Markus Vinzent's Blog

Sunday, 18 March 2018

Meister Eckhart, Die deutschen Predigten "De Tempore", Pr. 1 (DW 87)

Nachdem auf der Tagung der Meister-Eckhart-Gesellschaft der Wunsch laut geworden ist, dass die noch nicht ins Deutsche übertragenen Predigten (Pr. 87ff.) zur Verfügung gestellt werden sollten und es auch eine Überarbeitung der Quintschen Übersetzung der älteren Predigten geben sollte, werde ich hier im folgenden die deutschen Übersetzungen bieten (in liturgischer Ordnung), die in einer geplanten Ausgabe derselben veröffentlicht werden (zusammen mit Loris Sturlese und Freimut Löser). Die folgenden Texte sind zunächst die Rohübersetzungen - kollegiale Anregungen sind äußerst willkommen.

Predigt 87 (DW IV 1, 20-28)

<1:1>‘Ecce, dies veniunt, dicit dominus, et suscitabo David germen iustum’.
<1:2>Dieses Wort spricht der Prophet Jeremias: Erkennet, die Tage kommen, sagt der Herr, und ich werde die gerechten Wurzeln Davids erwecken.“[1]
<1:3>Salomon spricht: Ein guter Bote von einem fernen Land ist wie kaltes Wasser für eine durstige Seele.“[2]
Mit Blick auf die Sünde, ist der Mensch fern von Gott. Darum ist für ihn das Himmelreich wie ein fernes, fremdes Land, und war dieser Bote vom Himmel. Der Heilige Augustinus spricht über sich selbst als noch nicht Bekehrter, dass er sich fern von Gott befand in einem fremden Land der Ungleichheit“.[3]
<1:4>Es ist beklagenswert, dass der Mensch entfernt ist von demjenigen,[4] ohne den er nicht glücklich sein kann. Nähme man die allerschönsten Geschöpfe, die Gott geschaffen hat, aus dem göttlichen Licht heraus, unter welchem sie standen – denn so weit alle Dinge unter dem göttlichen Licht stehen, so weit sind sie wünschenswert und angenehm –, und wäre es Gottes Wille und erlaubte er es, dass man sie aus dem göttlichen Licht herausnähme und sie einer der kleinsten Seele zuwiese, sie würde keinen Wert und nichts Angenehmes in ihnen finden, sondern es würde ihre vor ihnen grauen.
Noch beklagenswerter ist es, dass der Mensch fern von dem ist, ohne den er kein Sein hat.[5]
Am stärksten beklagenswert ist es, dass er fern von demjenigen ist, der sein ewiges Glück ist, und dass er so schwach geworden ist, dass er aus seiner eigenen Kraft nie wieder zu Gott zu kommen vermag und auch nicht weiß, wie er wieder zu ihm kommen soll. Dies beklagt Herr David und spricht: Ich bin fern von Gott denn ich bin in Sünden geboren und bin so schwach geworden, da ich aus eigener Kraft nicht wieder zu Gott zu kommen vermag. Auch habe ich die Augen verloren, so dass ich nicht mehr weiß, auf welchem Weg ich wieder zu ihm zu kommen vermag.“ Ein guter Mensch spricht in Buch des Herrn Jakob:[6] Wenn ein Mensch mit dem anderen zusammenstößt, mag er einen Menschen dabei finden, der ihm hilft, sich wieder zusammenzufinden. Doch wenn der Mensch mit Gott zusammenstößt, der so hoch und unermesslich ist, wird man keinen Menschen finden können, der sie zusammenfinden lässt. Denn an der Stellung des Herrn, den man verletzt hat, bemisst sich die Wiedergutmachung.“
<1:5> Darum war es eine gute Nachricht, dass der Prophet spricht:Sehet, die Tage kommen, sagt der Herr“,[7] an denen Gott geboren werden wird aus dem Samen Davids. Dass es Gott selbst gesagt hat, ist eine bedeutende Sache: Es ist eher möglich, dass sich Himmel und Erde verändern, als dass das Wort unseres Herrn verändert werden wird“.[8] Als die Altväter ihre beklagenswerte Situation, in der sie sich befanden, erkannten, schrien sie ihr Anliegen in das Himmelreich hinein und wurden in Gott hineingezogen mit ihrem Geist und ließen in göttlicher Weisheit zu, dass Gott geboren werden sollte in menschlicher Natur, der uns aus all unserem Klagezustand befreien sollte.
<1:6>Darum war die gute Botschaft nämlich ein kaltes Wasser für[9] eine durstige Seele“. Denn es ist wahr,[10] dass jedem, der einem Mitchristen in der ewigen Liebe, in welcher Gott Mensch geworden ist, einen Schluck kaltes Wasser gibt,[11]alle seine Sünden vergeben werden.[12] Und ich halte meine Seele dagegen: Wer einen guten Gedanken unserem Herrn, Gott, in der ewigen Liebe opfert, der wird gerettet.
Darum darf der Mensch weder Teufel noch Welt noch sein eigenes Fleisch fürchten, noch darf er unseren Herrn, Gott, fürchten. Denn Sankt Paulus spricht:[13] Der Sohn, der eine „Weisheit” des Vaters ist, ist uns als Fürsprecher” gegeben, und er soll weise[14] fürsprechen trotz all unserer Fehler und Fehltritte. Sankt Paulus sagt denn auch:[15] Er wurde uns als Vorkämpfer gegeben, der für uns siegreich verteidigen[16] soll in all unserem Elend.
Wisst Ihr, wie der Mensch eigentlich verstehen und beten soll? Er soll sich vor jeden, für den er beten will, zusammen mit seinen Sünden und seiner Gebrechlichkeit in die Wunden unseres Herrn Jesus Christus legen und von sich selbst denken, dass er unwürdig ist, und soll sich dem würdigen Zeugen unseres Herrn Jesus Christus empfehlen, und er soll sich dem himmlischen Vater in seinem heiligen Sohn opfern. Der himmlische Vater muss entweder beide oder keinen aufnehmen.[17]
Wollte der Vater gegen uns kämpfen, er könnte es nicht, denn dieselbe Macht und Weisheit, die der Vater besitzt, die er hat der Sohn in gleicher Weise mit ihm, der uns gänzlich als Vorkämpfer gegeben ist und uns zu einem so hohen Preis erworben hat, dass er uns nicht loslassen will. Und der Vater kann ihm dies nicht versagen, da er seine Weisheit ist. Er kann auch nicht gegen ihn kämpfen, da er seine Macht ist. Darum darf der Mensch Gott nicht fürchten, sondern soll mutig mit all seinen Anliegen zu Gott gehen.[18]
<1:7>Als der Mensch aus dem Paradies verstoßen wurde, da setzt Gott drei Arten von Hütern vor das Paradies.[19] Der erste war von engelhafter Natur, der andere ein glühendes Schwert, der dritte ein zweiseitiges Schwert, von denen der Mensch keines besitzt.
Die engelhafte Natur bedeutet Reinheit. Als Gottes Sohn auf die Erde kam, der ein reiner Spiegel ohne Flecken ist, und ein Antlitz und Bild des himmlischen Vaters“, an welchem man gänzlich Gottes Willen ablesen kann, der brachte den ersten Hüter auf und brachte in menschlicher Natur auf Erden Unschuld und Reinheit. Salomon sagt zu Christus: Er ist ein reiner Spiegel ohne Flecken“.[20]
Das glühende Schwert bedeutet göttliche glühende Liebe, ohne das der Mensch nicht in das Himmelreich kommen kann. Die brachte Christus selbst mit und brachte den zweiten Hüter auf. Denn er hatte mit derselben Liebe den Menschen lieb, noch bever er ihn geschaffen hatte. Et in caritate perpetua dilexi te. Jeremias spricht: Mit ewiger Liebe hat dich Gott geliebt“.[21]
Die göttliche Liebe brachte er mit sich auf die Erde.
Der dritte Hüter war ein schneidendes Schwert, nämlich der menschliche Klagezustand. Den nahm unser Herr vollends auf sich, wie Jesaja sagt:[22] „vere languores nostros ipse tulit“, „sicher wird er unsere Trauer tragen“.[23]
Darum ist er auf Erden gekommen, um die Sünden des Menschen auf sich zu nehmen, um sie zu vernichten und den Menschen zu retten. Doch nun steht das Himmelreich ohne jegliche Hüter offen; darum kann der Mensch mutig zu Gott gehen.
<1:8>Wir müssen noch das Wort bedenken, das er ebenfalls spricht: „Ich will den Samen oder die Frucht[24] Davids erwecken“.
Hierbei ist zu bachten, dass der Engel das Wasser zu einer bestimmten Tageszeit aufrühte.[25] Daraus erhielt es eine solche Macht, dass die Menschen von allen möglichen Krankheiten heilte.
Bedeutender ist es aber, dass Gottes Sohn die menschliche Natur im Leib unserer Frau berührte. Hiervon ist die gesamte menschliche Natur glücklich geworden.
Noch größeres Glück ist es, dass Gott durch seine eiggene Natur das Wasser des Jordans berührt hat, als er getauft wurde. Dadurch hat er alle Wasser bemächtigt, so dass der Mensch, wenn er getauft wird, von all seinen Sünden gereinigt wurd und ein Kind unseres Herrn, Gott, wird.
Das allergrößte Glück ist es, dass Gott in der Seele in einer geistlichen Einung geboren und offenbar wird. Hiervon wird die Seele glücklicher als der Leib unseres Herrn Jesu Christi ohne seine Seele und ohne seine Gottheit, denn eine jede glückliche Seele ist edler als der tote Leib unseres Herrn Jesu Christi war.
<1:9>Die innere Geburt Gottes in der Seele ist ein Vollzug all ihres Glückes und das Glück bereitet ihr mehr als die Tatsache, dass unser Herr Mensch wurde im Leib unserer Frau, der heiligen Maria, und dass er das Wasser berührte. Was Gott je erwirkt und getan hat durch den Menschen, das dient ihm nicht mehr als eine Bohne, es sei denn er vereine sich mit Gott in einer geistlichen Einung, da Gott geboren wird in der Seele und die Weele in Got geboren wird, denn darum hat Gott all sein Werk geworkt.[26]
<1:10>Das uns dies geschehe, des helfe uns Gott! Amen.




[1] Ier. 23,5: Ecce dies veniunt, dicit Dominus: et suscitabo David germen iustum.“ The context of the text can be found in Collectarium, Arch. f. 43va–b: Dominica prima in adventu domini, ad utrasque vesperas et ad laudes et ad IIIa capitulum: Ecce dies veniunt, dicit Dominus: et suscitabo David germen iustum: et regnabit rex, et sapiens erit: et faciet iudicium et iustitiam in terra.“ Breviarium, Arch. f. 87ra–b: Dominica prima in adventu domini sabbato precedenti … Capitulum: Ecce dies veniunt, dicit Dominus: et suscitabo David germen iustum: et regnabit rex, et sapiens erit: et faciet iudicium et iusticiam in terra. R/ Missus est.“
[2] Lo4 beginnt: Von dauidis samen irweckunge. Der prophete Jeremias spricht: Set dy tage sint komen, spricht got, ich wel irwecken dy frücht adir den samen dauid vnd dy frucht sal wise sind vnd sal vinden orteil vnd machen gerechtikeit in ertriche; Prov. 25,25: Aqua frigida animae sitienti, et nuncius bonus de terra longinqua.“ Die Antiphon des Magnificat der Vesper: Breviarium, Arch. f. 87rb: III. Ymnus. Conditor … V/: Rorate … Ad Magn. antiphona: Ecce nomen domini venit de longinquo et claritas eius replet orbem terrarum.“
[3] Aug., Confessiones VII 10, 16, ed. Verheijen, 103, 17: et inveni longe me esse a te in regione dissimilitudinis.
[4] Auch wenn es nicht ausdrücklich gesagt wird, muss das von dem doch als fern von dem“ gelesen werden, so auch L. Sturlese.
[5] wesenwird im Folgenden regelmäßig übersetzt mit Sein.
[6] Dies scheint kein Zitat zu sein, erinnert aber an Jak. 4,11-12 (vgl. auch Röm. 14,4), falls der Text nicht aus einer unbekannten Rechtsquelle entnommen ist, so F. Löser, LE IV 158.
[7] Ier. 23,5; vgl. den unterschiedlichen Anfang des Zitats in n. 2, nemet war/erkennet; hier beginnt Eckhart das Zitat mit sehet/sehet; der Schluss folgt Lo4.
[8] Vgl. Matth. 24,35 und Luc. 21,33; vgl. auch Matth. 5,18 und Luc. 16,17.
[9] Eckhart versteht den Genitiv in einem doppelten Sinn von und anstelle von. Das kalte Wasser, das jemand aus Liebe einem anderen bietet, der durstig ist, ist das kalte Wasser, das Gott durch die Inkarnation dem Menschen gibt, der es der durstigen Seele anbietet. Aus sich selbst heraus hätte die sündige Seele dieses Wasser nicht. Der Gebende (die anbietende Person und Gott) ist zugleich Geber und doppelter Empfänger (der Durstige und der Anbieterthe).
[10] Dar umbe … Wan: die Zeichensetzung ist gegenüber der kritischen Edition von DW geändert.
[11] Matth. 10:42: Et quicumque potum dederit ei ex minimis istis calicem aquae frigidae …
[12] Ein strukturelles Gliederungsmerkmal im Text, dass der Autor mit seiner Interpretation von Prov. 25,25 zuende gekommen ist.
[13] Vgl. I Cor. 1:24; I Ioh. 2:1–2: advocatum habemus apud Patrem, Iesum Christum iustum: et ipse est propitiatio pro peccatis nostris. Lo4 hat: Andirswo spricht dy schrift“.
[14] der sol wîslîche rede geben:Futur des Verbs.
[15] DW IV bezieht sich auf Ps.–Cyprian, zitiert in Eckhart, Sermo XLV n. 461 (LW IV 382): Christus, qui semel vicit pro nobis, semper vincit in nobis, vgl. auch die nächste Anm.
[16] L. Sturlese ad loc. verweist auf das Opfer Christi als propitiatio  (I Ioh. 2:1–2 ) und sein Selbstopfer; hierzu vgl. auch Eckhart, Sermo V/2, n. 49 (LW IV 47) „‘vita’, non solum est vita unius hominis, sed, quantum in se est, totius mundi”, ad quam sufficiens est mors Christi, Ioh. 2: ipse est propitiatio pro peccatis nostris etc.’
[17] DW IV auf der Basis des Paradisus bietet: Wir suln beiten, der himelische vater muoz unser gebet enpfâhen oder niht“.
[18] mit allen sînen sachen bezieht sich auf die obige Metapher von Christus als des Menschen Verteidiger.
[19] Vgl. Gen. 3,24: Eiecitque Adam: et collocavit ante paradisum voluptatis Cherubim, et flammeum gladium, atque versatilem (versatilis verstanden als zweischneidig findet man auch in der Summa Britonis, s.v. Versatilis, ed. Daly 825–6: qui nomine gladii non cuiuslibet sed versatilis dicitur, id est utrobique secantis. Eine abweichende Deutung bietet Hugo a Sancto Caro, Postilla, ad loc., I, f. 12a: gladius versatilis dicitur quia potest removeri.
[20] Sap. 7,26: speculum sine macula (von Christus ausgesagt in Eckhart, In Ioh. n. 27 [LW III 21]: Sap. 7, … dicitur de sapientia sive verbo dei quod est ‘speculum sine macula’, ‘emanatio’ ‘dei sincera’. Vgl. auch die Glossa Ordinaria i. h. l.: [speculum] In quo videtur pater. Qui videt me videt et patrem). Auf den Engel bezogen in Ps.–Dionys., v. infra Hom. 4* [Q 77], n. 3.
[21] Ier. 31:3: Et in charitate perpetua dilexi te.
[22] Lo4 bietet: Dy schrift spricht von öm.
[23] Is. 53:4: Vere languores nostros ipse tulit. Man beachte Eckharts futurische Aussage anstelle des Perfekts der Vulgata.
[24] germen = wiedergegeben als wurzeln wird hier ausgelegt als Samen oder Frucht.
[25] Ioh. 5:4: Angelus autem Domini descendebat secundum tempus in piscinam: et movebatur aqua. Et qui prior descendisset in piscinam post motionem aquae, sanus fiebat a quacumque detinebatur infirmitate.
[26] Lo4 bietet anstelle von ‘Waz got ie … werk geworht’ einfach: ‘Alle die ding mochten ör nicht gefromen, sy worde voreint mit gote’.

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