ das er sich nymmermer daran geFben mag/ als ein mensch der tod vff ertrich ist.
<:5>Das zweite ist, dass ich der Mensch von all dem Guten trennen muss, das Leib und Seele an geistlichen Dingen besitzen möchten, im Gebet und in der Andacht, und auch an Tugend, an heiligem Leben und an allen guten Dingen, aus denen der Mensch geistlichen Trost, Beglückung und Freude ziehen möchte, so dass er sie nie mehr praktizieren kann wie ein Mensch, der tod auf Erden ist.
<:6>Das dritt/ das der menschlich tod tGt dem menschen das ist das er in entsetzt von allem dem lon vnnd wyrdikeit/ die er verdienen m=cht/ Wann nach dem tod so mag der mensch nyemmermer eins [fol. 282ra] harsz grosz kommen fürbasz in dem himmelreich/ denn alszvil als er vor verdient hat
Diser dreyer ding der mFssen wir warten von den tod/ der da ist ein scheidung leibs vnd der sel.
<:6>Das dritte, das der menschliche Tod dem Menschen tut, ist, dass er ihm allen Lohn und Würde nimmt, die er verdienen könnte, denn nach dem Tod kann der Mensch darum niemals mehr, auch um keine Haarbreite weit, irgendwie mehr in das Himmelreich hineinwachsen, als was er zuvor verdient hatte.
Diese drei Dinge haben wir vom Tod zu erwarten, der eine Trennung von Leib und Seele ist.
<:7>Sitmal nun vnsers herren lieb starck ist als der tod/ so t=dt sy den menschen geistlich/ vnd scheidet die sel gaistlich in einer weisz von dem leib. Vnd disz geschicht denn/ wenn sich der mensch gentzlich lasset/ vnd sich seinselbs verzeihet/ vnd von im selber sich scheidet/ Disz geschicht von übermessiger hoher krafft der lieb/ die so recht wunneclich t=dten kan. Wann s: ist selber gehaissen ein zarter siechtag vnd ein lebender todt/ wann disz sterben ist ein yngiessen desz ewigen lebens/ vnd ein todt desz fleischlichen lebens/ darinn der mensch yetz anfahet im selber leben zG seinem nutz.
<:7>Wie nun die Liebe unseres Herrn stark ist wie der Tod, tötet sie den Menschen auf geistliche Weise und trennt die Seele in gewisser Weise geistliche vom Leib. And dies geschieht dann, wenn sich der Mensch gänzlich lässt und auf das Eigene verzichtet und sich von sich selbst trennt. Dies geschieht aus übermäßig großer Kraft der Liebe, die so glückselig töten kann. Denn sie heißt selbst ein zartes Krankenlager und ein lebendiger Tod, denn dieses Sterben ist ein Eingießen des ewigen Lebens und ein Tod des leiblichen Lebens, in welchem der Mensch nun anfängt, sich selbst für zum eigenen Vorteil zu leben.
<:8>Nun thGt diser sFsz lieblich tod dreüw ding an dem menschen da er so gewaltig ist/ das er den menschen t=det/ vnnd nit allein in siechend machet/ als vil leüten die vorhin lang siechent/ ee das sy sterben.
<:8>Nun bewirkt dieser süße, liebliche Tod drei Dinge im Menschen, da er so mächtig ist, dass er den Menschen tötet, und ihn nicht nur erkranken lässt, wie viele Leute, die zuvor lange auf dem Krankenlager liegen, bevor sie sterben.
<:9>Etlich siechent nit gar lange/ vnd etlich sterben eins gehen todts. Vnd also seind auch etlich menschen/ die gar lang mit inen selbs vnb geent/ ee das sy sich selber überwindent das sy sich selbst durch gott gentzlich lassent. Wann dick so thGnt sy/ als sy sich selber lassent/ vnd sterbent/ vnd kerent sich denn widerumb/ vnd sGchent noch etwas eygens nutzes/ das sy echt etwas in sich selber durch sich selber sGchent/ vnd nit zGmal lauterlich durch got/ vnd alle dieweil so seind sy noch nit recht tod in der mynne/ sondern sy lygent also serben und siechen in irem widerwillen/ solang bisz zGlerst die gnad gotes/ das ist die liebe jnen angesiget/ das sy irs eigen nutzes zGmal absterben. Vnd disen eygen nutz oder gesGch (der desz menschen leben vnd natur ist) mag niemant ert=den/ dann allein die lieb/ die starck ist als der tod/ wann sunst mag man soliche art desz eigen gesGchs nit anders t=den dann durch die liebe. vnd darumb leydent die in der hell seind also grosse [fol. 282rb] pein/ wann sy begeren all irs eignen nutzes vnd das sy der peyn ledig werent/ vnd disz mag jn doch nymmer widerfaren/ da von so sterbent sy desz ewigen todts/ wann die begerung irs eignen nutzes nit tode ist/ noch nit ersterben mag/ wann die hell mag mit allem irem übel nit ertötten das die süsse m:nn mit ihr Rbergüti t=den kan Da von ist si nit allain starck als der tod der menschlich ist sunder si ist ioch stercker denn der helle tod wann sie kan vnd mag allain ertötten das leben der gerung vnd aignes nutzes vnd mit er süssen t=de so tGt si dise dreU ding an dem menschen
<:9>Viele sind nicht lange krank, und viele sterben eines schnellen Todes. Und so gibt es auch viele Menschen, die recht lang mit sich selbst zu tun haben, bevor sie sich selbst überwinden, um sich selbst um Gottes willen gänzlich zu lassen. Denn sie geben überaus vor, sie würden sich selbst loslassen und sterben, doch kehren sich dann wieder um und suchen noch ein Bisschen eines eigenen Vorteils, indem sie wirklich etwas in sich selbst um ihrer selbst willen suchen, jedoch nicht vollkommen und rein um Gottes willen. Und darum sind sie noch nicht wirklich in der Liebe gestorben, sondern sie liegen gegen ihren Willen im Sterben und auf dem Krankenlager, so lange bis letztlich die Gnade Gottes, nämlich die Liebe, über sie siegt, so dass sie ihres Vorteils willen völlig sterben. Und diesen eigenen Vorteil oder Ziel, der des Menschen Leben und Natur ist, kann iemand töten außer alleine die Liebe, die stark ist wie der Tod, denn ansonsten kann man diese Art der eigenen Zielvorstellung nicht töten, es sei denn um der Liebe willen. Darum leiden all diejenigen in der Hölle so großen Scherm, denn sie wünschen sich alle ihren eigenen Vorteil und vom Schmerz befreit zu werden, doch das kann ihnen nicht zustoßen, so dass sie hierdurch den ewigen Tod sterben. Denn ihr Verlangen nach dem eigenen Vorteil ist kein Tod, noch kann es sterben, denn die Hölle mit ihrem ganzen Übel kann nicht töten, was die Liebe mit all ihrer Übergüte töten kann. Hierdurch ist sie nicht nur so stark wie der Tod des Menschen, sondern sie ist noch stärker als der Tod der Hölle, denn sie kann und will alleine das Leben des Verlangens auch nach dem eigenen Vorteil töten, und durch den süßen Tod will sie die folgenden drei Dinge im Menschen bewirken:
<:10>ZGm ersten s: schaidet den menschen von zergengklichen dingen/ von freunden/ von gGtt vnd eren/ vnd von allen creaturen/ also dz er kein ding mer hat noch nutzet durch sich selber/ noch enchaines seiner gelider Fbet nach seinem willen zeseinem nutz oder willen mit bedachtem mGt/
<:10>Als erstes trennt sie den Menschen von vergänglichen Dingen, von Freunden, von Gütern und Ehren und von allen Kreaturen, so dass man für sich nichts mehr besitzt oder nutzt, noch mit Absicht die eigenen Glieder dem eigenen Willen gemäß für den eigenen Vorteil oder Willen benutzt.
<:11>Wenn denn der lieben m:nne tod den menschen geschaidet von zergäncklichen dingen so wirt die sel zGhant an sGchen vnd begeren geystliche gFter/ an andacht/ an gebet/ an tugenden/ vnd süssichait/ an gerung nach gott/ vnd nach allem gaistlichem gGte. Vnd in disen lernt sy sich Fben/ vnd niessen die selbigen mit grösserer wollust/ denn die zergäncklichen ding. Wann es fröwet si verr bas denn das iere von nature.
<:11>Wenn dann der Tod der geliebten Liebe den Menschen von den vergänglichen Dingen trennt, wird die Seele schnell geistliche Güter suchen, in der Andacht, im Gebet, in Tugenden und Süßigkeit, im Verlangen nach Gott und nach allen geistlichen Gütern. Und hierin lernt sie sich üben und dieselben mehr als zergängliche Dinge mit größerer Freude genieße. Denn von Natur aus freut sie sich an ihnen viel mehr als an ihrem eigenen.
<:12>Wann sitmal got die sel also gschaffen hat/ das sy nit on trost mag sein/ so si denn mit mynn vnd mit wollust zU dem ersten fellet auf zergänckliche ding vnd si denn der süssi mynne t=d da von geschaidet wann si denn an trost nit sein mag so wirt si denn messen gaistlich gGt vnd von dem mag si sich denn wirts geschaiden denn von ieme vnd dz wissent die wol/ die es dick empfunden haben/ das offt vil leichter zG verlassen wer alle disz welt/ dann einen trost oder empfintliche innikeit/ den man etwan empfaht in dem gebett/ oder andern geistlichen Fbungen. Vnd disz alles ist noch kaum ein anfang gegen den das hernach volget/ das die lieb würcket fürbasz an [fol. 282va] dem menschen.
<:12>Denn da Gott die Seele derart geschaffen hat, dass sie nicht ohne Trost zu sein vermag und sie zuerst mit Liebe und Freude auf vergängliche Dinge zunächst verfällt, dann trennt sie der süße Tod von diesen, doch da sie dann nicht ohne Trost sein kann, wird sie also geistliche Güter vermissen, und von diesen kann die Trennung für sie noch verletzender sein als von jenen, und hierum wissen diejenigen wohl Bescheid, die es voll gespürt haben, dass es often leichter ist, die gesamte Welt loszulassen als ein Trost oder eine empfindliche Intimität, die man manchmal im Gebet oder einer anderen geistliche Übung empfängt. Doch all dies ist noch kaum ein Anfang, verglichen mit dem, was danach folgt, das die Liebe gänzlich im Menschen bewirkt.
<:13>Wann ist die lieb recht starck als der tod/ so würcket sy zGm andern mal/ das sy den menschen zwingt vffzGgeben vnd sich zG scheiden auch von allem geistlichen trost/ vnd solche gFter von den obgesagt ist/ also das sich der mensch frey lediglich/ ergibt zG verlassen vmb gottes willen/ alles daran sein sel hierinn lust gehebt hat zG niessend/ zG begerend/ oder zG sGchend.
<:13>Denn wenn die Liebe recht stark wie der Tod ist, sie bewirkt zweitens, dass es den Menschen zwingt, auch allen geistlichen Trost und auch solche Güter, von denen oben gesprochen wurde, aufzugeben und sich von ihnen zu trennen, so dass sich der Mensch frei und ledig und um Gottes willen dazu bewegt, alles das zu verlassen, woran seine Seele Freude hatte, sie zu genießen, zu begehren oder zu suchen.
<:14>Ach gott wer m=cht disz ymmer getGn/ dein lieb zwünge jn dann/ dz er dich durch dich verliesse vnd sich dein/ durch dienselbs willen verzeihe. Was m=cht man gott bessers gGtes vnd werders opffers mer geben/ dann jn selber durch sich selber. Aber wie seltzam disz ist/ das man im mit im zG gab komm/ vnd jn selber durch sich selber gebe/ sitmal doch so wenig yetz (leider) ist/ die sich desz vergengklichen leiplichen gGts zGmal verzeihen w=llen/ vnd die noch so dick bewegt werden zG mancherhant ding/ die jn zGkomment. Wievil minder ist deren/ die das geystlich gGt gern lassen w=llen gegen dem alles leiplich gGt nicht zG rechnen ist. Wann dich herr ain stund haben (spricht ein lerer) das ist besser denn alles das die welt ye gewan/ oder ymmermer gewinnet von anfang bisz vff den iiingsten tag.
<:14>Ach, Gott, wer könnte dies je tun, es sei denn Deine Liebe zwingt ihn dazu, dass er Dich um Deinet willen verließe und auf Dich um Deiner willen verzichte. Welches bessere Gut und welches würdigere Opfer könnte man Gott geben als ihn selbst um seiner selbst willen. Doch wie seltsam ist dies, dass man zu ihm mit ihm als Gabe kommt und ihn selbst um seiner selbst willen gibt? Da jedoch leider es so wenige gibt, die auf die vergänglichen, leiblichen Güter verzichten möchten und die noch so fest von den vielen Dingen angezogen werden, die auf sie zukommen, um wieviel weniger gibt es solche, die gerne das geistliche Gut lassen wollen, mit dem das leibliche Gut nicht zu vergleichen ist. Denn, wie der Lehrer sagt, Dich, Herr, für eine Stunde zu haben, ist besser als alles, was die Welt jemals gewinnen konnte oder jemals vom Anfang bis auf den jüngsten Tag gewinnt.
<:15a>Nun der süsse m:nne tod sein vnfGge lassen vnd welte der menschen lassen genGgen an disen zwain wann enkain weis nit der tod chan nit entliben sein sit ist nit denn hertzen brechen vnd das leben entzucken da von so mGß das dr:tt och beschechen an dem menschen
<:15b>Wiewol aber solche gelassenheit vast hoch vnd ausz dermassen seltzam ist/ so ist doch noch ein grad der vil adelicher vnd volkomlicher den menschen ynsetzet vff sein aller nehstes/ vnd denn wirckt die lieb mit ir krefftigen stercke/ als der todt der das hertz brechent thGt.
<:15a>Wie nun der süße Tod seinen Unsinn lässt und den Menschen sich an diesen Beiden genüge sein lässt – keiner weiß wann– kann der Tod kein Leben wegnehmen, sein Ziel ist nichts anderes, als die Herzen zu brechen, als das Leben zu stehlen, wodurch auch das Dritte im Menschen geschehen muss:
<:15b>Auch wenn jedoch eine solche Gelassenheit dermaßen erhöht ist und überdiemaßen seltsam, gibt es doch noch einen Grad, der noch viel edler und vollkommener den Menschen in das hinein versetzt, was ihm allernächsten ist, und dann wirkt die Liebe mit ihrer mächtigen Kraft wie der Tod, der das Hertz brechen lässt.
<:16a>da die vnfüge des todes gewaltig wirt der m:nne da volbringt sy das dr:tte das ist das sich der mensch verzeichet des ewigen lebens vnd alles des gGtes so er van got vnd von allen seinen gaben :mer enpfachen möchte das er das mit willen oder mit bedachtem mGte im selber oder durch sich selber :mer begere oder gesGche oder dar vmb ymer gediene oder die niessung des ewigen lebens :mer gefröwe oder sein arbait da von gelichteret werde herre Rber gGter got
<:16b>


Vnd das ist so der mensch sich auch desz ewigen lebens verzeihet/ vnd desz ewigen gGts/ vnd alles desz gGtes/ das er von gott oder von allen seinen gaben ymmermer gehaben m=chte/ das er disz mit willen oder mit bedachtem mGt/ weder im selber/ oder mit im selber/ oder durch sich selber ymmer begeren w=ll noch sGchen/ oder darumb yemmer gediene/ oder die zGuersicht desz ewigen lebens jn ymmer gerFre/ oder gfreüwe [fol. 282vb] oder sein arbeit erleichtere.
<:16a>Wenn der Unfug des Todes eine gewaltige Liebe wird, vollbringt sie die dritte Sache, nämlich dass der Mensch selbst auf das ewige Leben und jegliches Guten verzichtet, die er von Gott und von allen seinen Gaben jemals empfangen wollte, dass er dieses mit Absicht ihm selber oder um seiner selbst willen jemals begehre, oder suche oder darum jemals diene oder das ewige Leben zu genießen ihn jemals erfreue oder seine Mühe davon erleichtert werde, Herr, überguter Gott.
<:16b>


Und das geschieht, wenn der Mensch auch auf das ewige Leben und das ewige Gut verzichtet und auf all das Gute, das er von Gott oder von allen seinen Gaben jemals hatte haben wollen, dass er dies mit Willen oder mit Absicht weder für sich selbst oder mit ihm selbst oder um seiner selbst willen jemals begehren oder suchen wollte, oder darum jemals diene oder die Hoffnung auf das ewige Leben ihn jemals rühre oder freue oder seine Mühe erleichtere.
<:17a>Dise vnfüge allain die vnfüg deiner mynne die da starck ist als der tod vnd den menschen tötet in im selber vnd schaidet die sel von dem leibe also das si mit dem leibe noch mit chainen dingen zetGne wil haben zeirem nutze vnd also so schaidet si von der welt vnd fert dar da hin si verdienet hat E:a herre wunnecliches lieb war hat nun dise sel verdienet zefaren denn in dich frödenricher got da du ir leben solt sein vmb diß mynne sterben
<:17b>Disz ist der recht grad warer vnd volkomner gelassenheit/ vnd dise vnfGg fFget allein die lieb/ die starck ist als der tod/ vnd t=de den menschen in im selber/ vnd scheidet die sel vom leib/ also das sy mit dem leib noch mit keinerley ding ichts zG schaffen wil haben zG irem nutz/ vnd also scheydet sy sich von diser welt/ vnd fart dahin do sy verdienet hat. Vnd sohin hat sy anderst verdient hinzGfaren denn in dich o ewiger gott/ da du ir leben solt sein/ vmb disz sterben der lieb.
<:17a>Dieser Unfug allein, der Unfug Deiner Liebe, die da stark ist wie der Tod und den Menschen in ihm selbst tötet und die Seele von dem Leib trennt, so dass sie weder mit dem Leib noch mit irgendwelchen Dingen etwas zu ihrem eigenen Vorteil zu tun haben will, so scheidet sie von der Welt und fährt dahin zu dem, was sie verdient hat. Ach, Herr, fröhliche Liebe, wohin sonst nun hat es diese Seele zu gehen verdient als in Dich, Gott voller Freude, da Du ihr Leben sein sollst wegen dieses Liebessterbens.
<:17b>Dies ist der eigentliche Grad der wahren und vollkommenen Gelassenheit und diesen Unfüg fügt allein die Liebe, die stark ist wie der Tod, und tötet den Mensch in ihm selbst und trennt die Seele vom Leib, so dass sie weder mit dem Leib noch mit irgendwelchem Ding irgend etwas aus eigener Absicht zu tun haben möchte, und folglich scheidet sie von dieser Welt und fährt dohin, wohin sie es verdient hat. Doch wohin sonst hat sie hinzufahren verdient als in Dich, oh ewiger Gott, da Du ihr Leben sein sollst wegen dieses Liebessterbens.
<:18>Das vns disz widerfar, desz helff vns got/ Amen.
<:18>Dass uns dies geschieht, darum helfe uns Gott, amen.
Str3 (66r-69r), BT (fol. 281va-282vb).



[1] H. Büttner, Meister Eckharts Schriften und Predigten (1909), II 8.
[2] C. de B. Evans II (1952), ix.
[3] Cant. 8:6: ‘fortis est ut mors dilectio’.


Predigt S51,2* [Brethauer 262-7]

In Sanctum Germanum, die 31 julii

‘In diebus suis placuit deo et inventus est iustus’ (Eccli. 44:16-7)

K. Brethauer, 262-7.


<:1> [7r] Man liset von s' germanus, vnd mag man iz ouch sprechen von eime anderen guten mensehen, ein wort uz der alden e vnd ein ander wort uz der nuwen e, vnd vlizen dog beide in ein. dit erste wort von der alden e lerit uns, wi wir lebe sullen, daz ander (263) | wes wi hoffe sullen. vnd sprichit dit wort also: her ist minneclich ader behegelich gewest   gote in sinen tagen vnd ist funden gerecht’. darumme, sicher bi miner warheit ane zwivil, ‘ich wil in setze uber alle min gut’. he ist behegelig gewest gote.
<:1>Man liest über den heiligen Germanus[1] (was man auch von anderen guten Menschen sagen könnte) einen Vers im alten und einen im neuen Testament, auch wenn beide zusammenfließen. Der erste Vers des alten Testaments lehrt uns, wie wir leben sollen, der andere, was wir uns erhoffen sollen, und jener Vers lautet wie folgt: “Er fand Freude und Gefallen bei Gott in seinen Tagen und wurde gerecht befunden”. Darum, gewiss bei meiner Wahrheit, ohne Zweifel, “werde ich ihn über all mein Gut setzen”.[2] Er war ein Gefallen für Gott.
<:2>do s' iohannes unsen herren doufte, do wart ein stimme gehort. di stimme waz des vaters, alse alle die meistere sprechen. vnd di sprag also, alse s' matheus scribit: ‘dit ist min liber sun, in dem ich my selber behage’. aber s' marcus bescribit: ‘du bist min libe sun, in dem ich behay’. aber s' lucas scribit, daz sich fugit zu di<s>r rede: ‘du bist min libe sun, in dem mir behait’.
<:2>Als der heilige Johannes den Herrn taufte, war eine Stimme zu hören. Dies war die Stimme des Vaters, wie alle Meister sagen.[3] Denn diese sagen wie folgt und wie der heilige Matthäus schreibt: „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich mir selber gefalle“.[4] Doch der heilige Markus beschreibt [dieselbe Sache]: “Du bist mein geliebter Sohn, in welchem ich Gefallen habe“.[5] Doch der heilige Lukas schreibt, was sich yu dieser Version fügt: „Du bist mein geliebter Sohn, in dem ich Gefallen habe“.[6]
<:3>wan alliz, daz dem vatere ummer behait, daz muz vme behay in sime sune, vnd vz vme in behait vme nichtes nicht. Iz were unmvgelig, vnd got vermochtis nicht, daz vme ummer ich behaite dan in sime ein born sune. wan in vme vme sint alle ding icht vnd sint war, wan her selber di warheit ist. vnd were warheit etwaz anders dan got, ich wolde warheit ane bete vnd nicht got. wan were warheit abe gesundert von gote, so in were warheit nicht war got vnd in were nicht. darumme in wolde ich in nimmer an gebete.
<:3>Alle Dinge, die dem Vater immer gefielen, müssen ihm in seinem Sohn gefallen, und ohne ihn gefällt ihm nichts.[7] Es wäre unmöglich, und Gott könnte sich nie irgendeiner Sache erfreuen, es sei denn es geschähe in seinem eingeborenen Sohn. Denn in ihm sind alle Dinge ein Etwas und sie sind wahr, denn er selbst ist die Wahrheit. Doch wäre die Wahrheit etwas anderes als Gott, so wollte ich die Wahrheit und nicht Gott verehren.[8] Denn wenn die Wahrheit von Gott unterschieden wäre, dann wäre die   Wahrheit nicht wahrhaft Gott und er würde nicht sein. Folglich wollte ich ihn niemals verehren.
<:4>vnd alliz, daz uz vme vellit, in ist nicht. darumme in sint di sunder nicht vnd sind tot. waz ist ein tote, dan ein ding, daz nog ettewaz schinet vnd in ist dog nicht? aber torechte lute nemen einen valschen sin hi von vnd sprechen, su sin icht, da von daz su hi etwaz schin. darumme sprichit ein scrift, daz di sune der wisheit vrteilen unrechte. were, daz ein mensche eine hant stize in die sunnen, die schine etwaz virn vurge, die anderen (!), di schine nicht. alse schint di sunder hi etwaz, vnd etwa nicht, daz ist vor gote: da sin su nicht. Got vrkennit iog vr nicht; der verfluchten in der helle sin sines bekentnisses nicht wirdig. her weiz su also wenig, alse ig weis den soldan uber mer. her kennit su nicht kennende und weis su nicht wiszende.
<:4>Doch alles, was von ihm wegfällt, ist nichts. Darum sind die Sünder nichts und sie sind tot.[9] Was anderes ist eine tote Sache als etwas, das noch ein wenig glimmt, dann ist es nichts? Allerdings missverstehen dumme Leute dies und behaupten, sie seien ein Etwas allein schon deshalb, weil da noch etwas glimmt. Deshalb heißt es in einer Schrift, dass die Söhne der Weisheit fehl urteilen.[10] Wenn ein Mensch seine Hand in die Sonne streckte, sie würde alt gefurcht aussehen, die andere würde nicht im Licht scheinen. Und so glimmt der Sünder hier ein bisschen und dann nicht, nämlich vor Gott, da sind sie nichts. Auch Du kennst Gott nicht; diejenigen, die verdammt in der Hölle sich befinden, sind es nicht wert, ihn zu kennen. Er weiß um sie so wenig wie ich um einen Soldaten jenseits des Meeres weiß. Er weiß sie als Nichtwissende und kennt sie als Nichterkennende.[11]
<:5>vorte di vet, hoffenuge vet, minne vet ouch; wi werden von allen dingen gevangen. Got di vet uns ouch vnd sin gevencnisse vriet vnd ledigit, Ja, iz lost alle bant. nv verstet, weliche wiz; wi gotis kinder werden, daz wi in ime sune sin, daz wi in vme behagen vnd geminnit werden, da got mensche [8r] wart, do nam di persone des sunes an sich menslig nature, nicht dan noch den menschen. alse ouch von der craft der worte, di der prister sprichit ober dem altare . . . (von ?) gotis licham alleine vnd ist da sunder groze vnd (264) | cleine, alleine iz alliz nach volge. her ist da also wenig in stat alse in anderen steten. die mensheit di Xc an sich nam, daz ist min mensheit, vnd in der bin ich vme also na, alse her vme selber ist. di ist uns allen glich gemeine, dem ermesten alseme kunge, dem do rechten alse dem wisen. wan in der mensheit in ist he vme nicht neher dan my, vnd ich in bin my selber nicht neher dan vme. sin wi vme so na vnd so ein in der mensheit, waz sin wy dan in der gotheit?
<:5>Worte binden, Hoffnung bindet, Liebe bindet, wir werden von allen Dingen gefangen. Auch Gott bindet uns, doch wir sind frei und nackt von Gefängnissen, ja, alle Bande sind gelöst. Nun achte, auf welche Weise wir Gottes Kinder werden, dass wir in seinem Sohn sind, dass wir in ihm eine Freude und geliebt sind, weil Gott Mensch wurde. Damals nahm die Person des Sohnes auf sich die menschliche Natur, nicht noch einen Menschen;[12] und auch durch die Macht der Worte, die der Preister am Altar spricht ... (über) Gottes Leib alleine, und darin ist er zugleich groß und klein, doch alles folgt. Er ist dort so wenig an einem Ort wie an allen anderen Orten. Die Menschheit, die Christus auf sich genommen hat, die ist meine Menschheit, in ihr bin ich ihm so nah, wie er sich selbst ist. Er ist gleichermaßen uns gemein, dem Ärmsten wie einem König, dem Gerechten wie dem Weisen. Denn in der Menschheit ist er sich nicht näher als mir, und in ihr bin ich mir nicht näher als ihm.[13] Wenn wir ihm bereits in der Menschheit so nahe und eins mit ihm sind, wie [nahe und eins] sind wir ihm dann in der Gottheit?
<:6>Nv merkit! dan bin ich in dem sune, alse ich also wenig geneigt bin vnd also wenig schin habent mich selber, nog mich selber nicht me meine nog minne vnd min selber also vremeden, alse ein anderen min eben cristen. alse ioch iz gebot heizit, daz ich in lip sal habe, alse mich selber. daz my der nicht minner behage, nog in minner meine, dan mich selber, ab her iog min vingit ist, vnd ab her uber mer ist, so ist mir recht, vnd so bin ich ime sune vnd bin icht. vnd wa ich mich us mich selber neige in eime wane, daz ich icht si, da bin ich nicht vnd bin werlig sunder zwivil. vnd da ich mich us mich selber neige, da bin ich mir selber vremede, dan dem, der uber mer ift. vnd di mensche, di sin selbiz alse uz gegangen ist, da her nicht in ist vnd in gote ist, da her icht ist vnd werlichen ist. wan ein mvcke hete me warheit in gote, dan alle werlt uz. vnd den menschen, die also in gote [8v] sai, wan her ime sune ist, so bit her in vme; darumme mag vme dan got nicht versai, alse her sime sune nicht versai mag. wan den mensche, di also von vme selber also gevremit ist, den minnit got mit allem dem, daz her ist. wan wa got minnit, da minnit her mit alle siner macht vnd minnit in also, ab niman mein si, dan der mensche alleine.
<:6>Nun merke auf! Ich bin im Sohn, wenn ich wenig um mich selbst besorgt bin und wenig auf mich selbst achte, weder mich auf mich ausrichte, noch mich mehr liebe als den Nächsten, sondern mir selbst fremd werde. Wie es auch in diesem Gebot heißt, dass ich ihn so lieben soll wie mich selbst.[14] Dass er mir nicht weniger lieb ist, noch mir weniger bedeutend ist als ich mir selbst, selbst wenn er mein Feind ist, oder wenn er weit weg jenseits des Meeres ist, damit bin ich einverstanden, und darum bin ich sein Sohn und bin etwas. Doch wenn ich mich nach außen kehre, in der Hoffnung etwas zu sein, dann bin ich nichts und voller Zweifel. Und wenn ich mich nach außen kehre, dann bin ich mir fremder als derjenige, der jenseits des Meeres lebt. Doch jemand, der das eigene Selbst verlassen hat und nicht in diesem ist, sondern in Gott, der ist etwas und ist wirklich. Denn eine Fliege besitzt mehr Wahrheit in Gott als die gesamte äußere Welt.[15] Und der Mensch der in dieser Weise in Gott ist, und der ihm Sohn ist, der vertraut in ihn; darum kann Gott ihn nicht zurückweisen, wie er auch seinen Sohn nicht zurückweisen würde. Denn ein Mensch, der sich selbst fremd ist, den liebt Gott mit allem, was er ist. Denn den Gott liebt, den liebt er mit all seiner Kraft, und er liebt ihn, als wenn niemand anderes ihm gehörte, außer einzig dieser Mensch.[16]

<:7>Ich denkes dicke: dit lutit gar groz, daz sich der mensche so gar mvz laze; ez ist etwaz swer. also her ab schelt di nuz, di etwaz herte vnd biter, er man durg di schalen kume zume kerne, di da susze ist. also ist iz zu ersten herte, alse man aber durg brichit, so ist iz suze vnd lustig. Ja, alliz daz der mensche tu sal, alle di gebot, di sin vme lichte vnd vrolig zu halden, vnd also lustig, alse eime hungirgen menschen daz lustig vnd naturlig ist, daz her iszit vnd trinkit. Iz in ist nicht groz, wan alliz, daz der mensche lezit, daz nimit her wider, aber her muz sig selber ie alrest gelazen habe, wan hi inne nimit her alle ding in dem hosten vnd hat su da in der warheit. vnd alliz, daz alle heiligen haben, daz ist sin also eigen, (265) | alse iz vr ist, vnd also daz sin eigen ist, vnd daz unse vrouwe hat. Ich spriche me: alliz, daz xpc hat mit allem dem, daz vme sin vater gegebin hat. wan her vme gegebin hat alliz, daz her geleisten mag, daz ist da sin also eigen, alse iz sin selbiz ist, wan her unse mensheit ist. vnd iz ist oug me unse dan sin, wan iz vme durg uns gegeben ist. wan man meinit me daz hus, daz man mit der barten machit, dan di barten, wan dit hus ist ein sache der barten, vnd di barte ist durg daz hus. wan iz vme durg uns gegeben ist, darumme ist me unser wan sin. iz ist alliz [9r] eigen des menschen, daz xc vnd alle heiligen haben, da von sprichit di scrift irl'm alse die teilunge sin in daz selbe, daz ist alliz, daz in vn allen ist. daz su alle haben, daz ist vme gemein vnd ist da eigen sin.
<:7>Des bin ich mir gewiss: Es klingt natürlich hart, dass sich der Mensch so sehr lassen muss. Zugegeben, es ist schwierig.[17] Wenn man die Nussschale entfernt, die etwas hart und bitter ist,  kommt man durch die Schale zu dem Kern, der dann süß ist.[18] So ist es mit einem harten Anfang.[19] Wenn man ihn überwindet, dann wird es süß und genüßlich. In der Tat ist alles, was ein Mensch zu tun hat, all den Geboten zu folgen, leicht und erfreulich,[20] gerade so erfreulich und natürlich, wie einem hungrigen Menschen Essen und Trinken ist.[21] Es ist nichts Besonderes, denn alles, was ein Mensch lässt, wird er wieder erhalten, doch man muss sich gänzlich lassen, dann wird man darin alle Dinge im höchsten Maß erhalten und wird sie darin in Wahrheit haben.[22] Auch alle Dinge, die all die Heiligen besitzen, die sind ihm auch eigen, wie sie das Ihre sind, und auch das ist einem eigen, was unserer Frau gehört.[23] Ich ware sogar noch mehr zu behaupten: alles, was Christus besitzt, zusammen mit allem, das der Vater ihm gegeben hat [ist einem eien].[24] Denn er hat dem Menschen alles gegeben, soweit er kann, das ist auch einem eigen, wie es ihm eigen ist, denn er ist unsere Menschheit. Und es ist sogar mehr das Unsere als das Seine, denn es wurde ihm wegen uns gegeben.[25] Denn das Haus, das mit einer Axt gebaut wird ist bedeutender als die Axt, denn das Haus ist das Produkt der Axt, und die Axt dient dem Haus.[26] Denn es wurde unseretwegen gegeben, folglich ist es mehr das Unsere als das Seine. Es gehört alles dem Menschen, was Christus und alle Heiligen besitzen, und davon spricht die Schrift ...[27] da Teilung im selben stattfindet, ist alles, was ist, in uns allen. Dass sie alle besitzen ist seine Absicht und ist, was er ist.
<:8>‘her hat gote behait in sinen tagen’. Ein scrift sprichit: ‘ein tag kundigit den anderen tage’. dit wort meinit got. darumme sprichit iz eigintliche: ein tag kundigit den anderen tage got. waz ist dise tag? alse di sunne geginwortig ist, so heize wis tag. alse dit antlize schinit in me spiegele, alse der spigel ge<g>inwortig ist. alse man den spigel abe kert, so in ist da nicht daz antlize. in me spigele in ist da nicht an der warheit; iz ist, iz hangit in weiz wa in der luft. alse ist diser tag alse nicht. Ein ander tag ist in der sele. Ein ander tag ist ein tag der gnaden. Ober dem ist der tag der ewikeit. diser tag in der sele ist ein craft, ein naturlig licht, in dem luchtit nacht alse tag. darumme sprichit ein ander scrift: got gibit vnd but sin bekentnisse vnd sin lop in der nacht, das ist alse man geruwig vnd unbehindert ist, aber an me tage siner barmherzikeit, daz ist daz sich der mensche ube an uszeren werken. Ein prophete sprichit: ‘set, di tage sint kumen, got wil vrwecken den samen davides’. diser same ist got, di slefit in der sele, in diseme tage wirt der same vr weckit, daz ist bekant. dieser tag meldit got. darumme alle, di dar inne nicht in sin, di in mvgen sin nicht bekenne. Globe ich eime ein ding zu geben in dirre kirchen, queme der nicht herin, iz inworden vme nummer. Ich spreche etwanne ein wortelin: daz, daz wi iagen, von dem werden wir geiagit, daz ist di same, vnd ie me wir da von geiagit werden, ie me wir vme nag iagen, daz wi in begrifen, dise kraft, di oberste, die di scrift kan vnd in der warheit bekennit. Joch al hi di bekennit, daz an allen geiftlichen [9v] dingen daz hoste ist innerste. In dirre (266) | krarft get alle engenote abe vnd cleine, wan got in mag nicht gegebe dan in einer wite, da her vil gegebe mag. vnd da meint her unse beste mite, daz her uns da in ladit, da her uns vil gegebe mag. Gebe ein kunig eine linsen, iz were vme ein ichande. Got in mag hi nicht gegebe in disen dingen, iu sint vme zu enge vnd zu cleine. Iz were vme lesterliche, daz her cleine gebe, wan daz ist sicher, daz got nummer dikeine Gabe gibt, he gebe sig selbe da mite.
<:8>“Er war ein Gefallen für Gott in seinen Tagen”. Eine Schrift spricht: “Ein Tag kündigt den nächsten Tag an”.[28] Dieser Vers bezieht sich auf Gott. Darum könnte man eigentlicher formulieren: Ein Tag kündigt Gott an, den nächsten Tag. Was bedeutet dieser Tag? Wenn die Sonne da ist, nennt man es Tageslicht. Wie das Gesicht, das in einem Spiegel aufleuchtet, während der Spiegel da ist.[29] Doch wenn der Spiegel umgedreht wird, ist das Gesicht nicht länger darin. Ich bin nicht mehr wirklich im Spiegel. Ich bin, doch es hängt vom Licht in der Luft ab. So ist dieser Tag, und er ist nicht. Ein anderer Tag ist in der Seele. Ein weiterer Tag ist der der Gnade. Jenseits desselben ist der Tag der Ewigkeit.[30]Dieser Tag ist eine eine Kraft in der Seele, ein natürliches Licht,[31] in welchem die Nacht als Tag aufleuchtet. Darum sagt eine andere Schrift:[32] Gott gibt und bietet seine Kenntnis und sein Lob in der Nacht, wenn der Mensch ruht und ungehindert ist, doch mehr noch während des Tages seiner Barmherzigkeit, d.h. dass man sich in seinen guten Taten übt. Ein Prophet sagt: “Seht, die Tage sind gekommen, Gott will erwecken den Samen Davids”.[33] Dieser Samen ist Gott, der in der Seele schlummert; on diesem Tag wird der Samen aufgeweckt, das ist angekündigt. Dieser Tag verkündet Gott. Folglich können alle, die nicht darin sind, ihn nicht erkennen. Wenn ich glaube, ich könnte   jemandem etwas in der Kirche geben, doch dieser käme nicht dorthin, könnte ich es ihm nicht aushändigen. Ich habe einmal gesagt:[34] Was wir jagen, von dem werden wir gejagt, das ist der Samen, und je mehr wir von ihm gejagt werden, desto mehr jagen wir es, um es zu erfassen; dies ist die Kraft, das Höchste, das die Schrift kennt und in Wahrheit ankündigt. Doch hier wissen alle, dass von allen geistlichen Dingen das Höchste in dem innersten ist.[35] In dieser Kraft sind alle Beengungen und Beklemmungen gewichen, denn Gott will sich nicht anders als in Offenheit geben, weil er in Fülle geben will. Und hiermit will er das Beste für uns, um uns einzuladen und um uns in Fülle zu geben. Wenn ein König eine Linse gäbe, wäre es eine Schande. Gott will sich in solchen Dingen nicht geben, da sie zu eng und klein für ihn wären. Es wäre ihm lästlich, kleine Gaben zu geben, denn es ist gewiss, dass Gott niemals eine Gabe gibt, es sei denn er gäbe sich selbst mit diesen.[36]
<:9>in disem tage ist vnd got kennit, di bekennit, daz alle di werlt uz gote ist alse ein linse vnd der vil, di di linsen nemen vnd nicht got. alleine sig got dinne gebe, so in nemen su iz doch nicht, aber di got bekennit, den menschen sin alle ding, di uz gote sint, gein gote alse nicht. Iz ist glich, beide, in gote vnd uz   gote, ein mucke ist also edil in gote alse der oberste engil, vnd uz gote ist ein ganz werlt nicht me dan alse ein nicht. In dirre craft ist mir also na di oberste planete alse, daz bi mir ist. vnd di tag, di vor tusint iaren waz, ist mir da also geginwortig alse di, di itzunt gegin wortig ist. vnd dit inreste dis steines ist mir semeliche alse offinbar alse dit uszerste. dit licht meldit got.
<:9>An diesem Tag ist Gott und er kennt diejenigen, die erkennen, dass die ganze Welt außerhalb Gottes eine Linse und soviel ist wie diejeniegn, die nach der Linse greifen und nicht nach Gott.[37] Dennoch gibt sich ihnen Gott, doch sie greifen nicht nach ihm; diejenigen aber, die Gott erkennen, denen sind alle Dinge, die außerhalb Gott sind, wie nichts und nicht Gott. Sein in Gott oder außerhalb Gottes ist dasselbe, eine Fliege ist so edel wie der höchste Engel,[38]doch außerhalb Gottes ist die gesamte Welt nicht mehr als nichts. In dieser Kraft ist mir der höchste Planet so nah wie das, was ganz nah bei mir ist. Und die Tage, die vor Tausend Jahren waren, die sind mir so gegenwärtig wie diejenigen, die jetzt gegenwärtig sind.[39] Und das Innerste des Steines ist mir gänzlich so offenkundig wie das Äußerste. Dieses Licht kündigt Gott an.
<:10>‘her hat gote behait in sinen tagen; in sinen, in sinen! Neme wi iz in disem tage in der sele, so ist iz war, wan got ist da inne. Neme wi iz aber in dem tage, di got ist, so ist iz aber war, wan der mensche in gote ist vnd ist inne vonden gerecht; inne, inne! Got in wirt nirgen [10r] vonden dan inne. Got in ist nirgen, nog in ist got, noch in wirkit, nog in wirkit gotlichen, dan inne imme inresten. wi usze suchit, di in vindit sin nicht. Suchit he in aber inne vnd vin dit her sin danne nicht, so verwize her iz gote.
<:10>“Er war ein Gefallen für Gott in seinen Tagen”. In seinen, in seinen! Nehmen wir es in diesem Tag in der Seele, so ist es wahr, denn Gott ist darin. Nehmen wir es aber in diesem Tag, der Gott ist, ist es immernoch wahr, da der Mensch in Gott ist und innerlich als gerecht erfunden ist. Innerlich, Innerlich! Gott kann nicht anderswo gefunden werden als innerlich. Gott ist nirgends noch ist er irgendwo, noch wirkt er, noch wirkt er göttlich, es sei denn innerlich, in tiefster Innerlichkeit. Wer außerhalb sucht, wird ihn nicht finden. Doch wenn man innerlich sucht, und man ihn nicht findet ,[40]soll man sich an Gott wenden.
<:11>‘her inne vonden gerecht’. Der mensche ist gerecht in eime groben vnd dog guten sinne, des got ere hat vnd alle himelscher vroude vnd der eben cristen beszerunge vnd der gevangenen in dem vegefure losunge. Der ist gerecht, der nicht in denkit nog in spri(266)|chit nog in wirkit dan gerechtikeit. Daz ist gerecht, daz glig vellit vellit. Di ist gerecht, di glig vnd ein war stet in libe vnd in leide, in glucke vnd in unglucke. vnd der ist gerecht, di gerechtikeit liber hat dan alle ding vnd iog sig selber, vnd dem di gerechtikeit lustig ist pobin alle ding vnd ein pine ist, waz wider gerechtikeit ist, vnd den ein vroude vnd licht vnd lustelig ist, zu lidene durg di gerechtikeit. von diseme sprichit vnse herre imme ewangelio: ‘wer nag mir kumen wil, der verlouken sin selbis vnd hebe uf sin cruze’. nicht daz her ein pinlig leben uf sich neme, alleine iz gut ist, di nicht beszeres in weis; he sal nicht pine uf sig neme, mer: he sal su von vme werfe vnd sal pine uf hebe, wan pine wirt vme lichte vnd in ist vme nicht pine, su wirt vme iog lustig, vnd di mensche ist gerecht, di gerechtikeit bekennit vnd minnit, alse su gerechtikeit ist vnd warheit ist vnd got ist. vnd der mensche ist in gote imme sune vnd ist got behegelig vnd minlig in vme, vnd von dem sprichit her: ‘werligen, bi miner warheit, ich wil in setzen uber allis min gut’, daz ist: ich wil in min selbis gewaldig machen.
<:11>“Innerlich wurde er gerecht erfunden“.[41] Der Mensch ist einem groben, und doch guten Sinn nach gerecht erfunden, der Gott ehrt, alle himmlische Freude besitzt, nach dem Nächsten schaut und diejenigen, die im Fegefeuer gehalten sind, befreit. Derjenige Mensch ist gerecht, der ausschließlich aus Gerechtigkeit heraus denkt, spricht und handelt. Derjenige ist gerecht, der gleiches Urteil fällt. Derjenige ist gerecht, der ein und derselbe bleibt sowohl in Liebe wie im Leiden, im Glück und Unglück. Und derjenige ist gerecht, der die Gerechtigkeit allen anderen Dingen und sich selbst vorzieht, dem Gerechtigkeit einen größeren Gefallen bereitet über alle Dinge hinweg, dem es schmerzlich ist, was gegen Gerechtigkeit geht und dem es leicht und freudig ist, aus Gerechtigkeit zu leiden. Von diesem Menschen spricht unser Herr im Evangelium: “Wer immer mir nachfolgen will, der leugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich”.[42] Nicht dass er ein Leben des Leidens auf sich nimmt, doch es ist gut genug, nichts besseres zu kennen. Er muss nicht Leiden auf sich nehmen, sondern vielmehr muss er es von sich streifen und das Leiden beseitigen, so wird er Gefallen haben und dieser Mensch ist gerecht, der Gerechtigkeit und Liebe kennt, insofern es Gerechtigkeit ist, Wahrheit ist und Gott ist. Und dieser Mensch ist immer Sohn in Gott und ist für Gott ein Gefallen, liebt ihn, und von ihm sagt er: „Wahrlich, bei meiner Wahrheit, ich will ihn über all mein Gut setzen“,[43] d.h. ich werde ihm Macht über das Meine geben.

<:12>daz vns dit gesche, des helfe uns got. amen.
<:12> Dass uns dies geschehe, hierzu verhelfe uns Gott! Amen.[44]




[1] Vgl. die parallele Predigt, die den ersten Teil des alttestamentlichen Schriftworts von Eccli44:16-7 auslegt: Hom. 110* [Q 10].
[2] Eccli. 44:16-7: ’16 Enoch placuit Deo et translatus est in paradiso ut det gentibus paenitentiam. 17 Noe inventus est perfectus iustus et in tempore iracundiae factus est reconciliatio’; Matth. 25:21: ‘Euge serve bone, et fidelis: quia super pauca fuisti fidelis, super multa te constituam’; dieselbe Kombination dieser beiden Schriftpassagen, Eccli. 44:16 und Matth. 25:21 findet sich in Eckhart, Hom. 109* [Q 66], n. 4, eine wichtige Predidgt, die insbesondere auch Matth. 25:21 auslegt. Eine weitere Deutung Eckharts von Matth. 25:21 begegnet in Hom. 52* [Q 64], nn. 3-4.
[3] Die Meister beziehen sich hier auf die Verfasser der synoptischen Evangelien, die gleich genannt werden. Einen ähnlichen synoptischen Vergleich findet man in Hom. 110 [Q 10], n. 9: ‘Nû schrîbet ein êwangeliste: ‘diz ist mîn lieber sun, in dem ich mir wol behage’. Nû schrîbet der ander êwangeliste: ‘diz ist mîn lieber sun, in dem mir alliu dinc behagent’. Nû schrîbet der dritte êwangeliste: ‘diz ist mîn lieber sun, in dem ich mir selber behage’. Allez, daz gote gevellet, daz gevellet im in sînem eingebornen sune; allez, daz got minnet, daz minnet er in sînem eingebornen sune’.
[4] Matth. 3:17: ‘hic est Filius meus dilectus in quo mihi conplacui’.
[5] Marc. 1:11: ‘tu es Filius meus dilectus in te conplacui’.
[6] Luc. 3:22: ‘tu es Filius meus dilectus in te conplacuit mihi’.
[7] Vgl. Eckhart, Hom. 67* [Q 31], n. 3: ‘Der vater enminnet kein dinc dan sînen sun und allez, daz er vindet in sînem sune’; Hom. 23* [Q 51], n. 6: ‘Ûzwendic dem sune enweiz der vater nihtes niht. Er hât sô grôzen lust in dem sune, daz er anders niht enbedarf dan gebern sînen sun’.
[8] Vgl. Eckhart, Hom. 12* [Q 14], n. 4: ‘were eit hoeger dan got, sy in woilde gotzs neit. Der ander in genoeget neit dan an deme alre besten; were eit besser dan got, sy in wolde godes neit. Der dirder ingenoeget neyt dan an eynem goiden; were eit goiders dan got, sy in wolde godes neyt’.
[9] Vgl. Eckhart, Hom. 13* [S 102], n. 8: ‘Des enmac der sünder niht enpfâhen noch enist sîn niht wirdic, wan er ervüllet ist mit den sünden und mit bôsheit, daz dâ heizet vinsternisse’; Hom. 17* [S 91], n. 12: ‘Ze dem andern mâle ladet er an dem tôde, der dâ bitterlîche und swærlîche vellet ûf der sünder herze’.
[10] I Cor. 1:24-5: ‘(24) ... Christum Dei virtutem et Dei sapientiam (25) quia quod stultum est Dei sapientius est hominibus’.
[11] Das scheint Eckharts anderen Aussagen zu widersprechen, in denen er davon spricht, dass selbst die Hölle nicht vollständig von Gott trennt, auch wenn die dort Verweilenden “Verdammte” genannt werden, die offenkundig Gott nicht kennen, vgl. Eckhart, Hom. 113* [S 100], n. 7: ‘von nôt müezen alle crêatûren ir wesen nemen in gote, nochdenne die vertüemeten in der helle, die müezen blîben ûf etwaz sînes wesennes. Enwellent sie niht blîben in gote in der sælicheit, sô müezen sie in im blîben wider ir willen in der vertüemunge. Waz tôrheit ist daz, daz man bî dem niht sîn enwil, âne den man niht sîn enmac!’ Doch wird deutlich, dass diejenigen, die Gott nicht mit Gott sein wollen, auch keine Kenntnis von ihm und seiner Barmherzigkeit haben. Im Gegenzug kennt Gott sie, wie sie sind, also als Menschen, die nicht wissen und nicht kennen. Und, wie in Hom. 113* liest man im nächsten Satz hier in n. 8, dass Gott bindet, dass er auch nicht loslässt, selbst diejenigen nicht, die verdammt sind. Auch ihnen spricht er sein Wort zu, indem Christus die menschliche Natur annimmt.
[12] Eine enge Parallele bietet Eckhart, Hom. 2* [Q 24], n. 9: ‘dar umbe nam got menschlîche natûre an sich und einigete sie sîner persônen. Dâ wart menschlich natûre got, wan er menschlîche natûre blôz und keinen menschen an sich nam’.
[13] Wieder findet sich eine Parallele in Hom. 2* [Q 24], n. 9 straight after: ‘Dar umbe, wilt dû der selbe Krist sîn und got sîn, sô ganc alles des abe, daz daz êwige wort an sich niht ennam. Daz êwige wort nam keinen menschen an sich; dar umbe ganc abe, swaz menschen an dir sî und swaz dû sîst, und nim dich nâch menschlîcher natûre blôz, sô bist dû daz selbe an dem êwigen worte, daz menschlich natûre an im ist. Wan dîn menschlîche natûre und diu sîne enhât keinen underscheit: si ist ein, wan, swaz si ist in Kristô, daz ist si in dir’.
[14] Marc. 12:31: ‘simile illi diliges proximum tuum tamquam te ipsum’; eine direkte Parallele zu diesem Gebot, das als hart empfunden wird (vgl. n. 7), findet sich in Eckhart, Hom. 41* [Q 4], n. 8: ‘Ez schînet swære, daz unser herre geboten hât, daz man den ebenkristen minnen sol als sich selben’.
[15] Vgl. Eckhart, Hom. 113* [S 100], n. 8: ‘Sô ich ze Parîs predige, sô spriche ich – und ich getar ez wol sprechen –: alle die von Parîs enmügent niht begrîfen mit allen irn künsten, waz got sî in der minsten crêatûre, nochdenne in einer mücken. Aber ich spriche nû: alliu disiu werlt enmac ez niht begrifen’; vgl. auch Hom. 90* [Q12], n. 9: ‘Der eine vliegen nimet in gote, diu ist edeler in gote dan der hœhste engel an im selber sî’.
[16] Vgl. Eckhart, Hom. 24* [Q 19], n. 2: ‘Der himelische vater sprichet ein wort und sprichet daz êwiclîche, und in dem worte verzert er alle sîne maht und sprichet sîne götlîche natûre alzemâle in dem worte und alle crêatûren’.
[17] Vgl. oben die Anmerkung zu Marc. 12:31.
[18] Vgl. die Parallele mit einem Verweis in Eckhart, Hom. 23* [Q 51], n. 10: ‘Ich hân gesprochen etwenne mê: diu schal muoz zerbrechen, und muoz daz, daz dar inne ist, her ûz komen; wan, wilt dû den kernen hân, sô muost dû die schalen brechen’; der Verweis könnte auf unsere Predigt hier, oder auch auf Hom. 65* [Q 13], n. 3 gehen: ‘Diu schal muoz enzwei sîn, sol der kerne her ûz komen’.
[19] Vgl. die Parallele in Eckhart, Hom. 3* [Q 68], n. 15: ‘Daz ist wol wâr, daz ez in dem beginne etwaz swære ist in dem abescheidenne’.
[20] Vgl. Eckhart, Hom. 6* [Q 38], n. 14: ‘Alliu sîniu gebot sint mir lîhte ze haltenne’.
[21] Vgl. Eckhart, Hom. 30* [Q 79], n. 5: ‘Brôt daz ist gar trœstlich dem menschen, sô in hungert; sô in aber dürstet, sô enhæte er als wênic trôst an dem brôte als an einem steine’; Hom. 91* [Q 41], n. 6: ‘Die wîle den menschen hungert, die wîle smacket im diu spîse’; Hom. 95* [Q 27], n. 5: ‘Sô mich dürstet, sô gebiutet mir daz trank; sô mich hungert, sô gebiutet mir diu spîse’.
[22] Vgl. Matth. 19:29: ‘et omnis qui reliquit domum vel fratres aut sorores aut patrem aut matrem aut uxorem aut filios aut agros propter nomen meum centuplum accipiet et vitam aeternam possidebit’; vgl. Eckhart, Hom. 117* [Q 62], n. 1: ‘unser herre gelobet den hundertvalt, die alliu dinc lâzent. Læzet er alliu dinc, sô sol er hundertvalt nemen und daz êwige leben’; vgl. auch Hom. 95* [Q 27], n. 9: ‘Dô ich nû predigete an der drîvalticheit tage, dô sprach ich ein wörtelîn in der latîne, daz der vater sînem eingebornen sune gæbe allez, daz er geleisten mac, alle sîne gotheit, alle sîne sælicheit, und enbehielte im selber niht’; der Verweis mag auf Sermo II,1 n. 6 (LW IV 8,6–14) gehen: ‘In causis autem primordialibus sive originalibus primo–primis, ubi magis proprie nomen est principii quam causae, principium se toto et cum omnibus suis proprietatibus descendit in principiatum. Audeo dicere quod etiam cum suis propriis – Ioh. 14: “ego in patre et pater in me est” – ut non solum hoc sit in illo, quodlibet in quolibet, sed hoc sit illud, quodlibet quodlibet, Ioh. 10: “ego et pater unum sumus”. Pater enim hoc est quod filius. Paternitas ipsa hoc est quod filiatio. Id ipsum est potentia, qua pater generat et filius generatur. Propter quod potentia generandi essentiam in recto significat, sicut dicunt meliores’.
[23] Vgl. Eckhart, Hom. 114* [Q 15], n. 5: ‘alles das gu°t, das in allen engeln vnd in allen hailgen ist, das ist alles sin aigen, als es gottes aigen ist’.
[24] Vgl. Eckhart, Hom. 44* [Q 54b], n. 9: ‘allez, daz der vater gegeben hât sînem sune, allez, daz er ist, daz er in daz gebe’.
[25] Wieder eine Parallele zu Eckhart, Hom. 2* [Q 24], n. 3: ‘Daz ander wunder ist von der sêle, daz got sô grôziu dinc mit ir und durch sie getân hât und tuot, wan er tuot, swaz er mac, durch sie; er tuot vil und grôziu dinc durch sie und ist zemâle unledic mit ir, und daz ist von ir grôzheit, in der si gemachet ist’.
[26] Ein ähnliches Gleichnis für eine andere Aussage findet sich in Eckhart, Hom. 103* [Q 6], n. 16: ‘Daz würken und daz werden ist ein. Sô der zimmerman niht enwürket, sô enwirt ouch daz hûs niht. Dâ diu barte liget, dâ liget ouch daz gewerden. Got und ich wir sîn ein in disem gewürke; er würket, und ich gewirde’.
[27] ‘irl'm’ scheint die Quelle oder den Autor anzugeben, ist aber noch zu entziffern und zu identifizieren.
[28] Ps. 18:3: ‘dies diei eructat verbum’; vgl. hierzu Eckhart, In Ioh. n. 293 (LW III 245,13).
[29] Vgl. das gleiche Bild in Eckhart, Hom. 86* [Q 9], n. 14: ‘Daz bilde ist in mir, von mir, zuo mir. Die wîle der spiegel glîch stât gegen mînem antlite, sô ist mîn bilde dar inne; viele der spiegel, sô vergienge daz bilde’; Hom. 39* [Q 69], n. 8: ‘Daz merket an dem spiegel: hebest dû den vür dich, sô erschînet dîn bilde in dem spiegel. Daz ouge und diu sêle ist ein solch spiegel, daz allez daz dar inne erschînet, daz dar gegen gehabet wirt. Dar umbe ensihe ich niht die hant oder den stein, mêr: ich sihe ein bilde von dem steine’.
[30] Zu dem “tag der ewikeit”, vgl. Eckhart, Hom. 107* [Q 72], n. 11: ‘dâ wil sie got volbringen in dem tage der êwicheit, dâ ein ganz lieht ist’.
[31] Dass diese Kraft der Seele ihr “natürliches Licht” ist, findet sich auch Eckhart, Hom. 24* [Q 19], n. 3: ‘Alle crêatûren die engevallent gote niht, daz natiurlîche lieht der sêle überschîne sie, in dem sie ir wesen nement’; Hom. 28* [Q 18], n. 8: ‘dar umbe sol sich diu sêle ûf erheben in irm natiurlîchen liehte in daz hœhste und in daz lûterste’.
[32] Vgl. Sap. 18:14–5: ‘Dum medium silentium tenerent omnia et nox in suo cursu medium iter haberet omnipotens sermo tuus domine de celis a regalibus sedibus venit’ (Arch. f. 395ra); Vg. reads: ‘(18:14) cum enim quietum silentium contineret omnia et nox in suo cursu medium iter haberet, (18:15) omnipotens sermo tuus de caelo a regalibus sedibus durus debellator in mediam exterminii terram prosilivit’; hierzu vgl. Hom. 70* [Q 73], n. 8: ‘Diu geschrift sprichet, daz ‘in mitter zît der naht, dô alliu dinc in einem swîgenne wâren, dô kam, herre, dîn wort her abe von den küniclîchen stüelen’, daz ist: in der naht, sô kein crêatûre in die sêle enliuhtet noch enluoget, und in dem stilleswîgenne, dâ niht in die sêle ensprichet, dâ wirt daz wort gesprochen in die vernünfticheit’; vgl. auch Cant. 3:1: ‘In lectulo meo per noctes quaesivi quem diligit anima mea … et non inveni’; und vgl. Hom. 66* [Q 71], n. 9: ‘Si sprichet: ‘ich suochte in al durch die naht’. Ez enist kein naht, si enhabe ein lieht: ez ist aber bedecket. Diu sunne schînet in der naht, si ist aber bedecket. Des tages schînet si und bedecket alliu andern lieht. Alsô tuot daz götlich lieht: daz bedecket alliu lieht’.
[33] Vgl. II Tim. 2:8: ‘memor esto Iesum Christum resurrexisse a mortuis ex semine David’.
[34] Vgl. Eckhart, Hom. 30* [Q 79], n. 7: ‘Sehet, als süeze ist gotes trôst, daz in alle crêatûren suochent und jagent im nâch. Und ich spriche mê, daz aller crêatûren wesen und leben liget dar ane, daz sie got suochent und im nâchjagent. Nû möhtet ir sprechen: wâ ist dirre got, dem alle crêatûren nâchjagent, dâ von sie ir wesen und ir leben hânt?’.
[35] Vgl. Eckhart, Hom. 9* [S 101], n. 6: ‘Dar umbe muoz sich diu sêle, in der disiu geburt geschehen sol, gar lûter halten und gar adellîche leben und gar eine und gar inne, niht ûzloufen durch die vünf sinne in manicvalticheit der crêatûren, mêr: alles inne sîn und ein sîn; und in dem lûtersten dâ ist sîn stat, im versmâhet iht minners’.
[36] Vgl. zu dieser gesamten Passage Eckhart, Hom. 41* [Q 4], n. 10: ‘Dô got alle crêatûren geschuof, dô wâren si sô snœde und sô enge, daz er sich niht dar inne beregen mohte. Doch machte er im die sêle sô glîch und sô ebenmæzic, ûf daz er sich der sêle gegeben möhte; wan swaz er ir anders gæbe, des enahtet si niht. Got muoz mir sich selber geben als eigen, als er sîn selbes ist, oder mir enwirt niht noch ensmecket mir niht. Swer in alsus zemâle enpfâhen sol, der muoz zemâle sich selben ergeben | (72) hân und sîn selbes ûzgegangen sîn; der enpfæhet glîch von gote allez, daz er hât, als eigen als erz selber hât und unser vrouwe und alle, die im himelrîche sint: daz ist disen als glîch und als eigen. Die alsô glîch ûzgegangen sint und im selben ergeben hânt, die suln ouch glîch enpfâhen und niht minner’; Hom. 63* [Q 84], n. 3: ‘allez, daz got geben mac, daz ist allez einer sêle ze kleine, engæbe sich got niht selber in den gâben’; Hom. 86* [Q 9], n. 10: ‘in allen den gâben, die er gibet, sô gibet er sich selben ie zem êrsten. Er gibet sich got, als er ist in allen sînen gâben, als verre als ez an im ist, der in enpfâhen möhte’.
[37] Vgl. die Gleichsetzung von “Linse” und “nichts” in Eckhart, Hom. 59* [Q 42], n. 6: ‘Wizzet: dem menschen wæren alliu dinc als lîhte ze lâzenne als ein erweiz oder ein linse oder als niht; jâ, bî mîner sêle, alliu dinc wæren disem menschen als ein niht!
[38] Eine deutliche Parallele findet sich in Eckhart, Hom. 90* [Q 12], n. 9: ‘Der eine vliegen nimet in gote, diu ist edeler in gote dan der hœhste engel an im selber sî’.
[39] Zu diesem Thema des innerlichen Findens Gottes vgl. Hom. 110* [Q 10]. See also Eckhart, Hom. 25* [Q 26], n. 3: ‘Allez, daz ie geschach vor tûsent jâren, der tac, der vor tûsent jâren was, der ist in êwicheit niht verrer dan disiu stunde, dâ ich ze <disem> mâle iezuo stân, oder der tac, der über tûsent jâr komen sol oder als vil dû gezeln maht, der enist in êwicheit niht verrer dan disiu stunde, dâ ich iezuo inne stân’.
[40] Vgl. Eckhart, Hom. 9* [S 101], n. 23: ‘Ie mê dû âne bilde bist, ie mê dû sînes înwürkennes enpfenclîcher bist, und ie mê îngekêret und vergezzener, ie mê disem næher’.
[41] Vgl. die Parallele in Eckhart, Hom. 2* [Q 24], n. 10 zu dem Gerechten, das die zuvor erwähnte Parallele zwischen der vorliegenden Predigt und Hom. 2* unterstreicht.
[42] Matth. 16:24: ‘Si quis vult post me venire, abneget semetipsum, et tollat crucem suam, et sequatur me’; vgl. hierzu Eckhart, Hom. 98* [S 107] und Hom. 9* [S 101], n. 28.
[43] Matth. 25:21: ‘Euge serve bone, et fidelis: quia super pauca fuisti fidelis, super multa te constituam’; vgl. zuvor n. 1.
[44] Vgl. zu dieser Standardformulierung Eckharts etwa Hom. 1* [S 87], n. 10; Hom. 8* [Q 76], n. 13; Hom. 32* [S 108], n. 14; Hom. 101* [Q 58], n. 9; Hom. 106* [S 112], n. 14.



Predigt C2,3* [Strauch II 373-5]

In communi unius apostoli vel plurimorum
‘Got sprichet Der mich liepp hait der salle myn wordt behalden und schriben es in sin hertze’ (Ioh. 14:15)


Text und Übersetzung



<C2,3*:1>[34b]Unser herre erzeuget uber alle sin wercke nyt glich Sunder er gibbet darnach daz [35a] eyn iglicher entpfahen magk Got ist uber alle und doch me in guden luden dan in andern Got sprichet Der mich liepp hait der salle myn wordt behalden und schriben es in sin hertze Want frunde wordt gedencket man gern lange
<C2,3*:1>Unser Herr behandelt nicht alle Dinge gleich, sondern er gibt danach, was eine jede Person zu empfangen vermag. Gott ist über allen, jedoch noch mehr in guten Menschen als in anderen. Gott spricht: wer mich liebt, der soll mein Wort bewahren und in sein Herz schreiben, denn der Worte von Freunden gedenkt man gerne lang.
<C2,3*:2>Als der mensche eyn wordt spricht so bringet das wordt den atemen herfure Also spricht s. Augustinus Das der heylige geyste bindet den vatter und den sone zusamen Got komet so lise das manne nyt wissen enmagk sin komen noch sin varen Wie magk das sin das got in myr sij und ich es nyt enwisse Ich sagen dir es Es komet dar abe das du [35b] in legest da er dir nyt ensmacket Der selen reden ist ir dencken Her umbe so salle sie dencken nach godde sal ir got smacken Wann dir got smacket so drag dich ym uff myt engsten und myt liebe Und mit lone Got ist suße und begrifflich als er wille also smacket er Gregorius der mensche sal gan von fremden dingen zu eygenen dingen und sal gann von dem das er ist zu dem das er nyt enist. Unde sal gane von dem entpfahene des liechtes zu dem burnen des liechtes
<C2,3*:2>Wenn ein Mensch ein Wort äußert, bringt das Wort den Atem hervor. So spricht der heilige Augustinus, dass der heilige Geist den Vater und den Sohn zusammenbindet. Gott kommt so leise, dass man sein Kommen und sein Gehen nicht wahrzunehmen vermag. Wie kann das sein, dass Gott in mir sei und ich nicht darum weiß? Ich sage es Dir: Das kommt daher, dass Du ihn dort vermutest, wo er nicht wahrgenommen wird. Die Sprache der Seele ist ihre Reflexion. Darum soll sie wie Gott denken, wenn sie Gott wahrnehmen soll. Wenn Du Gott wahrnimmst, wende Dich ihm zu mit Ängsten, Liebe und Dank. Gott ist spürbar und begreifbar. Wie er will ist er wahrnehmbar. Gregor: Der Mensch soll von fremden Dingen zu eigenen Dingen gehen, und soll von dem, was man ist gehen zu dem, was man nicht ist, und soll von dem Empfangen des Lichtes gehen zu der Quelle des Lichtes.
<C2,3*:3>Eyn wise manne spricht Alles das in erterich ist das ist dem menschen fremde sunder bekentenisse der Warheyt Augustinus spricht Alles das in erterich ist [36a] das sal zugan Sunder eynes daz ist ewig das ist der smacke der sußigkeyt der warheyt Das ist warheit an dem menschen das alle syne werck nyt anders enmeyne<n>t dann die oberste warheyt die got ist. Want alle sundere bekennent noch enmeynent die warheyt nyt
<C2,3*:3>Ein weiser Mensch sagt: alles, was in der Erde ist, das ist dem Menschen ohne die Erkenntnis der Wahrheit fremd. Augustine sagt: Alles, was in der Erde ist, soll vergehen, außer dem einen, das ewig sit, das ist die Wahrnehmung der Süße der Wahrheit. Das ist Wahrheit im Menschen, dass all seine Handlungen nichts anderes verfolgen als die oberste Wahrheit, die Gott ist. Denn alles andere kennt noch verfolgt die Wahrheit.
<C2,3*:4>Es sint zwey eigen an dem menschen Eyn eygen gut ist bekentenisse der warheyt Das andere eygen ist das der mensche herre sal sin syner eygen wercke
In alle der wernlde enist nyt eygens das ewig bliben sol dann eyn gefulen bekennen der warheyt

Dann ist der mensch herre syner eygenen wergke in ym selbere und alle anfeldige werck [36b] von dem verhengnisse gottes durch die creaturen in eyner gantzen gegenwurtigkeyt der warheit also licht hat zuthunde als zu lassen Und zulaßen als zuthun nach der crafft und mogenheit sin selbs Want wann der mensch wi<r>cket alle sin wercke in gantzem vulen der warheit so ist er herre syner wercke
<C2,3*:4>Es gibt zwei Besonderheiten im Menschen: Die eine Besonderheit ist Erkenntnis der Wahrheit, die andere Besonderheit ist dass der Mensch Herr soll sein seiner eigenen Handlungen.
In der gesamten Welt soll keine andere Besonderheit ewig bleiben außer Wahrnehmen und Erkenntnis der Wahrheit.
Dann ist ein Mensch selbst Meister seiner eigenen Handlungen, und alle einfache Handlungen besitzen das Licht durch Gottes Einwirkung in den Kreaturen in einer einzigen, vollen Gegenwart der Wahrheit, zu handeln und sein zu lassen, wie gemäß der eigenen Macht und der Möglichkeit zu handeln. Denn wenn ein Mensch all seine Handlungen im vollen Gespür der Wahrheit tut, dann ist er Herr seiner Handlungen.
<C2,3*:5>man sal gann von dem das manne ist zu dem das manne nyt enist Das ist das dem menschen in dieseme libe des geoffenbaret moge werden an ym selber oder an eyncher creaturen Damyt er sich sulle laßen gnungen. Want in allem erterich ist keyn dinck bessere dan begerunge bessere zu werden Eyn wise man spricht das keyn [37a] creature sij uff erterich sie enhabe etwas das ir an ir nature lustlich sij das eyner andern nyt lustlich sij Herumbe sal der mensch mercken was syner naturen aller luschlichs sij und uff was sie aller meyst geneyget sij es sij ere richtumme hochfart oder gemach des libes was er ist an der naturen des sal er abe gane lustlich zumale uff das das syn nature nyt (374) me neygens enhabe uff dem das sie gewon was dann uf eyme andern Also das der mensch ledig sij zulaßen als zutun sunder alle hinderniße
<C2,3*:5>Man soll von dem, was man ist, zu dem, was man nicht ist, gehen. Das heißt dass es einem Menschen selbst in diesem Leib offenbart werden kann oder in einer Kreatur. Hiermit soll man sich zufrieden geben. Denn auf der ganzen Erde ist nichts besser, als das Streben, besser zu werden. Ein weiser Mensch sagt, dass es auf der Erde keine Kreatur gäbe, es sei denn sie hätte etwas in ihrer Natur, das ihr gefällt, jedoch jemand anderen nicht gefällt. Darum soll man merken, was der eigenen Natur gefällt und worauf diese tendiert, sei es Ehre, Reichtum, Streben oder Sorge für den Leib. Was man von Natur aus ist, soll man fröhlich sein lassen, besonders dann, wenn die Natur auf etwas hinstrebt, was sie nicht gewesen war, sondern auf etwas anderes, so dass der Mensch frei sei zu lassen oder zu tun ohne Hindernisse.

<C2,3*:6>Paulus es enist keyn dingk uff erterich ich enhabe es als licht zulaßen und zudune als ich wille Das manne laßen unde tun sall als obe er vor mir stunde [37b] und er es mich tun hiesse Mann salle gare ußgan aller neygunge das dem menschen keyn zuverlaß belibe an keyner creaturen Want wer syne neygung leßet uff eynch creature der verget mit der creaturen Aber der sin neygunge und synen fliß uff Christum lesset er ist so vereynet mit der gotheyt Der worde verbaz in die eynunge <gezogen> Gregorius spricht das got nicht leyder ensij dan das ym der mensch nit vollen getruwet Want der mensche der an nicht enhanget noch an dem nicht enhanget der ist allewege ungehindert

<C2,3*:6>Paulus: Es gibt nichts auf Erden, das ich nicht leicht lassen oder tun kann, wie ich will, das man lassen oder tun soll, wie wenn jemand vor mir steht und man würde bitten, es zu tun. Man soll jegliche Intention lassen, so dass niemand auf irgendeine Kreatur vertraut. Denn wer sich auf eine Kreatur verlässt, der vergeht mit der Kreatur. Wer aber seine Intention und seine Anstrengung auf Christus verlegt, der ist so mit der Gottheit vereint, dass man völlig in das Einssein hineingezogen wird. Gregor sagt, dass Gott nicht mehr leidet als wenn ein Mensch ihm nicht völlig vertraut, denn ein Mensch, der an nichts hängt, noch an dem irgendetwas hängt, is in jeder Hinsicht ohne Hindernisse.
<C2,3*:7>Eyn wise man spricht wer eyn genatzte vedere worffe in den windt sie viel zuhant zu der erden were sie aber drocken [38a] ir mochte licht wyndes kommen das sie hin fure Alsus ist <es> myt dem menschen des enist nummerme so cleyne da er synnes yt hene beweget mit gedencken es ensij eyn mittel des gotlichen influßs in die sele
<C2,3*:7>Ein weiser Mensch spricht: Wenn einer eine genässte Feder in den Wind würfe, fiele sie gleich auf die Erde, wäre sie aber trocken, könnte schon ein leichter Wind kommen und sie flöge dahin. So ist es mit dem Menschen. Es gibt nichts, was so klein ist, dass man sich selbst nicht durch Erkenntnis bewegen könnte, sei es ein Mittel des göttlichen Einlfusses auf die Seele.
<C2,3*:8>Mann sal gane von dem entpfahen des liechtes zu dem bornen des liechtes Die meistere sprechent das der burne nyrgen also suße sij als in syme ursprunge Herumbe so were das eyn große unedelkeyt were daz der mensche den ursprungk also nawe bij yme hette als den fluß das er den ursprungk liesse und ginge zu dem fluß Alsus ist zu merckene die groß unedelkeyt des menschen der uff ich beliebet da got nyt enist Hie [38b] von Spricht Augustinus herre habe dir din hymmelrich und alles das daz uff erterich ist und gib dich mir selber Er sprach auch herre ich geben mich allen umb dich allen Er sprach auch herre wie lange salle es sin ich und du Wann sal es werden ich du du ich Herumbe were kein mensche der under dusent puncten wiste eyn das eyns hares dicke naher were dem zu dem er hachite dann eyn andere ließe er das und enkriegete nyt darnach er gebe eyn zeychen das er nye ware liebe beseßen
<C2,3*:8>Man soll von dem Empfangen des Lichtes zu der Quelle des Lichtes gehen. Die Meister sagen, dass der Quell nirgends so süß ist als in seinem Ursprung. Darum wäre es sehr töricht, wenn der Mensch den Ursprung so nahe bei sich hätte wie den Fluss, dann aber den Ursprung ließe und zu dem Fluss ginge. Darum soll erkenne die große Torheit desjenigen, der sich auf etwas stützt, in welchem Gott nicht ist. Hiervon spricht Augustine: Herr, nimm Dein Himmelreich und alles, was auf Erden ist, doch gib Du Dich mir selbst. Er sagte auch: Herr, ich gebe Dir mein alles für alles von Dir. Er sagte auch: ‘Herr, wie lange soll es noch Ich und Du geben, wann wird es Ich Du, Du Ich sein’? Wenn folglich ein Mensch wäre, der aus tausend Punkten einen einzigen kannte,   der eine Haarbreit näher als ein anderer wäre, zu dem er eilte, er würde aber nicht zu jenem gehen, sondern nach dem anderen greifen, der würde ein Zeichen geben, dass er nie Liebe besessen hatte.
<C2,3*:9>Eya got ist eyne ursprungk alles liechtes und ist eyn burne alles lebens und ist ein ußfluß alles wesens und alles das alle creaturen entphain [39a] mogen das enist nyt wider dem das der burne ist an ym selber Herumbe spricht Gregorius wol das der mensch solde gane von dem entpfahen des liechtes zu dem burne des liechts Augustinus spricht von eyme syme frunde Herre myn frunt enwil mich numme horen want er endarff myner wortte nyt noch myner lere nyt Er ist kommen zu dem burnen ußer dem er suget alle gnugede. Wer gottes hie nit enwil der engebruchet sin hernach nummerme Der mensche sal gane von dem das er ist zu dem das er nit enist Das ist das er sal gan von aller gebrechlichkeyt zu eyme volnkommen wesene Also das er syner Innyg[39b] zu aller zit gnungk sij Hie von Spricht sanctus Gregorius herre ich tun alles das ich vermack Wiltu aber mee dan ich vermagk So enmagk ich doch numme dann ich vermagk
<C2,3*:9>Ach ja, Gott ist ein Ursprung allen Lichts, ist eine Quelle allen Lebens und ist ein Ausfluss allen Seins, und alles, was alle Kreaturen empfangen können, das ist nichts, verglichen mit dem, was der Quell in ihm selber ist. Darum sagt Gregor schön, dass der Mensch vom Empfangen des Lichts zur Quelle des Lichts gehen soll. Augustinus spricht von einem seiner Freunde: Herr, mein Freund braucht weder meinen Worten noch meiner Lehre zuhören. Er ist zur Quelle gekommen, aus der er alles zieht, was er braucht. Wer Gott hier nicht will, der braucht ihn niemals später. Ein Mensch soll von dem, was er ist, zu dem, was er nicht ist, gehen. Dies heißt, dass man von dem, was vergänglich ist zum vollkommenen Sein gehen, so dass man auf Dauer mit dem eigenen Innern zufrieden sei. Hiervon spricht der heilige Gregor: Herr, Ich tue alles, was ich kann. Doch willst Du mehr, als ich tun kann, kann ich dennoch nicht mehr.
<C2,3*:10>An dem andern dage sal die sele ruwen Wann die sele in eyner (375) gantzer gesaztheyt stet uff ir selbere so hat sie ruwe Ame dritten dage sal sie clare werden als die sonne Das ist wan got alleyn wircket ungehindert von der selen So wircket er sich werlich in der selen und sie wort clare als die warheit want sie enluchtet nyt dan die warheit
<C2,3*:10>Am zweiten Tag soll die Seele ruhen. Wenn die Seele vollkommen auf sich selbst gestellt ist, dann hat sie Ruhe. Der dritte Tag soll so hell wie die Sonne sein. Das heißt, wenn Gott alleine wirkt, nicht von der Seele gehindert, wirkt er wirklich in der Seele, und sie wird so hell wie die Wahrheit, denn nicht sie, sondern die Wahrheit leuchtet auf.


Predigt C2,4* [Strauch III 375-7]

In communi unius apostoli vel plurimorum
‘Diß wordt sprach unsere herre Ihesus Das die weinenden selig sint’ (Matth. 5:5)

Text und Übersetzung


<:1> Diß wordt sprach unsere herre Ihesus Das die weinenden selig sint Myt [40a] dem wortte enhat er nyt gemeyne alle iomerge lude Sunder die alleyn die nach syme willen iomrig sint Rechter sachen des iomers ist viel wenigk eyn rechte sache der ist viel Aber geordenter sachen ist umbe eygene sunde die der mensch selber gethann hat Eyn andere sache ist umb eygenen gebrechen da der mensch stediglich Inne liget oder dicke Inne vellet das ist aller unluter Want es ist notturfft und get uff den menschen selber Want alle luterkeyt ist wider der notturfft und dreyt alles ußwert uff andere lude von dem menschen selbere
<:1>Unser sprach den Vers, dass ‘diejenigen, die weinen, gesegnet sind’.[1] Mit diesem Vers hatte er nicht alle jammernden Leute gemeint, sodnern alleine diejenigen, die seinem Willen gemäß jammern. Es gibt wenige rechte Gründe zu jammern, doch viel rechte Gründe. Der eigentliche Grund liegt in den eigenen Sünden, die der Mensch selbst getan hat. Ein zweiter Grund liegt in den eigenen Schwächen, in denen der Mensch ständig gefangen ist oder in die er ernst hinein gerät. Dies ist alles unlauter, denn es entstammt der Notwendigkeit und fällt auf den Menschen selbst zurück. Hingegen ist lauter, was nicht von Notwendigkeit herrührt und was vom Menschen selber auf andere Leute draußen zurückgeführt wird.
<:2>Die ersten sint amme meysten nyt selig nach synen wortten Aber die andern die [40b] die luterkeit hant die sint nach der meynunge sins worttes selig Aber des enachtet eyn getruwe sele nit die sich selber verlassen hait der ist viel bas myt anderer lude seligkeyt dann myt yr selbs. Want sie achtet ir selbst noch alles des das zu ir selden gehort nyt

<:2>Die ersten sind diejenigen, die seinen Worten nach am geringsten gesegnet sind, während die anderen, die Lauterkeit besitzen, der Bedeutung seiner Worte zufolge gesegnet sind. Dies jedoch hat jedoch eine trauernde Seele nicht im Blick, die sich selbst aufgegeben hat. Sie ist vielmehr völlig mit dem Segen anderer Leute beschäftigt anstatt mit ihrem eigenen. Denn sie hat ihr Eigenes nicht im Auge, noch das, was zu ihr selbst gehört.
<:3>Die sele sal allezit haben eyn geordent sach des iomers die ist also das sie sal bekennen mit liecht von gnaden die edelkeyt und die clareheyt und seligkeyt gotlicher naturen und salle bekennen War zu gotlich nature geschaffen habe menschlich nature Das ist zu ir bekentenisse das gotlich nature allezit offenbare solde sin menschlicher Naturen und auch [41a] zu ir mynnen das sich menschlich nature one underlaiße mit liebe gießen sulde uff gotliche nature und auch zu ir eynunge das der mensche ummerme sulde gesticket sin in den grundelosen burne gotlicher naturen und auch zu ir gebruchunge das sie one underlaiße unmeziger wollust gebruchen sulde in yr das was gottes meynunge da er diese creature geschuff
<:3>Die Seele soll allzeit einen rechten Grund zum Jammern haben, der darin liegt, dass sie mit dem Licht der Gnade den Adel, den Glanz und die Seligkeit der göttlichen Natur erkennen soll und soll erkennen, wozu die göttliche Natur die menschliche Natur geschaffen hat. Es geht darum zu erkennen, dass die göttliche Natur allzeit sich seiner menschlichen Natur offenbaren und sie lieben sollte, so dass die menschliche Natur sich selbst beständig in die göttliche Natur gießen sollte und sich auch mit ihr vereine, so dass der Mensch immer mehr sich in den grundlosen Brunnen der göttlichen Natur und auch zu ihrem Zweck verwurzele, damit sie ohne Unterlass in ihr unbegrenzte Begier verspüren sollte. Dies war Gottes Plan, als er die Kreatur schuf.
<:4>Heran gyngk es widder syner meynunge an dem valle Adams und Even An dem valle Kayns der synen bruder ermorte und an manicherley iomer das geschach in der alten Ee vur der zukunfft unsers heyls Das er uns sante nach so mancherley smacheyt die wir yme erbotten hatten Die[41b]se truwe enhalff yne nyt die er uns wißte an der gebunge sins sons den er santte in unsere nature die da sere verunreynet was vor der zijt alleyn sie an dem eynen menschen reyne waz das er sie anname und vereynete an syner personen und hann sie also unreyne gemacht das sie vor nye so unreyne enwardt unde wurdt noch werdende e es ummer ende geneme das uff dem erterich ist
<:4>Was folglich im Sündenfall Adams und Evas geschah, ging gegen seinen Plan. Beim Fall Kains, der seinen Bruder ermordete, und in manchem Jammer, der im alten Testament geschah vor unserem künftigen Heil, das er uns sandte nach so mancherlei Schmähungen, die wir ihm geboten hatten. Diese Trauer half ihnen nicht, die er uns aufwies in der Gabe seines Sohnes, den er in unsere Natur gesandt hatte, die vor der Zeit so sehr verunreinigt war, sie war allein rein in dem einen Menschen, dass er sie annahm und mit seiner Person vereinte[2] und welche so unrein gemacht wurde, wie sie vorher nie war, wurde und noch werden wird, bevor das, was auf Erden ist, je ein Ende finden wird.
<:5>Alsus ist das erste da er uns zu geschaffen hait das das bekentenisse verdusterdt das wir nyt enwissen was got ist an syner edelkeyt clareheyt seligkeyt Das ist uns vor beslussen das wyr zu dem leicht nit enkonnen komen vor unserm dusternysse
<:5>Folglich ist das erste, was geschah, als er uns schuf, dass die Erkenntnis sich verdunkelte, so dass wir nicht wissen, was Gott ist in seinem Adel, Glanz und seiner Seligkeit. Das wurde für uns beschlossen, dass wir aus unserer Dunkelheit nicht zu dem Licht kommen können.
<:6>Das [42a] ander ist die mynne die nach dem bekentenysse (376) volget Diese myn ist verdorben und wir han sie gegussen uff die creaturen das wir sie zu godde nyt gekert enhann wande wir yne nit erkennen so enmogen wir yne nit liepp gehann Want alle die liebe die alle menschen hant die ist eyn haiß widder die liebe die eyn eynige sele zu ym sulde hann ob sie yne na syner meynungen liepp wolde hann
<:6>Die zweite Sache ist die Liebe, die der Erkenntnis folgt. Diese Liebe ist verdorben, und wir haben sie auf die Kreaturen ausgeschüttet, so dass wir sie nicht zu Gott kehrt haben, da wir ihn nicht erkennen und folglich nicht lieben konnten. Denn alle Liebe, die alle Menschen besitzen, ist ein Funke gegenüber der Liebe, die einig eine Seele für ihn haben soll, wenn sie ihn nach seinem Plan lieben wollte.
<:7>Das dritte ist die eynunge die sie in eynander sulden han die ist eyn so getane fromedekeyt wurden und eyn so gethane verrunge das wenyg yemande von angende syner eynunge zu recht gebruchet hait als wir sulden
<:7>Das dritte ist das Einssein, die sie ineinander haben sollen. Sie ist zu einer solchen Frömmigkeitshandlung verkommen und zu einem solchen Fehlverhalten, dass wenige das Einssein recht lebten, wie wir es sollten.
<:8>Das vierde ist die gebruchunge da wir zu ge[42b]schaffen waren die ist gediegen zu eyner so getaner verworffenheyt die nummer hertze vollendencken magk Want wir mit unsern sunden und mit unsern falschen truwen verwerffen wir das freudenrich bekenteniße gotlicher naturen da von wir so sere seligk werden und bringen es dar zu das er uns von yme verwerffen muße nu und ewiglich Alsus hann wir alle sin ordenunge verkert und hann widder alle syne meynunge gelebet Das ist eyn groiß iomer das wenig yeman bekennen wille und dieselben die es icht vernement von der clagen unsers herren an yrme hertzen die stent ym also unstediglichen bij Als sie yme aller meyste sulden [43a] helffen liden So kerent sie sich eynhalb hiene und ist yne unmere und sie enwollent sich nyt lassen Sunder sie wollent ir selbs gebruchen und des sie ane geth Sie gebruchent sin woil mit wollust und mit sußigkeyt Aber das iomer und die pyne enwollent sie nyt gerurren yne werde dan droist da inne so suchten sie es wol
<:8>Das vierte ist der Zweck, wofür wir geschaffen wurden. Dies ist zu einer solchen Verworffenheit geworden, die kein Herz je völlig erfassen kann. Denn wenn wir mit unseren Sünden und unserer falschen Trauer die freudenvolle Erkenntnis der göttlichen Natur, von der wir so selig werden, verwerfen und es dazu kommen lassen, dass er uns von ihm verstoßen muss, jetzt und in Ewigkeit, so haben wir seine Ordnung auf den Kopf gestellt und gegen seinen gesamten Plan gelebt. Das ist ein großer Jammer, den wenige Leute begreifen werden und diejenigen, die es im Leiden unseres Herrn in ihrem Herz etwas verstehen, stehen ihm nur leidlich bei. Als sie ihm helfen sollten, kehrten sie sich ihm nur halbwegs zu, es ware ihnen unrecht und sie sollten sich nicht darauf einlassen. Stattdessen folgten sie vielmehr ihren eigenen Interessen und was sie angeht. Sie nutzen sein Gut mit Begierde und Süße, aber Jammer und Schmerz wollen sie nicht anrühren, es sei denn, sie würden darin getröstet, dann suchten sie es schon.
<:9>Und komet diß alles von unser unkunste An weme es aber allezit suchet den grunt synes hertzen und synes gemudes und es geloibent Das weyß der alleyne dem alle dinge offenbare sint das ist die sele alleyn die von syner truwen an ir selber zunicht wurden ist Wir sulden allezit an aller unser ubungen unsere [43b] werck eyn krefftige sache von godde entpfahen
<:9>Und all dies stammt von unserer Unfähigkeit. Doch wer den Grund seines Herzens und seines Willens erforscht und dem Ergebnis traut, nur diese Person erkennt, dem alle Dinge offenbart worden sind. Dies ist die Seele, die durch all die Trauer Nichts geworden ist. Allzeit sollwn wir in all unseren Anstregungen unserer Handlungen einen mächtigen Grund von Gott empfangen.
<:10>Nu ist der sachen etlich die man godde zureden magk an den wercken Eyne sache ist das man godde zu eren duht alle sin wercke die sache ist gemeyne Darumbe ist sie auch dicke falsche das wir wenen damyt got ere bietten da von yme grosse smacheyt geschicht Damyt bedriegen wir uns selber Wann wir unsere valschen wergke nit getun mogen vor unser samißigkeyt ungestraffet so vinden wyr eynen stapp der unfulkomenheyt da wir uns ane enthalten und sprechent wir han es yme zu eren getan Da ist aber eyn ander under behalten da ist unser eigen lust oder nutze oder unser eygen [44a] wille den wir daran vollenbringen Alsus ist verborgen unser falscheit under dem schonen schyne Aber er wille es alles lutere E es ummer vor synen augen komme zu syme lobe
<:10>Nun gibt es viele Dinge, die man Gott zuschreiben kann. Eine ist, dass man all seine Werke Gott zu Ehren tut. Dieser Grund ist weit verbreitet und darum auch vollends falsch. Wenn wir glauben, dass wir Gott eine Ehre erweisen, resultiert in einer großen Schmähung für ihn. Hiermit täuschen wir uns selbst. Wenn wir wollen, dass unsere Fehlhandlungen nicht bestraft werden aufgrund unserer Nachlässigkeit, finden wir ein Stück Unvollkommenheit, an die wir uns heften und sagen, dass wir es seiner Ehre zuliebe getan haben. Doch darin ist ein anderer verborgen, nämlich unser eigenes Bestreben oder Zweck oder unser eigener Wille, den wir darin erfüllen. So ist unsere Falschheit im schönen Schein verborgen. Doch er will alles klar haben, bevor es vor seine Augen zu seinem Lob kommt.
<:11>Eyn ander sache ist das man godde zu liebe tuwe alle syne werck Das kommet ettewaz von zwange der mynnen das ist aber unstede want es aber lieht magk sin das die mynne zustoret wurdt an dem hertzen so enmag die Sache also krefftig gesyn an dem werck zu eyner zit als zu der andern
<:11>Ein weitere Grund ist, dass man all seine Handlungen Gott zuliebe tue. Dies mag aus der Macht der Liebe kommen, doch ist diese nicht beständig, denn wenn es klar ist, dass die Liebe im Herz zerstört war, dann kann der Grund für die Handlung zu der einen Zeit so stark sein wie zur anderen.
<:12>Eyn andere sache ist das der mensch sin werck sundern salle das er an eyme iglichen wercke dem bilde fulgen sal da das wercke zu gehoret Etlich wercke gehoret [44b] zu dem (377) bilde syns fridden etlich zu dem bilde syner demudigkeit etc. Alsus sal der mensch volgen an allem syme lebene und wercken nach dem bilde unsers herren Jhesu Christi
<:12>Ein weiterer Grund ist, dass der Mensch seine Handlungen prüfen soll, dass in jeder Handlung man dem Vorbild folgen soll, zu dem die Handlung gehört. Viele Handlungen gehören zum Vorbild seines Friedens, viele zum Vorbild seiner Demut usw. Folglich soll der Mensch in seinem ganzen Leben und seinen Handlungen dem Vorbild unseres Herrn Jesus Christus folgen.
<:13>Eyn ander sache ist das der mensche vorbaß kommen sal an bekentenisse gotlichere naturen da salle er Inne wandelen mit liecht und sal begerunge hann am hertzen das an allen synen Inwendigen wercken geoffenbaret werde gotlich nature und sal dan iglich wercke zu dem stucke fugen da es zu gehoret und salle dan begeren das iglich stucke ewiglich geoffenbart werde von dem wercke das yme zugefuget ist. Welich aber sij die offenbarunge [45a] die ist also darnach eyn iglich dogent gotlicher naturen ir werck wircket an der selen darnach wurdt sie geoffenbaret ewiglichen an dem hymmelrich
<:13>Ein weiterer Grund ist, dass der Mensch dazu kommen soll, die göttliche Natur vollständig zu erkennen. Darin soll man im Licht wandeln und ein Wunsch im eigenen Herz haben, dass in allen eigenen inneren Handlungen die göttliche Natur offenbart wird und man dann jede Handlung zu dem Teil fügt, zu dem sie gehört und man dann wünschen soll, dass jeder Teil ewig durch die Handlung offenbart sein soll, zu der sie gefügt wurde. Welche Art Offenbarung ist dies? Sie liegt darin, dass jede Tugend der göttlichen Natur in der Seele handelt. Dem entsprechend wurde sie ewig im Himmelreich offenbart.
<:14>Eyn sache ist da der mensche Inne komen salle die ist also das der mensche ymme selber genomen sal werden und sal gezogen werden in die wirckunge der drier personen das sie wircken alle sin wercke und ir iglich dem andern liebe bewise an dem wercke und iglich des andern gebruchet an den wercken und ir iglicher den andern ewiglich lobe an den wercken Sie ensullen auch keyne hinderniß finden des werckes an dem menschen Also endaden sie an [45b]   der menscheit Jhesu Christi da funden sie na allen yrem willen an zu wirckene das enwere nyt unmogelich das wir alle dingk an ym vermochten als sins sones menscheyt vermochte die da deth gotliche wercke in menschlicher naturen Hielden wir uns also getruwelich zu ym als wir sulden das enwere aber nyt unmogelich Want wir aber derselben naturen sin der er was Der mensch der da komet in diese naturen dem sint alle syne werck glich Want sie alle geschehen in eyner wise Das ist die wirkunge der drier personen die zu eyner zit nyt mynner noch me beweget werden zu yren wercken dann zu der andern Ginge ym abe oder zu so were er wan[46a]delhafftigk unde bewegelich des enist er nyt Want er heldet sich allezit in eyner wise Darumbe sint alle sin wercke glich da ym wurdt gestadet zu wirckene die yme der mensche nyt verdirbet Der mensche der da wurdt bracht in diese wirckunge des werkce sint alle glich an der ewigkeit clein und groiß als das man eyn hant uff und zu duth Duth manne sie uff so ist es eyn hant Duht man sie zu so ist es aber eyne hant Das ist von der edelkeyt des werckmeisters der da unwandelhafftig ist.
<:14>Ein weiterer Grund besteht darin, dass der Mensch nach innen kommen soll. Das bedeutet, dass der Mensch immer ergriffen und zur Handlung der drei Personen gezogen werden soll, so dass sie alle ihre Handlung ausüben,[3] und jede von ihnen in der Handlung die Liebe zum anderen erweist, und jede in der Handlung den anderen zum Ziel hat und jede im Handeln den anderen lobt. Sie sollen auch kein Hindernis am Handlen im Menschen finden. So taten sie es in der Menschheit Jesu Christi. Dort fanden sie sich in ihrem Willen im Handeln. Es wäre nicht unmöglich, dass wir alle Dinge in ihm tun können, was die Menschheit seines Sohnes zu tun fähig war, die darin göttlich in menschlicher Natur handelte. Hielten wir uns also trauernd an ihn, was wir tun sollten, wäre es nicht unmöglich. Wenn wir denn von derselben Natur sind, von der er war, dann sind dem Menschen, der in diese Natur kommt alle Handlungen gleich. Denn sie geschehen alle in der gleichen Weise. Das ist das Handeln der drei Personen, die zu einer bestimmten Zeit weder weniger noch stärker bewegt werden zu handeln denn zu einer anderen Zeit. Denn gäbe es da eine Zunahme oder Abnahme, herrschte Wancel, und wandeln tut er sich nicht. Denn er verhält sich immer auf dieselbe Weise. Darum sind all seine Handlungen gleich, denn es wurde ihm ermöglicht das zu tun, was der Mensch nicht zerstören kann. Dem Menschen, der zu diesem Handeln gebracht wurde, sind alle Handlungen in Ewigkeit dieselben, große oder kleine, gerade wie man eine Hand öffnet und schließt. Wenn man sie öffnet, ist es die eine Hand, und wenn man sie schließt, ist es immer noch dieselbe Hand. Der Grund liegt im Adel des Schöpfers, der nämlich unwandelbar ist.



[1] Matth. 5:5: ‘Beati qui lugent: quoniam ipsi consolabuntur’.
[2] ‘Si’, nicht ‘in’, folglich nimmt Gott nicht diesen einen Menschen, sondern die ‘menschliche Natur’ an, genau, was als eine Lehre Eckharts begegnet, etwa in Hom. T1,2* [2*; Q 24], n. 9: ‘Und dar umbe nam got menschlîche natûre an sich und einigete sie sîner persônen. Dâ wart menschlich natûre got, wan er menschlîche natûre blôz und keinen menschen an sich nam’; Hom. T35,1* [42*; Q 46], n. 4: ‘Wie sol der mensche hie zuo komen, daz er ein einiger sun sî des vaters? Daz merket! Daz êwige wort ennam niht an sich dísen menschen noch dén menschen, sunder ez nam an sich eine vrîe, ungeteilte menschlîche natûre, diu dâ blôz was sunder bilde; wan diu einvaltige forme der menscheit diu ist sunder bilde. Und dar umbe, <wan> in der annemunge diu menschlîche natûre von dem êwigen worte einvalticlîche sunder bilde anegenomen wart, sô wart daz bilde des vaters, daz der êwige sun ist, bilde der menschlîchen natûre. Wan als daz wâr ist, daz got mensche worden ist, als wâr ist daz, daz der mensche got worden ist. Und alsô ist diu menschlîche natûre überbildet in dem, daz si worden ist daz götlîche bilde, daz dâ bilde ist des vaters. Und alsô, sult ir éin sun sîn, sô müezet ir abescheiden und abegân alles des, daz underscheit an iu machende ist’; vgl. auch Hom. T21,2* [21*, Q 49], n. 4: ‘Nû merket, waz er hœret, der daz wort gotes hœret. Er hœret Kristum geborn von dem vater in voller glîcheit des vaters mit angenomenheit unserer menscheit, geeiniget an sîner persône, wârer got und wârer mensche, éin Kristus’; Hom. T41,6* [54*; Q 67], n. 11.
[3] Dass der innere Mensch zusammen mit den Personen der Trinität bzw. Gott eine einzige und selbe Handlung vollbringen wird von Eckhart erwähnt in Hom. C5,1* [102*; Q 39], n. 8: ‘dâ der mensche erhaben ist über zît in êwicheit, dâ würket der mensche ein werk mit gote’, as mit dem nächsten Gedanken verbunden ist, dass die Trinität zusammen mit der Seele überhaupt nur eine einzige Handlung tut, vgl. Eckhart, Hom. Y1,2* [115*; S 115], n. 5: ‘alliz daz der glaube in ume beslozzin hait, daz inmac di sêle fon nature nicht gerechin. der gelaube ist daz dri personen sint in eime wesine und ein wesin in drin personen. hi zu ist zu cleine alliz naturlich licht und forstentnisse, wan al naturlich licht inmac kein glichnisse hi zu geleistin. alleine dri personen sint, si inwirkin doch nicht alse dri, mer si wirkin alse ein Got’.

Predigt C5,8* [Strauch IV 377-9]

In communi plurimorum martyrum
 ‘... nyemant den vatter bekenne dan der sone Unde den er yn kundigen wille’ (Matth. 11:27)

 

Text und Übersetzung


<:1>Dieß wordt spricht unser lieber herre Jhesus Christus das nyemant den vatter bekenne dan der sone Unde den [46b] er yn kundigen wille
<:1>Diesen Vers spricht unser geliebter Herr Jesus Christus, dass niemand den Vater kenne außer dem Sohn und diejenigen, denen der Sohn ihn offenbaren will.[1]
<:2>das sint die lude die in syner personen sint das sint die die yme mit allem fliße fulgen allen synen heiligen bilden die werdent von syner gnaden mit yme vereynt und werdent mit yme synen vatter erkennen und werdent mit yme uber sin viende rechten
<:2>Dies sind die Leute, die in seiner Person sind,[2] es sind diejenigen, die ihm mit Eifer folgen in all seinen heiligen Bildern, die von seiner Gnade mit ihm vereint werden und zusammen mit ihm seinen Vater erkennen werden und mit ihm über sine Feinde richten.[3]
<:3>Allere meyst an drihen dingen sullen wir von yme vereynt werden An der edelkeyt der liebe oder der mynne In der clarheyt der truwen an steder verlaßenheit uns selbs
<:3>Zumeist werden wir durch drei Dinge mit ihm vereint. Im Adel der Liebe oder der Zuwendung, im Glanz der Treue, in stetem Lassen von uns selbst.
<:4>Zum (378) ersten an der mynnen das wir sullen hann mynne als er hatte Er hatte gotliche mynne das was wol mogelich Want goliche nature also nae an ym was das sie nyt naher [46a] mochte komen Want das got mensche was und mensche got was Als Augustinus spricht. Diese liebe was one wandelunge und one gebresten unde in eyner steden wirckungen an yme unde an allen wercken in yre ewigen wirckungen In diesere mynnen sullen wir mit yme vereynet werden die da ist one wandelunge Also das wir an allen unsern gedencken begerungen willen wortten wercken sollen wir leben in der offenbarunge   syner ewigen mynnen das alle unser begerunge ummerme kriege zu lebene nach syme aller besten willen Der wille gottes ist das wir gare heilig werden an syner warheyt und sullen [47b] unsern willen underdetenigk machen syme heiligen willen und sullen dem fulgen an allem thun lassen und liden und ane allem syme verhenckniße uber uns und uber andere creaturen Was das sij das sullen wir syner warheyt bevelhen
<:4>Erst in der Liebe, dass wir Liebe besitzen sollen, wie er sie hatte. Her hatte göttliche Liebe, was wohl möglich war, denn göttliche Natur war ihm so nahe, dass sie ihm nicht hätte näher kommen können, denn Gott war Mensch und der Mensch war Got. Wie Augustinus spricht: Diese Liebe war ohne Wandel und ohne Schäwche und in einem beständigen Wirken in ihm und in allen Werken in ihren ewigen Wirkungen. In dieser Liebe sollen wir mit ihm vereint werden, die da ist ohne Wandlung, so dass wir unser ganzes Denken, Begehren, Willen, Worte und Werke[4] in der Offenbarung siner ewigen Liebe leben, dass all unser Begehren immer stärker nach seinem allerbesten Willen gelebt würde. Der Wille Gottes besteht darin, dass wir vollkommen heilig in seiner Wahrheit werden und unseren Willen seinem heiligen Willen unterwerfen und diesem in all unserem Tun folgen, im Loslassen und im Leiden in allem, was er uns und den anderen Kreaturen zufügt. Was das sei, das sollen wir seiner Wahrheit anbefehlen.
<:5>Zum andern male salle sie an uns sin ane gebrechen also das wyr nyeman mee wißen uff erteriche der got luterliche mynne dann wir Want were yemandes der uber uns mynnete so weren wir nyt one gebrechen des ensullen wir nummer gestaden Alleyne wir allen luden ewiges gudes also wol sullen gunnen als uns selber das muß gotlich mynne an uns wircken Want [48a] es widder unsere nature ist
<:5>Zweitens, sie soll in uns sein ohne Schwäche, folglich sollen wir niemand anderes auf Erden kennen, der Gott reiner liebt als wir. Denn wenn es einen anderen gäbt, der Gott mehr liebt als wir, wären wir nicht ohne Schwäche, das sollten wir nie zugestehen. Wir sollen einzig allen Menschen ewiges Gut gönnen wie uns selbst, was die göttliche Liebe in uns zu erfüllen hat, da es gegen unsere Natur geht. 
<:6>Daz dritte das sie eyn stede werckmeistern sin sall an uns das sie alle unsere Innewendigen kreffte unser selen bewegen salle zu allen unsern ubungen cleyne und große Wir sullen got  mynnen myt syner mynne want wyr hann an uns selber nichtes nit das zu syner mynne gefuge Darumbe sullen wir uns mit yme In syner mynne vereynnen
<:6>Und drittens, dass dass sie ein ständiger Handwerker in uns sei, dass ei all unsere inneren rkäfte der Seele in all unserem Tun bewegt, kleine wie große. Wir sollen Gott lieben mit seiner Liebe, denn wir haben nichts aus uns selbst, das seiner Liebe etwas hinzufügen würde. Darum sollen wir uns in seiner Liebe vereinen.
<:7>zum andern male sullen wir uns vereynen In syner truwen Wir sullen yme getruwe sin an yme selbere und unserm eben cristen sullen wir getruwe sin daran das er also unbereydt ist zu entpfahen gotliche gabe Das komet aller[48b]meyst von diesen sachen von blyntheyt der vernunfftigkeit von milchwarmikeyt der gerungen von snelligkeit zu den sunden von dragheyt zu guden wercken von dragheyt der bekarunge zu widderstende von steder boßheit zu volnbringene Hie von und von manchen andern sachen kommet es das gotliche gabe in den menschen nyt gefließen enmagk Diß sullen wir liden mit unserm eben cristen das er des edelen gudes entperen muß da er so unmeßige seligkeyt abe hatte Alleyn entberent sie es nyt alle Ir ist doch viel wenigk die es haben Dieselben die es hant die hant es gare we[49a]nigk widder deme das sie mochten von syner gerungen die er hat sich selber zu gebene ane allen synen gaben
<:7>Zum Zweiten sollen wir uns in seinem Vertrauen einen. Wir sollen ihm in ihm selbst vertrauen und sollen unserem Nächsten trauen, dass wir so unvorbereitet wie er ist, die göttliche Gabe zu empfangen. Letzteres ist meist daher, dass unser Intellekt blind geworden ist, durch die Lauheit unseres Begehrens, durch die Schnelligkeit hin zur Sünde, durch die Langsamkeit bei guten Taten, und die Langsamkeit sich dem beständigen Tun von Schlechtem zu widersetzen. Aus diesen Gründen und einigen anderen können göttliche Gaben nicht in den Menschen fließen. Dies sollen wir erleiden mit unserem Nächsten, dass man das edle Gut entbehren muss, denn einem die unbegrenzte Seligkeit abgeht. Doch nicht alle entbehren sie. Aber es sind viel weniger, die sie besitzen. Diejenigen, die sie besitzen, haben von ihr nur wenig, vergleicht man es mit dem, was sie ohne all seine Gaben selbst aus ihrem Begehren heraus geben können.
<:8>Nu sulden wir uns frawen auch myt unserm eben cristen un enwiszen wir we Aber wo icht guttes ist das eyme gescheen ist zu merre freuden godes hymmelscher freude da ist als viel falscheyt verborgen und gebrechen das sie viel mere daran findent zu liden dann zu erfrauwene Das ist davon das es kommet von eyne bosen wurtzeln Also nymmet es auch dicke bose ende alleyn es eyn wile etwas sij So wiset er doch zuleste wie wenigk er es geachtet hait und noch achtet das dem glich ist [49b] oder boser (379) oder wenigk bessere Dieser gebreche kommet davon das uns got nit Innewendiger ist dann wir uns selber sin das sullen wir liden mit godde an syner truwen das er in uns nyt geflißen enmagk an syner gerender mildigkeyt die so unmeßigk ist das sie nyeman begriffen magk Diß sullen wir liden mit godde
<:8>Nun sollen wir uns auch mit unserem Nächsten freuen und wissen wie. Doch, wo diesem etwas Gutes geschiht zur größeren Freude des Gottes der himmlischen Freude, findet sich auch verborgen eine Menge Falschheit und Schwäche, so dass man vielmehr Schmerz als Freude findet. Dies entstammt einer üblen Wurzel. Folglich wird es ein übles Ende finden, auch wenn es eine Weile angedauert hat. Und am Ende wird sich herausstellen, wie wenig der Mensch es gewürdigt hat und es noch würdigt, was diesem gleich, besser oder schlechter ist. Diese Schwäche kommt daher, dass Gott nicht stärker in uns ist als wir selber sind. Dies müssen wir mit Gott erleiden, im Vertrauen auf ihn, dass er trotz seiner verlangenden Güte, die so unbegrenzt ist, dass sie keiner erfassen kann, nicht in uns hineinfließen kann. Dies sollen wir mit Gott erleiden.
<:9>Wir sullen uns auch frauwen mit godde das er an unseren gebrechen und an unser unfulkommenheit nummer keynen schaden genemen salle Sunder es salle uff uns alleyn bliben unde er blybet als er da ist Dis mag eyner getruwen selen eyn grosse freude sin Alsus sullen wyr yme getruwe sin
<:9>Wir sollen auch mit Gott uns erfreuen, dass er durch unsere Schwäche und Unvollkommenheit nicht betroffen ist, sondern über uns bleibt und dort bleibt, wie er ist.[5] Dies kann einer vertrauenden Seele große Freude bereiten. Wir sollen also in ihn Thus we shall trust in Him.
<:10>Auch [50a] sullen wir yme getruwen unde gentzlich zu ym laßen alle dingk Want er an nicht widder yne selber duth nach sich selber anficht Dede er keyne ding oder verhengete er ichts als ferre als es an ym ist dann off es allerbest So tede er widder yn selber want er enist nit dan gut Das er den sundere verdumet das ist gut Das er manchem menschen nit waren ruwe gibt das ist gut Das er viel widdermudes und ungluckes unde pyne gibet und was er uber uns verhenget das ist alles gut Das er gude lude leßet vallen und sie ewiglich von yme sundert das ist also gut an syme deyle als daz er sundern waren ruwen gibbet Und sie ewiglich myt yme beheldet [50b] Wandt er bekennet under diesem allem etwas rechter sachen die yn myt krafft darzu zwyngen das er diß alles duth und verhengen muß Auch ist das was zu syme lobe gehoret und zu menschlicher seligkeyt Want der mensche von nichteme selig wurdt want von syme lobe was das ist.
<:10>Und wir sollen in ihn vertrauen und alle Dinge zu ihm kommen lassen, denn er handelt nicht gegen sich noch ist er von diesen betroffen. Wenn er nichts täte oder nichts verhängen würde, soweit es von ihm abhängt, wäre es das beste, denn er würde gegen sich handeln, da er nichts als das Gute ist. Dass er den Sünder verurteilt ist gut, dass er manchen Menschen keine Ruhe gönnt ist gut, dass er viel Ärger und Unglück und Schmerz bereitet, und was er über uns verhängt, ist gut. Dass er gute Leute fallen lässt, und sie ewig von ihm entfernt, ist auch in sich gut, anstatt Sündern eine wahre Ruhe zu gestatten und sie ewig bei sich zu behalten.[6] Denn er weiß unter all diesem eine gewissen rechten Grund, der ihn mächtig dazu zwingt, all das zu tun und dies zu verhängen. And auch dies gehört zu seinem Lob und zur menschlichen Seligkeit, denn der Mensch wird nicht gesegnet, es sei denn durch sein Lob, das dies ist.




[1] See Matth. 11:27: ‘omnia mihi tradita sunt a Patre meo et nemo novit Filium nisi Pater neque Patrem quis novit nisi Filius et cui voluerit Filius revelare’.
[2] People are ‘in His person’, because the Son as assumed humanity or human nature and inted it ‘in His person’, so for the same thought Eckhart, Hom. T21,2* [21*; Q 49], n. 4: ‘Nû merket, waz er hœret, der daz wort gotes hœret. Er hœret Kristum geborn von dem vater in voller glîcheit des vaters mit angenomenheit unserer menscheit, geeiniget an sîner persône’ (‘Now note, what he who was listening to the word of God has heard. He listened to Christ, born of the Father in full sameness to the Father together with the assumed humanity of us, united in His person’).
[3] That creatures have a say on the day of judgement is said in Eckhart, Hom. T9,1* [11*; S 89], n. 5.
[4] See Deut. 6:5: ‘Diliges Dominum Deum tuum ex toto corde tuo, et ex tota anima tua, et ex tota fortitudine tua.’
[5] See the parallel in Eckhart, In Sap. nn. 133-4 (LW II 472,3-473,4): ‘“Nihil inquinatum in illam incurrit” (Sap. 7:25).  Augustinus dicit, et naturale est, quod omne superius coniunctum et attactum inferiori se, puta aurum argento et argentum cupro, et sic de aliis, deterioratur et inquinatur. Sed deus, utpote supremum, tangit et afficit omne inferius, sed non tangitur nec afficitur ab inferiori sicut nec caelum - tangit quidem et afficit physice elementum sibi proximum - secundum illud Ioh. 1: “lux in tenebris lucet”, id est deus in creaturis; sequitur: “tenebrae”, scilicet creaturae, “eam non comprehenderunt”, quia ab ipsa affectae  ipsam non affecerunt. Et hoc est quod hic dicitur: “nihil inquinatum incurrit in illam” (Sap. 7:25), quia nihil inferius ipsum afficit nec per consequens inquinat’ (‘“Therefore no defiled thing cometh into her” (Sap. 7:25) Augustin says, and it is so by nature that all that is above is connected with and touched by what is below it, as with gold, silver, copper and this is also true for others, that is spoiled and defiled. God, however, the supreme, touches and affects everything below, but he is not touched or affected by what is below, as is the case with heaven – even though it touches and affects the physical element which is most close to it, according to Ioh. 1:5: “The Light shines into the darkness”, i.e. God into the creatures; fol-lowed by “the darkness”, namely the creatures, “have not received it”, because they are affected by it, but they they did not affect it. And this is what is said: “Therefore no defiled thing cometh into her” (Sap. 7:25), because nothing from below affects Him and consequently does not defile’, own trans.); see also Eckhart, Hom. S11,1* [65*; Q 13], n. 3: ‘Got rueret ellú ding vnd belibet er vnberueret. Got ist v´ber ellú ding ein instan in sich selber vnd sin instan das enthaltet alle creaturen. alle creaturen habt ein oberstes vnd ein vnderstes; Des enhat got niht. Got ist v´ber allú ding vnd wirt niuen beruert von nichte’ (‘God touches all things, but he himself remains untouched. God is above all things, one standing in Himself, and His standing in [Himself] holds all creatures. All creatures have a highest and a lowest; these God does not have. God is above all things and is never touched by anything’); see also Wartburg, Ms. 1361-50, 102r-104r and the same text in Berlin, Ms. germ. fol. 968, 208va-209ra, on this text and the entire idea in Eckhart see M. Vinzent, ‘Eckharts deutsche Übersetzung seiner lateinischen Bibelkommentare. Eckharts lateinisches Werk in deutscher Rezeption’ (2917), 228-33.
[6] See Eckhart, Hom. T22/3,1* [27*; Q 25], n. 6: ‘Sô dîn wille gotes wille wirt, bist dû danne | (10) siech, sô wöltest dû niht wider gotes willen gesunt sîn, aber dû wöltest, daz gotes wille wære, daz dû gesunt wærest. Und swenne ez dir übel gât, sô wöltest dû, daz ez gotes wille wære, daz ez dir wol gienge. Aber sô gotes wille dîn wille wirt, bist dû siech – in gotes namen! Stirbet dîn vriunt – in gotes namen! Ez ist ein sicher wârheit und ein nôtwârheit: und wære, daz alliu pîne der helle und alliu pîne des vegeviurs und alliu pîne der werlt hienge dar ane, daz wölte er êwiclîche lîden iemer in der pîne der helle mit gotes willen und wölte daz iemer haben vür sîne êwige sælicheit und wölte in gotes willen lâzen unser vrouwen sælicheit und alle ir volkomenheit und aller heiligen und wölte in êwiger pîne und bitterkeit iemermê sîn und enmöhte sich einen ougenblik dâ von niht gekêren; jâ, er enmöhte einen gedank niht geleisten, daz er iht anders | (11) wölte’ (‘When your will becomes God’s will, and if you fell ill, you would not want to be healthy against God’s will; instead you would want God’s will to be that you were healthy. And when you were desperate, you wanted it to be God’s will that you were well. But when God’s will becomes your will, if you are sick – in God’s name! If your friend dies – in God’s name! It is a certain truth and a necessary truth: if all the torments of hell, all the pains of purgatory and all the world’s pain depended on this  fact, one would always want to suffer eternally in hell for God’s will, one would want it always for one’s eternal happiness, one would like to leave the beatitude and all the perfection of our Lady and of all the saints in God’s will, and would like to be always in eternal pain and bitterness and would not turn away from this even for a moment; yes, one would not even have a thought of wanting it to be different’).

Predigt C6,2* [Strauch I 370-2]


Alia missa in communi unius confessoris
‘Serve bone et fidelis intra in gaudium domini tui’ (Matth. 25:21)


Text und Übersetzung


<:1>[27b]‘Serve bone et fidelis intra in gaudium domini tui’.
<:1>‘Serve bone et fidelis intra in gaudium domini tui’[1]
<:2>Unser herre vermaledite die stat von Chananeen unde alle die lude darinne, warumbe want sie viel syner zeychen hatten gesehen und syner wercke und sie das nyt erweychen mocht. [28ª] nu sprach er furdt in dem ewangelio: guder knecht und getruwer, ganck in die freude dynes herren.
<:2>Unser Herr verfluchte die Stadt Kanaan und alle die Bewohner in ihr, warum?[2] Denn sie sahen viele Zeichen und Taten, doch diese erweichten sie nicht. Jetzt sagt er weiter in dem Evangelium: ‘Guter und getreuer Diener, tritt in die Freude des Herrn ein’.[3]
<:3>was ist gut das ist gut das sich allen dingen gemeynet. Dionysius sprach: des gudes nature ist das es sich gern gemeynet. die meistere sprechent: das edelste von allen elamenten ist das fure, want es sich gern gemeynet allen dyngen und darumbe: obene ist die sonne das edelste von allen corperlichen dingen, want sie yren schyne nyt enheldet noch uff guden nach uff bosen. Ysaias spricht in einer episteln: herre, warumbe enhorestu uns nyt nach unsere gude wercke, die wir thun myt almusen unde myt bedene unsere herre ant[28b]worttet in derselben episteln: ir hant zu viel eygens willen. Gregorius spricht: eygen willen setzet den menschen da er got vinden sall. enwere nyt eygen wille, so enwere nyt hellen. aber spricht sant Gregorius: des menschen wille ist breyder dan gottes wille, want got enmagk nyt wollen dan gut, und der mensch magk wollen bose und guyt, und allez das got wille, das duth er, unde er dann nyt wollen magk dann guyt, so enduht er auch nycht dann guyt, und was des menschen wille ist, es sij bose oder gut, das duht er als ferre als er mag. want dem gantzen willen belibet nyt ungedayn, es sij wie verkeret, das es sij als ferre als er es hat [29ª] in vermogene. alsus ist des menschen wille breyder dan gottes wille, want wanne der mensche willet und mynnet die creature uber got, so ist sin wille bose. wann aber der mensche die dinge nit anders willet nach mynnet dan na yre eygen wirdigkeyt und got ob allen dingen, so ist sin wil gut. also mag der mensche wollen bose und guyt unde nut ym ist gut, es enhabe freude.

<:3>Was ist gut? Gut ist, was sich allen Dingen gemein macht. Dionysius sagte:[4] Das Wesen des Guten besteht darin, dass es sich selbst verallgemeinert. Die Meister sagen:[5] Das edelste aller Elemente ist das Feuer, denn es bietet sich allen Dingen gemeinsam an, und darum ist die Sonne das edelste aller körperlichen Dinge, denn sie hält ihren Schein weder von Guten noch Bösen zurück. Jesaias sagt an einer Stelle: ‘Herr, warum hörst Du uns auf unsere guten Taten, die wir mit Almosen und Beten vollbringen?’[6] Unser Herr antwortet an derselben Stelle: ‘Ihr behaltet zu sehr euren eigenen Willen’.[7] Gregor sagt:[8] ‘Der eigene Wille setzt den Menschen dorthin, wo er Gott finden sollte’. Würde der eigene Wille nicht existieren, gäbe es keine Hölle. Und dann sagt der heilige Gregor: ‘Der Wille des Menschen ist umfangreicher als der Wille Gottes’, denn Gott kann nichts wollen außer dem Guten, während der Mensch Böses und Gutes wollen kann. Alles aber, was Gott will, das tut er, also will er nichts anderes als was gut ist. Anders ist es beim menschlichen Willen, sei er böse oder gut, man tut, soviel man kann. Folglich ist der Wille insgesamt nicht ungetan, selbst wenn er irrt, so lange man die Kraft hat, ihn zu tun. Also ist der menschliche Wille umfangreicher als der Wille Gottes, denn wenn ein Mensch die Kreaturen mehr will und liebt als Gott, ist der eigene Wille böse. Doch wenn ein Mensch die Dinge auf keine andere Weise will und liebt, denn gemäß ihrem eigenen Adel und Gott über allen Dingen, dann ist der eigene Wille gut. Folglich kann der Mensch das Böse und das Gute wollen, und für ihn ist gut, was ihn erfreut.
<:4>Gregorius sprich(t) von drierley freuden. eyn lude sint die haldent freude mit allen luden also das sie nyemant bedrubet, und die heyssent lude die freude habend. ander lude ist, die mogen liden das yn zugevellet an bewegunge eyncher unfreuden und die heißent lude [29b] die freude haldent. die dritten sint lude, die dicke zufridden setzent die yne ubel dunt und dunt yne allen guyt: die sint die aller besten, und der ist doch cleyn uff das wortte ‚getruwer knecht‘, der nyt sin selbs willen sunder sins herren willen begert und der nit synen eigen nutze sunder sins herren furdert in allen dingen.

<:4> Gregor spricht[9] von drei Arten von Freude. Es gibt Menschen, die freuen sich mit allen Menschen, indem sie keinen anderen betrüben, und diese werden Menschen, die Freude haben, genannt. Dann gibt es eine zweite Sorte von Menschen, die das, was ihnen zustößt, unbewegt von irgendwelchem Leid annehmen können, und diese werden Menschen genannt, die die Freude bewahren. Die dritte Art Menschen sind solche, die diejenigen, die ihnen selbst übel tun, nachdrücklich zufrieden stellen und ihnen alles mögliche Gute tun. Diese sind die Besten, doch ist dies noch schwach, verglichen mit dem Wort: ‘Getreuer Diener’,[10] der nichts begehrt, was seinem eigenen Willen entspricht, sondern was dem Willen seines Herrn entspricht, und der nichts, was seiner eigenen Absicht entspricht, verfolgt, sondern lediglich das, was seinem Herrn entspricht.
<:5>Gregorius spricht von viererley dinste: eyn dyenent als eyn eygen knecht syme herren. der eygen knecht furchtet yne, dede er nit sins herren willen, das er den lipp verlore. also zwinget yne die furchte. enwere er nyt sin eygen, er endede nyt sins willen. also dunt die ghene die godde dyenent umbe anders nyt dan das [30a] sie die helle furchtent. und darumbe so dunt si gude wercke, want were keyne helle, (371) | sie endeden es nyt. der andere dienet als eyn gedinget knecht syme herren, der synen lone zuhant haben wille in syme dinste. alsus dunt die ihene, die gude wercke tun, off das sie got bereide oder gesunt mache an dieseme libe, want wuschten sie, das yn nyt gelonet wurde, sie enwolden keyn gude wercke thun. Die zwey enwirckent nyt gut umbe das guyt selbe, sunder zumale umbe lone und umb furcht. des so ist ir dinste gare verlorn. die dritten dienent als eyn sone syme vader, der syme vatter dienet, want er sin nature von [30b] yme hait. alsus duhnt die ihene, die godde dienent, want sie ir eygen wesen und alles gut von yme hant, want got ist eyn burne da alles gut uß flußet.
<:5>Gregor nennt[11] vier Arten des Dienstes: Der eine dient dem Herrn als von ihm besessener Sklave. Der besessene Sklave fürchtet ihn. Folgte er nicht dem Willen seines Herrn, würde er Leib und Leben verlieren.[12] Folglich wird er von Furcht getrieben. Wäre er nicht das Eigentum (des Herrn), würde er dessen Willen nicht folgen. So tun diejenigen, die Gott ausschließlich darum dienen, weil sie die Hölle fürchten. Und so tuen sie gute Werke, denn wenn es keine Hölle gäbe, würden sie diese nicht tun. Die zweiten dienen als Knecht, die vom Herrn verdingt wurden, die ihren Lohn für ihren Dienst beanspruchen. So tun diejenigen, die gute Werke tun, damit Gott für sie sorgt, sie am Leib gesund macht, denn wüssten sie, dass sie nicht ausbezahlt würden, würden sie die guten Werke nicht tun. Diese beiden tun die guten Werke nicht ihrer um des Guten selbst willen, sondern wegen Lohn und aus Furcht. Aus diesem Grund ist ihr Dienst wertlos. Die dritten dienen wie ein Sohn seinem Vater, der seinem Vater dient, weil er seine Natur vom Vater hat. So tun diejenigen, die Gott dienen, denn sie haben ihr eigenes Sein und alles Gute von ihm, denn Gott ist ein Brunnen aus dem alles Gute fließt.
<:6>Gregorius spricht: wann das gut, das da geflußen ist ußer dem burne der got ist, nyt widder inne flußet, so verdirbet es. alsus so verderben alle creaturen, die sich nyt enwidder biedent got myt lobe an ir kreffte, want alles das got hait von creaturen, das hat er gegeben den creaturen an syne nature und sin ere. syner nature ist das, das sie sich zu keyme ubel geneygen magk. syne ere ist das, das er gewaldig ist und gut uber allen creaturen. alle die freude die got geleysten [31a] magk, die hait er gelobet synen dienern. Ysaias spricht und Paulus: den lone den got geben [sal] wil synen dienern, der ist unbekant allen synnen und ist unbegrifflich allen begerungen, want got will selber lone syne aller guden wercke.
<:6>Gregor sagt:[13] Wenn das Gute, das da aus dem Brunnen, der Gott ist, geflossen ist, nicht wieder zurückfließt in ihn, verdirbt es. Darum verderben alle Kreaturen, die sich nicht in ihren Kräften mit Lob Gott wieder zurück geben, denn alles, was Gott von den Kreaturen erhalten hat, hat er den Kreaturen in seiner Natur und in seiner Ehre gegeben; es entspricht seiner Natur, dass er sich keinerlei Bösem zuwenden kann. Seiner  Ehre gemäß ist er mächtig und gut über alle Kreaturen hinaus. Alle Freude, die Gott bereiten kann, hat er seinen Dienern versprochen. Jesaias und Paulus sagen: Der Verdienst, den Gott seinen Dienern geben will, ist den Sinnen unbekannt, und kann nicht von Wünschen gefangen werden, denn Gott selbst will der Lohn für alle guten Werke sein.
<:7>Gregorius spricht: were godde dienen wille, der sal dienen ernstlich, innyglich, smecklich und eynveldigliche. er spricht ernstlich off das er von allen luden ungehindert blibe, innyglich off das [er] in synen gedencken nyt gemeynet sij dann got, smecklich uff das er got diene myt aller wollust umb keynen nutze, sunder allein umb das gut das er selbst ist an ym selber. Gregorius spricht: [31b] was mir nyt   ensmacket inne myme dinste, das ensmacket auch godde nyt. Eynveldiglich: wan got eynveldig ist an syner natur unde ledig aller dinge (die) gebrechlich sint, und er selber sin lone wille sin, uff das er got diene in abgescheidenheyt und bloßheyde aller creaturen.
<:7>Gregor sagt:[14] Wer Gott dienen will, muss ernst, intim, freudig und einfach dienen. Er sagt ernst, weil man durch keinen Menschen gehindert sein soll, intim, weil in den Gedanken mit niemandem zusammen sein soll als Gott, freudig, weil man Gott mit aller Begierde ohne Erwartung dienen soll, und zwar ausschließlich dem Guten zuliebe, das er selbst in ihm selbst ist. Gregor sagt:[15] Was mich bei meinem Dienst nicht freut, das freut auch Gott nicht. Einfach: Weil Gott seinen Naturen[16] nach einfach und frei von allen Dingen ist, die vergänglich sind, und er selbst will der Lohn sein, so dass man Gott in Abgeschiedenheit und Freiheit von allen Dingen dient.
<:8>Die vierden dienent als eyn brut yrme lieben. Gregorius spricht: der brude dyenste enist nyt anders dann das ir liepp ir blibe, und nicht ist bitterer dann von godde scheyden. also dunt die iehne die got dienen umbe nyt anders dann umbe die edelkeit syns eygenen wesens. Alleyne wuschten sie wol, das yne nummer gelonet wurde, doch wol[32a]den sie yme dienen: Alle yr dinste enist nyt anders dan eyn widderbieden sich selbere mit alle ir eygenschafft puerlich godde in eyner waren liebe.
<:8>Viertens dient man wie eine Braut ihrem Geliebten. Gregor sagt:[17] Die Braut dient nicht anders, als dass ihre Liebe bei ihr bleibt, und nichts ist bitterer, als sich von Gott zu trennen. So tun diejenigen, die Gott um nichts anderes dienen als den Adel seines eigenen Seins. Selbst wenn sie wüssten, dass sie nie entlohnt würden, würden sie ihm doch dienen wollen. Ihr ganzer Dienst ist nichts anderes als gegenüber Gott ein reines Sich-Selbst-Zürück-Bieten mit all ihren Eigenschaften als Ausdruck wahrer Liebe.
<:9>Gregorius spricht: alles das der mensche liepp hait, das hat er liepp umbe sich selbere. also sere ist die nature gecrumbit sint Adams valle, want sie notturftig ist wurden an yrme wesene. herumbe suchet die nature allzit yren nutze. doch wer got umb nycht anders liepp enhait dan das er sin nyt enberen magk, der hait got liepp umbe sich selbere und umb synen eygen nutze. Die mynne ist nyt gerecht, wann sie mynnet umb notturfft. were aber got mynnet umbe gude, der hait eyn rechte mynne. [32b] Gregorius spricht: wan der mensch got liepp hait und entpfecht sußigkeyt vonn yme und hait yne (372) | dar umbe liepp, so liebet er got umb gude. Diß ist got mynnen oder liepp hann umb gude. aber sich selber liepp hann umb got ist volkommen. Gregorius spricht: Der hoe mynnere das ist, das er ercriegen konde in dieseme libe das er wuschte ob er die liebe hette. So nawe ist die natuerliche liebe des menschen bij ym selber, noch keyne creature enmagk dar zu komen in diesem libe myt ir selber, sundere in dem ewigen libe.
<:9>Gregor sagt: Alles, was ein Mensch liebt, liebt er sich selber zuliebe. Darum ist seit Adams Fall die Natur so verdorben, da sie ihrem Wesen nach bedürftig geworden ist. Folglich ist die Natur immer auf der Suche nach dem, was sie braucht. Doch wer Gott nur darum liebt, weil er ihn nicht vermissen kann, der liebt Gott um des Eigenen willen und der eigenen Erwartung nach. Die Liebe ist nicht recht, die aus Bedürftigkeit liebt. Doch wer Gott dem Guten zuliebe liebt, liebt in rechter Weise. Gregor sagt:[18] Wenn ein Mensch Gott liebt und Süßes von ihm erhält und ihn darum liebt, der liebt ihn um des Guten willen. Dies ist Gott Lieben und Begehren um des Guten willen. Doch sich selbst um Gottes willen zu lieben, ist Vollkommenheit. Gregor sagt:[19] Die größte Liebe, die man in diesem Leib haben kann, ist zu wissen, ob man liebt. Natürliche Liebe ist dem Menschen so nahe, doch aus sich heraus kann keine Kreatur in diesem Leib an sie gelangen, einzig in dem ewigen Leib.
<:10>das lustlich an allem dem das got gibbet: das ist leben. Was ist leben unser herre spricht in sant Johannis [33a] ewangilio: das ist ewigk leben, das man dich got bekenne und dynen sone den du gesant hast Ijesum Cristum. Die meystere strident under eynandere in welichen dingen lige das ewige leben. Die eynen sprechent an bekentenisse, die andern an liepp haben, die dritten an gebruchunge. doch enmag man nyt liepp gehaben, man bekenne dann Want von wem ich nicht enwusste das es icht were des enkonde ich nit liepp gehann, und so ich es baß bekennen, so ich es ye mee magk liep hann. unde got ist endelois, herumbe muß das bekenteniß endeloiß sin das got bekennen sal, und in dem got liepp han [33b] unde gebruchen got: alsus ist bewiset das das eyn nyt syn enmagk one das andere, want kennen und liepp han und gebruchen gottes ist eyn ewigk leben.
<:10>Das Erfreulichste von allem, das Gott gibt, ist Leben. Was ist Leben? Unser Herr sagt im Johannesevangelium: ‘Ewiges Leben ist, Dich, Gott, und Deinen Sohn, den Du gesandt hast, Jesus Christus, zu kennen.’ Die Meister diskutieren untereinander in welchen Dingen das ewige Leben zu finden sei. Die einen sagen, durch Erkenntnis, die zweiten, durch Liebe, die Dritten, durch Freude. Doch wenn man auch nicht lieben kann, erkennen kann man trotzdem. Wenn ich aber von etwas nicht wüsste, dass es ein etwas ist, könnte ich das nicht lieben. Doch je mehr ich etwas kenne, desto mehr kann ich es lieben. Nun ist Gott grenzenlos und darum muss die Erkenntnis, die Gott erkennen soll, grenzenlos sein, und so müssen Gott Lieben und Gott Erfreuen sein. Folglich ist bewiesen, dass das eine nicht ohne das andere sein kann, denn Kenntnis, Liebe und Freude bilden ein einziges ewiges Leben.
<:11>Eyn meystere spricht: danne ist das dinck volnkommen, wanne es wircket sunder hindernysse. des menschen natuerlich werck enist nyt horen, riechen, smacken und dasten, sunder es ist natuerlich   werck der vielligkeyt, und der geist unde die sele sint eyn konne gottes, want die sele ist der selben naturen als die engel an dem, das sie eyn geist ist und eyn eynveldige substancie an materie als der engel.
<:11>Ein Meister sagt: Etwas ist vollkommen, wenn es ohne gehindert zu werden handelt. Weder ist Hören, noch Riechen, noch Schmecken, noch Tasten menschliche Aktivitäten, sondern sie sind natürliche animalische Handlungen, während der Geist und die Seele eine Fähigkeit Gottes sind, denn die Seele ist von derselben Art wie die Engel, indem sie ein Geist und eine einfache Substanz ohne Materie sind, genau wie die Engel.
<:12>Die meystere sprechent: der mensche ist [34a] eyn diere redelich. eyn heyde(n)s meystere spricht, das redelichkeyt ist das sie bekenne die warheyt. herumbe so ist des menschen wercke aller eygentlichste, das er bekenne die warheyt. eyn heydenes meyster spricht: nyeman enmagk bekennen die warheyt, er enbekenne die sache der warheyt. nu sint vier sachen, an den man die warheyt bekennen magk. das eyne ist der schepper der creaturen. wer der sij das ist got. das andere die materie, warabe sie geschaffen sij. die materie ist nicht. das <dritte> die forme, wo nach sie geschaffen sij. die forme ist got. das vierde das ende, war zu sie geschaffen sij. [34b] das ist zu godde. alsus ist got die erste bewegende crafft des werdens aller creaturen und ist die forme, darnach sie geschaffen sint, und ir materie ist nyt dar abe sie geschaffen sint, und ist got das ende dar zu sie geschaffen sint. wie dieß sij zuberechten an der wisen, das were zu langk zu sagen. keynes dinges begert die redelichkeyt dan der warheit. eyn meystere spricht: der creaturen volkommenheyt ist das sie bekenn die warheyt. Johannes in can(onica): wan wir got bekennen als er ist, so sin wyr als er ist vermogene, geweldig als er ist etc.
<:12>Die Meister sagen: Der Mensch ist ein rationales Lebewesen.[20] Ein heidnischer Meister sagt: Vernunft besteht darin, die Wahrheit zu erkennen. Folglich besteht die eigentliche menschliche Handlung im Erkennen der Wahrheit. Ein heidnischer Meister sagt: Niemand kann die Wahrheit erkennen, es sei denn er kennt die Ursache der Wahrheit. Nun gibt es vier Ursachen, durch die man die Wahrheit erkennen kann. Die eine ist der Schöpfer der Kreaturen. Wer ist dies? Er ist Gott. Die zweite ist die Materie, aus der sie geschaffen wurden. Doch die Materie ist nichts. Die dritte ist die Form, nach der sie geschaffen wurden. Die Form ist Gott. Die vierte ist das Ziel, auf das hin sie geschaffen wurden. Dies ist auf Gott hin. Darum ist Gott die erstbewegende Kraft für das Werden aller Kreaturen, und er ist die Form, nach der sie geschaffen wurden, und ihre Materie ist das nichts, aus dem sie geschaffen wurden, und Gott ist das Ziel, auf das hin alle geschaffen wurden. Wie sich dies im Detail gestaltete, wäre zu lang zu erklären. Nichts braucht Vernunft, es sei denn die Wahrheit. Ein Meister sagt: Die Vollkommenheit der Kreaturen besteht darin, dass sie die Wahrheit kennen. Johannes im Kanon: Wenn wir Gott kennen, wie er ist, sind wir so mächtig wie er, so stark wie er etc.



[1] Matth. 25:21: ‘Euge serve bone, et fidelis: quia super pauca fuisti fidelis, super multa te constituam; intra in gaudium domini tui’. The liturgical context is Matth. 25:14–23: ‘Homo quidam peregre’.
[2] Vielleicht ein Verweis auf John 4:48: ‘Jesus ad eum: Nisi signa et prodigia videritis, non creditis’, und Matth. 15:26 mit Jesu Antwort an seine Jünger: ‘Non est bonum sumere panem filiorum, et mittere canibus’; vgl. auch Isa. 23:11: ‘Dominus mandavit adversus Chanaan, ut contereret fortes ejus’.
[3] Vgl. Matth. 25:21.
[4] Wie wir wissen verweist etwa die Summa Halensis IV Prolegomena ccxciii das ‘bonum est diffusivum sui’ an (Pseudo-)Dionysius, auch wenn diese Worte bei Ps.-Dionysius nicht nachweisbar sind, auch nicht in der lateinischen Übersetzung seiner Texte durch Eriugena (PL 122, 1129. 1132), vgl. Ps.-Dionysius, Ps.-Dionysius, De divinis nominibus, c. 4 § 20 (PL 122, 1129. 1132), Dionysiaca pp. xxx; die Formel begegnet allerdings in De causis, prop. 20 (21), n. 162, ed. Pattin, 92: ‘Primum est dives per seipsum et non est dives maius’; und in Thomas von Aquin: ‘Bonum est diffusivum sive communicativum sui esse’, STh I a. 4 ob. 2; 73 a. 3 ob. 2; STh I II 28. 4 ob. 2; ScG I 37; III 24, oder ‘bonum secundum suam rationem est diffusivum sui esse’, STh I II 1. 4 ob. 1; De veritate 21. 1 ob. 4; Eckhart, Sermo XLIX,3 n. 511 (LW IV 426,5–14): ‘Est enim triplex gradus productionis in esse. Primus, de quo nunc dictum est, quo quid producit a se et de se ipso et in se ipso naturam nudam formaliter profundens voluntate non cooperante, sed potius concomitante, eo siquidem modo quo bonum sui diffusivum ... Vide Augustinum, De natura boni c. 25. 26, et Avicennam, VIII Metaphysicae c. 6 circa principium’; das Prinzip des sich selbst verströmenden Guten, das sich gemein macht und zurück zum Guten fließt begegnet bei Plotinus, Enn. V 4,1,23-6, und geht zurück auf Aristotle, De anima 415a 25ff., und Plato, Timaios 29e1-3 und Phaidon 97c-99d, vgl. J. Halfwassen, Der Aufstieg zum Einen (2006), 122-3; K. Kremer, ‘Bonum est diffusivum sui. Ein Beitrag zum Verhältnis von Neuplatonismus und Christentum’ (1987); id., ‘Dionysius Pseudo-Areopagita oder Gregor von Nazianz? Zur Herkunft der Formel: “Bonum est diffusivum sui”’ (1988).
[5] Vgl. Plato, Phaidon 103c.
[6] Vgl. Isa. 58:3: ‘Quare jejunavimus, et non aspexisti; humiliavimus animas nostras, et nescisti?’.
[7] Vgl. Isa. 58:3: ‘Ecce in die jejunii vestri invenitur voluntas vestra’.
[8] Vielleicht ein Verweis auf Gregorius, Moralia (PL 75, 564A): ‘Sola ergo vis illa timenda est, quae cum hostem saevire permiserit, ei ad usum iusti iudicii, et iniusta illius voluntas servit’.
[9] Vgl. Gregorius, Homiliae in Evangelia (76, 1094B): ‘Voluntas autem bona est sic adversa alterius sicut nostra pertimescere, sic de prosperitate proximi sicut de nostro profectu gratulari, aliena damna nostra credere, aliena lucra nostra deputare, amicum non propter mundum, sed propter Deum diligere, inimicum etiam amando tolerare, nulli quod pati non vis facere, nulli quod tibi iuste impendi desideras denegare, necessitati proximi non solum iuxta vires concurrere, sed prodesse etiam ultra vires velle.’ (xxx Formatierung: hom. 18, n. 1, ed. Étaix, 136, 6–13).
[10] Matth. 25:21.
[11] Vgl. Gregorius, Concordia testimoniorum S. Scripturae (PL 79, 659B): ‘Et dum utrumque a Christo dictum est quomodo intelligi debeat, solerter intuendum est, maxime cum idem Dominus ac Salvator noster ad eosdem apostolos secundum Lucam dixerit: Dicite, servi inutiles sumus, quia quod debuimus facere, fecimus (Luc. 17:10) . Et iterum: Euge, serve bone et fidelis (Matth. 25:22-3; Luc. 19:17). Et iterum: Beatus ille servus, quem, cum venerit Dominus, invenerit sic facientem (Matth24:46; Luc. 12:37). RESPONSIO. Sine praeiudicio alterius sententiae melioris, sciendum est duo genera esse bonae servitutis; unum timoris, aliud dilectionis; unum timentium ancillarum et servorum, aliud diligentium et placentium filiorum; timet enim ancilla ne flagelletur, timet matrona ne offendat animum viri sui.’
[12] Lit. ‘sein Leib’.
[13] Vgl. Gregorius, Moralia II (PL 76, 527A): ‘Ad locum ergo de quo exeunt flumina revertuntur, quia sancti viri etsi a conspectu creatoris sui, cuius claritatem mente conspicere conantur, foras propter nos ad activae vitae ministerium veniunt, incessanter tamen ad sanctum contemplationis studium recurrunt, et si in praedicatione sua exterius nostris auribus per corporalia verba se fundunt, mente tamen tacita ad considerandum semper ipsum fontem luminis revertuntur’; see also id.Homiliae in Ezechielem (PL 76, 828C): ‘Per omne ergo quod agimus ad fontem veri luminis sollicita mente redeamus’.
[14] Vielleicht ein Verweis auf Gregorius, Epistulae (PL 77, 645B): ‘Ut ergo in hac sollicitudine quam in te laudamus possis sine diminutione persistere, studiosus esto ac vigilans’; and id.Commentarii in librum I Regum (PL 79, 335D): ‘Ut ergo nobis novae vitae viam propheta insinuet, viam bonam et rectam esse dicit, et Deum metuere, et ei in veritate, et ex toto corde servire: quia ad sublimitatem divinae gratiae cito perveniunt, qui omnipotentem Deum et bono opere, et ferventibus desideriis inquirere non desistunt’; und id.Moralia (PL 75, 710A): ‘Hinc est enim quod per semetipsam Veritas dicit: Nemo potest duobus dominis servire (Matth. 6:24) . Hinc Paulus ait: Nemo militans Deo, implicat se negotiis saecularibus, ut ei placeat, cui se probavit (IITim. 2:4) . Hinc per Prophetam Dominus admonens dicit: Vacate, et videte, quoniam ego sum Deus (Ps. 45:11). Quia igitur nequaquam notitia interna conspicitur, nisi ab externa implicatione cessetur, recte nunc verbi absconditi et divini susurrii tempus exprimitur, cum dicitur: in horrore visionis nocturnae, quando solet sopor occupare homines, quia nimirum mens nostra nullo modo ad vim intimae contemplationis rapitur, nisi studiose prius a terrenorum desideriorum tumultu sopiatur’.
[15] Vielleicht ein Verweis auf Gregorius, Epistulae (PL 77, 1187A): ‘Sed mihi placet ... quod plus omnipotenti Deo possit placere’.
[16] Wenn der Plural in der Handschrift korrekt ist, könnte er auf die zwei Naturen Christi anspielen.
[17] Vgl. Gregorius, Expositio super Cantica canticorum (PL 79, 496B): ‘Sponsa quippe quia amore languet, fulciri se floribus et stipari malis appetit, quia dum se aeternitatis desiderio afficit, dum qualiter illuc perveniat, tota anxietate perquirit, sed perventionem dum in carne vivit, omnino non invenit, fatigata in desiderio suo requiescit, et in hoc solo gaudet, si circa se prospicit vel quibus ipsa, vel in quorum perfectione consolationem de languore suo perspicere possit’; vgl. auch id.Homiliae in Eziechelem (PL 76, 1013D): ‘Et cor audientium in amore coelestis patriae proficit, ut anima inhaerens Deo quasi sponsa cum sponso in quodam iam thalamo sedeat, atque se a terrenis desideriis funditus avertat.’
[18] Vgl. Gregorius, Homiliae in Evangelia I, hom. 18, n. 1, ed. Étaix, 136, 6–13.
[19] Vgl. Gregorius, Homiliae in Evangelia (PL 76, 1207A): ‘Dum enim audita supercoelestia amamus, amata iam novimus, quia amor ipse notitia est.’
[20] Vgl. etwa Porphyrius, Isagoge, ed. Busse, 10, 12–4; Priscianus, Institutiones grammaticae XVII, ed. Keil, III 135: ‘Quid est homo? Animal rationale mortale’; this topic is also combined with Gregory in Eckhart, Hom. T41,7* [55*; Q 80], n. 4.

Predigt C11,3* [Jostes 9]

In die consecrationis ecclesie et in anniversario eiusdem
‘Vidi civitatem sanctam Ierusalem novam descendentem de caelo a domino’ etc. (Apk. 21,2)

<:1>‘Vidi civitatem sanctam Jherusalem’
<:1>‘Vidi civitatem sanctam Ierusalem’[1]
<:2>Sand Johannes sach in dem geist ‘ein stat’, die waz heilig und heiz Jherusalem; di stat waz niwe, si chom her nider vom himel und waz gemacht von golt und waz geziret alz ein braut irm man.
<:2>Im Geist sah der heilige Johannes “eine Stadt”, die heilig war und Jerusalem hieß; die Stadt war neu, sie kam vom Himmel herab, war aus Gold gemacht und war geschmückt wie eine Braut für ihren Bräutigam.
<:3>Daz wil ich auf di sel bringen. Der sun ist ewiclichen gewesen in dem vater, und er gebirt sinen sun an underlaz, und di geburt ist alle zeit newe. Waz bei sinem angang ist, daz ist newe. Ein hauz, daz gestern gemacht ward, daz ist heut newe, wan ez ist nahen bei sinem angange.
<:3>Dies will ich auf die Seele beziehen. Der Sohn war ewig im Vater, und er gebiert beständig seinen Sohn, und die Geburt ist allzeit eine neue. Was an seinem Ausgang ist, das ist neu. Ein Haus, das gestern gebaut wurde, das ist heute neu, denn es ist nahe bei seinem Ausgang.
<:4>Got schuf di sel in seinem einborn sun und bildet si in im und sach si in im, wie si im wehagte: do wehagt si im wol. Die sel, deu niwe sol sein, di schol sich halten al mittel in got und sich wider bilden in sinem einborn sun und schol wereit sein zu enphahen an underlaz den influz von got.
<:4>Gott schuf die Seele in seinem eingeborenen Sohn und formt sie in ihm und sah sie in ihm, wie sie ihm gefiel: Da gefiel sie ihm gut. Die Seele, die neu sein soll, die soll sich mit jeglichem Mittel in Gott halten und sich zurückformen in seinen eingeborenen Sohn und soll beständig bereit sein, das Einfließen von Gott zu empfangen.
<:5>Unser herre wart gefraget, wer sand Johannes wer, ob er wer ein prophete. Er ist mer den ein prophete: allez daz die propheten ye geprophetizierten, daz geschach in eim naturlich lauf. S. Johannes waz alz verre gezogen uber di natur, daz alle creatur warn ze grob dar zu, daz si sine werch enphahen mochten.
<:5>Unser Herr wurde gefragt, wer der heilige Johannes sei, ob er ein Prophet sei. Er ist mehr als nur ein Prophet: Alles, was die Propheten je prophezeiten, geschah auf natürliche Weise. Der heilige Johannes wurde soweit über die Natur hinaus gezogen, dass jegliche Kreatur zu ungehobelt war, sein Werk zu empfangen.
<:6>Johannes ist alz vil gesprochen alz gnad. Nu wart gefragt ein w=rtlein in unser schFl, daz di gnad wart mangerlei. Antwort ich dar zu und sprach: si enhert ni nicht auz einem trephelin, aber ein funkelin daz vellet wol auz der gnad in di sel, daz hat alz vil creft in im, daz dar uuz entspringent di creft der sel, wechantnuzze und gelaub und minne, di werden webeget. Waz ist gnad? Gnad, alz gnad an ir selber ist, so enwurht si niht uz, mer sie wurcht inn. Wer ein mensch, der diser gnad het ein tr=pflin, der het mer gutes und [wer] inreilicher gefugt in daz redlich wesen an werch, alzo, geworcht er nimmer niht und sliff all weg, nochden wer er neher got und inreilich[er] got. Ich sprich: wer daz ein mensch do sich hundertstund eines tages lizze brennen leuterlichen durch got, alle sine werch ch=nden im nit gehelffen dar zu, daz er kond in daz ungeborn wesen gefugt werden alz dicz mensch an werch. Waz ist gnad? gnad wurchet ein indem bodem der sel; da nie geburt in gedacht ward, da wurket gnad in und wurkt alz verre in, daz di drei ein wesen sein. Got und gnad sint alzo glich, wo got furget, do treit er di gnad auf dem nikken. Dicz spricht meister Ekkart.
<:6>Johannes bedeutet soviel wie Gnade.[2] Nun wurde in unserer Schule eine Frage gestellt, ob die Gnade eine Mischung sei. Hierauf antwortete ich und sagte: Sie verhärtet sich nicht aus einem Tropfen, doch ein Funke fällt schon aus der Gnade in die Seele, der soviel Kraft in sich hat, dass aus ihm die Kräfte der Seele entspringen, Erkenntnis, Glaube und Liebe, die in Bewegung versetzt werden. Was ist Gnade? Gnade, insofern sie in sich Gnade ist, wirkt nicht draußen, sie wirkt vielmehr drinnen. Gäbe es einen Menschen, der einen Tropfen von dieser Gnade hätte, der besäße mehr vom Guten und wäre innerlicher in das vernünftige Sein gefügt ohne Werk, folglich wirkte er niemals und schlief überall, so sehr er näher bei Gott und innerlicher in Gott wäre. Ich sage, gäbe es einen Menschen, der sich hundert Stunden am Tag durch Gott rein brennen ließe, so könnten doch keine seiner Werke ihm dazu helfen, in das ungeborene Sein gefügt werden zu können wie diesem Menschen ohne Werk. Was ist Gnade? Gnade wirkt in dem Grund der Seele; worin niemals an Geburt gedacht wurde, darin wirkt Gnade und wirkt so sehr darin, dass die drei ein Sein sind. Folglich sind Gott und Gnade so sehr dasselbe, dass, wenn Gott vorangeht, da trägt er die Gnade in seinem Nacken. Dies sagt Meister Eckhart.
<:7>Der prophet spricht: Frawe sich auf der der nicht gebirt diner frucht der ist vil, der ist wol tausend stund mer dan di frucht gebernd sind in der werlt, der ist an zal vil. Di sel hat ein naturlich licht in ir. In dem naturlichen licht hat got mer lustes und me genug dan in allen creaturen, die er ie geschuff: er verzirt alle sin craft in dem naturlichen liht. Nem man ein schwarzen kolen: alz unglich der wer wider [den] himel, alzo sind alle creatur wider dem naturlichen licht, daz di sel in ir treit. Wan si ingetragen wird in daz liht, so gebirt si sich selben und ir selber in ir selber, und gebirt sich wider sich selber in sich. Si verleust alz gar alle di gebFrt und wirt alz gar uber sich derhaben und wirt alz gar geneiget ein in ein. Si chFmt dar zu, daz si got gebirt, alz sich got selbe gebirt; und da geschiecht rehte einung trucz allen creaturen, trucz den engeln, trucz got selbe, daz er da einik unterscheid vinde.
<:7>Der Prophet sagt: “Freu Dich, Unfruchtbare, die nicht deine Frucht gebiert, ihrer sind viel”, ihrer sind wohl tausendmal mehr als diejenigen, die Frucht hervorbringen in der Welt, ihre Zahl ist groß.[3] Die Seele hat ein natürliches Licht in sich. An dem natürlichen Licht hat Gott mehr Freude und mehr Genüge als an allen Kreaturen, die er je geschaffen hat: Er verzehrt all seine Kraft an dem natürlichen Licht. Nimmt man eine schwarze Kohle: So ungleich diese verglichen mit dem Himmel ist, so sind alle Kreaturen verglichen mit dem natürlichen Licht, das die Seele in sich trägt. Wenn sie hineingetragen wird in dieses Licht, dann gebiert sie sich selber und für sich selber in sich selber, und sie gebiert sich wieder selbst in sich. Sie verlässt dann all die Geburt und wird so sehr über sich erhaben und wird dann geneigt als eines in eines. Sie kommt soweit, dass sie Gott gebiert, wie sich Gott selbst gebiert; und da geschieht rechte Einung trotz aller Kreaturen, trotz der Engel, trotz Gott selbst, so dass er dort die einige Unterscheidung findet.
<:8>SFmlich meister die suchen selicheit an bechantnuzze oder an willen: ich sprich, daz selicheit weder an wechantnuzze noch an willen en liet. Daz ist selicheit, daz sie l[ei]t[4] alle selicheit, daz ist alle ir selbesheit. Der himel wurchet alle sine werch darum, daz er sich got gelichen wil: niht daz er sich gelichen wol an den werchen, mer er sFcht reuwe, alzo alz daz wesen ist an werch: daz selbe sucht der himel, daz er cheme in ein stille stan. Sucht dicz der himel und ander creatur, di snoder ist, waz solten wir danne tun? Da belibet got got, da belibet selicheit selicheit und gnad gnad und sel sel.
<:8>Sämtliche Meister suchen Seligkeit entweder ohne Erkenntnis oder ohne Willen: Ich spreche, dass Seligkeit weder im Erkennen noch im Willen liegt. Das ist Seligkeit, dass sie vollends Seligkeit ist, es ist   vollends ihre Selbigkeit. Der Himmel wirkt all seine Werke, weil er sich Gott angleichen will, nicht, dass er sich den Werken angleichen will, vielmehr sucht er nach Ruhe, wie nämlich das Sein im Werk. Dasselbe sucht der Himmel, dass er zum Stillstand komme. Wenn dies der Himmel und die übrige Kreatur, die niedriger ist, suchen, was sollten wir dann tun? Da bleibt Gott Gott, da bleibt Seligkeit Seligkeit und Gnade Gnade und die Seele die Seele.
<:9>Meister Ekkart sprach: got der wer ein spruch an spruch und wer ein wort an wort, und in dem werden lebendich alle creatur und waschende. Wer hat daz wort gesprochen und den spruch gesprochen? Der himlisch vater der hat in gesprochen in sinem eingeborn sun. Mag daz wort [und den spruch] nimant gesprechen? Nein, den mag niemant gesprechen dan der himlisch vater, und wirt doch gesprochen. Wenn wirt er gesprochen und wo wirt er gesprochen? Wenn die sel chein genug hat an cheiner creatur und si sich ze mal in got getragen hat mit allen iren werchen und ir selbs vergezzen hat und meint got lauterlichen; da gibt got mer dan si selb immer gedenken mag. Alz si sich alzo leuterlichen in got getragen hat, so gibt sich ir got alzo, daz er ir werch wurket in ir an erbeit, daz si sei ein mitwurcherin mit got. Und wo wirt er gesprochen? Wen daz alleroberst teil der [sel] bloz und ledich ze mal vereint wird mit got, da wirt daz wort gesprochen und der spruch, und da ist mund zu mund   kumen und da ist kFz ze kFz chumen, und di sel verstet daz wort in dem wort und nieman mer; und di sel di chunde auch etwaz dar auf geworten. Hie ist di sel zu irm aller obersten kumen.
<:9>Meister Eckhart sprach: Gott sei ein Spruch ohne Spruch und sei ein Wort ohne Wort, und in ihm werden lebendig alle Kreatur und alle, die wachsen. Wer hat das Wort gesprochen und den Spruch ausgesprochen? Der himmlische Vater, der hat ihn gesprochen in seinem eingeborenen Sohn. Kann das Wort [und den Spruch] niemand aussprechen? Nein, das kann niemand aussprechen, es sei denn der himmlische Vater, und doch wird es ausgesprochen. Wenn die Seele kein Genüge mehr findet an einer Kreatur und sie sich völlig in Gott hineingetragen hat mit all ihren Werken und sich seiner selbst vergessen hat und durch und durch Gott im Sinn hat. Da gibt Gott [ihr] Gott mehr als sie selbst sich je vorstellen kann. Wenn sie sich so durch und durch in Gott hineingetragen hat, gibt sich ihr Gott, auf dass er ihr Werk wirkt in ihr ohne Zutun, auf dass sie sei eine Mitwirkerin Gottes. Und wo wird es gesprochen? Wenn der alleroberste Teil der [Seele] nackt und frei völlig geeint ist mit Gott, dort werden das Wort und der Spruch ausgesprochen, und dort kommt Mund zu Mund, und dort kommt Kuss zum Kuss, und die Seele versteht das Wort in dem Wort und niemand anderes; und die Seele kann auch etwas darauf antworten. Hier ist die Seele in ihrem Allerobersten angekommen.
<:10>Daz uns dicz gesche, dez helf unz got.
<:10>Auf dass uns dies geschehe, darum helfe uns Gott!




[1] See Apoc. 21:2 (Vidi civitatem sanctam Ierusalem novam descendentem de caelo a domino). The context is Apoc. 21:2–5 and can be found in Collectarium, Arch. f. 432ra: ‘In die consecrationis ecclesie et in anniversario eiusdem. Lectio libri Apocalipsis beati Iohannis apostoli. In diebus illis vidi civitatem sanctam [Et ego Ioannes vidi sanctam civitatem Vg.] Iherusalem novam descendentem de celo a Deo, paratam, sicut sponsam ortatam viro suo. Et audivi vocem magnam de throno dicentem: Ecce tabernaculum Dei cum hominibus, et habitabit cum eis. Et ipsi populus eius erunt, et ipse Deus cum eis erit eorum Deus: et absterget Deus omne lacrimam ab oculis eorum, et mors ultra non erit, neque luctus, neque clamor, neque dolor erit ultra, quia prima abierunt. Et dixit qui sedebat in throno: Ecce nova facio omnia’.
[2] Für die Interpretation von “Johannes” als “Gnade” vgl. Hom. 75* [S 96], n. 4.  Hieronymus, Liber interpretationis Hebraicorum nominum (Lagarde 136, 6–7): ‘Iohannan cui est gratia uel domini gratia’.
[3] Is. 54,1: “Lauda, sterilis, quae non paris; decanta laudem, et hinni, quae non pariebas: quoniam multi filii desertae magis quam eius quae habeat virum, dicit Dominus”; vgl. auch Gal. 4,27: “Laetare sterilis, quae non paris: erumpe, et exclama, quae non parturis: quia multi filii desertae, magis quam eius quae habet virum”; zu diesen zwei Versen vgl. Hom. 26* [S 99]. Leider kann man im Deutschen das Wortspiel zwischen „gebern“ (Frucht bringen) und „gebern“ (gebähren) nicht nachahmen.
[4] Die Handschrift hat fälschlicherweise „leit“.