Markus Vinzent's Blog

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Wednesday, 2 June 2021

Adolf Martin Ritter, Rezension zu Markus Vinzent, Writing the History of Christianity, ThLZ 146 (2021), 297-301

Zu dieser Rezension, die von einem meiner eigenen Lehrer geschrieben ist, folglich von besonderem Gewicht für meine eigene Arbeit und Überlegung ist, seien folgende Überlegungen angestellt:

Die Kritik, die Ritter formuliert, bezieht sich auf die herausgehobene Ausschließlichkeit der retrospektiven Methode ("nur sie", S. 300), die er darum als "Zauberwort" (S. 298) stilisiert. Mit Aufklärung hat die Methode der Retrospektion, die ich in diesem Buch entwickle, wohl zu tun - hier hat er richtig gesehen - doch deren Ausschließlichkeit habe ich nicht behauptet. Stattdessen formuliere ich im Buch, dass die herkömmliche chronologisch orientierte Methode, Geschichte zu schreiben "can be deceptive" (Vinzent, Writing ..., S. 79). Wie könnte auch eine historiographische Methode - gleich welche - Ausschließlichkeit erheben? Wissenschaft heißt ja, dass Ergebnisse von verschiedenen Seiten reproduzierbar sein müssen. 

Allerdings gibt es Methoden, die sich für gewisse Einsichten eher von Vorteil erweisen als andere. Und hier hatte der Rezensent, der meine andere Arbeiten bestens kennt, natürlich den Braten gerochen. Das Buch spart ja bewusst jede Diskussion zu Markion aus (das Wort begegnet nur ein einziges Mal in einem Zitat, das ich Lieu entnommen habe), weil es die Methodologie und meine Vorstellungen zur Entstehung der Evangelien nicht miteinander vermischen wollte. Und doch ist das ganze Buch natürlich darauf angelegt, die historiographische Herangehensweise zu erläutern, unter der ich etwa auch das andere, fast zeitgleich erschienene Buch, der "Offene Anfang" (Herder 2019) geschrieben habe, mit dem ich die ideologische Perspektive der neutestamentlichen Wissenschaft erweisen wollte. Deshalb ist diese Rezension auch nicht nur eine solche zu meinem CUP Buch Writing ..., sondern zugleich eine kritische Position zu der positiven Besprechung des "Offenen Anfangs" in derselben Zeitschrift (ThLZ 145,951f. von Christoph Auffarth).

Retrospektion bestreitet also nicht, dass unsere gewöhnliche Herangehensweise zu denselben Ergebnissen kommen kann, doch gehen, wie ich zu zeigen versuche, chronologisch geleitete Historiker daran, aus dem Iststand die Vergangenheit so zu modellieren, dass der Iststand gesichert wird. Darin sehe ich den großen Unterschied zwischen den aufklärerischen Ansätzen, die in der Romantik nicht weiterentwickelt, sondern durch eine positivistische Historiographie der Romantik noch zugearbeitet haben, allen voran die Größen unseres Faches.

Ich schließe also nicht aus, dass man die vier Beispielfälle auch auf herkömmlichem Weg so beantworten kann, wie ich es hier vorschlagsweise versuche, woran Ritter in den Ergebnissen ja keinen Anstoß nimmt (die Amazonhypothese "leuchtet sehr ein", S. 299; Aristides: hätte man "von selbst darauf kommen" können; zu Abercius urteilt er nicht). Wenn er allerdings zu Ignatius schreibt, dass "die 'retrospektive' Betrachtungsweise - und nur sie - zur Erkenntnis führe, dass im 16. Jh. das Ignatiusbild aus einer 12-, statt 3- oder 7-Briefe-Sammlung bezogen wurde ... zwar wirkungsgeschichtlich wichtig ... für die ... Frage nach den 'Origins', in diesem Fall der authentischen Gestalt des Corpus Ignatianum und dessen Einordnung in die Theologiegeschichte des 2. Jh.s ... getrost zu vernachlässigen" (S. 300) sei, so scheint mir dies Wunschdenken zu sein. Das Ignatiusbild, bei dem die Dreierbriefsammlung unbekannt war, und das, wie im Buch gezeigt, tief in die Konfessionsstreitigkeiten eingebunden blieb, wurde von dieser Einbindung während des 19.-21. Jh.s nicht befreit. Ohne Retrospektion und im direkten Zugriff auf das 2. Jh. hat man Curetons Fund und seine Ergebnisse für über Hundert Jahre ins Vergessen geraten lassen. Gewiss hätte man auch ohne Retrospektion ggfls. irgendwann eher zufällig Cureton wieder ausgraben können, doch das andere Beispiel der sog. Aberciusinschrift legt das Gegenteil nahe. Bis in die jüngste Monographie von 2019 (McKechnie, P. (2019), Christianizing Asia Minor Conversion, Communities, and Social Change in the Pre-Constantinian Era (Cambridge)) wird die Inschrift einem historischen Bischof Abercius des 2. Jh.s zugeschrieben, weil schlicht das Zeugnis aus dem 5. Jh. aus den Wunschaugen des 21. Jh.s in das 2. Jh. projiziert werden und nicht - wie in Retrospektive angeraten - historisch korrekter die Vita Avercii im 5. Jh. als prägende Folie für die Interpretation der archäologischen Funde des 2. Jh.s gelesen wird und im Anschluss daran die archäologischen Zeugnisse in ihrem eigenen Licht betrachtet werden. In dieser Hinsicht ist die retrospektive Methode eigentlich nur die Methode, die ich von einem anderen Lehrer gelernt habe und die auch Ritter praktiziert - nicht unter diesem Zauberwort - doch mit der schlichten Aufforderung: Lesen Sie alles, was über Ihr Thema geschrieben wurde, alles, das heißt mindestens alles von heute bis zu Thomas von Aquin. Ich möchte lediglich diese kritische Rücksicht ausdehnen auch auf die formative Zeit der Spätantike.

Wednesday, 20 January 2021

Manifesto on how to write early Christian history

 Triggered by Roberto Alciati who (together with Laura Carnevale) has discussed my book "Writing the History of Early Christianity" (CUP, 2019) in ASE 37 (2020), 547-573 and extracted from it a first list of salient points from it, putting it into a manifesto, in my forthcoming response to him (ASE 2021), I have attempted to reformulate this list as follows:

(1) Anachronism, inbuilt into any historical exegesis, points us into

the direction, into which our reasoning moves, and makes us realize

from where we start.

(2) Every scholar starts with her or his preconceived paradigms,

hence, the realisation of these paradigms does not remove them, but

allows to know the partial, if not limited nature and scope of one’s own

insights which creates space for other, even competing and contradicting

views and opinions. Instead of an attempt of constant widening one’s

scope and reach, it is an admittance of a never attainable truth or, in

positive terms, of truth that is open for responsible reformulations.

(3) Using categories alien to the period in question is necessary,

though they should be critically conceptualised and defined, particularly

when they are semantically close or even similar to terms current in the

subject area’s time.

(4) Doing and writing history is as important as reflecting on historiography,

both are to be developed neither the latter as reflexion nor as

preliminarily outlined assumptions, but as coflexions.

(5) Doing and writing history is more about the ‘how’ things happen,

rather then when and what happened. Facts per se explain little, if the

little facts we can still know are not explained.

(6) Facts, material and objects of the past or, what sometimes emphatically

or unreflectedly is called ‘evidence’ is, as the name states,

‘made by humans,’ first by scholars who unearth them before they can

be searched for what they may have been. At the same time facts and

material of the past are targets, often unruly and objecting stumbling

blocks for forgers. There is rarely something both more similar and

more different than facts and fakes. The first, be it made by scholars,

be it produced by the past, thrives for what is special, individual, uncommon,

the second, be it made by contemporaries or past people is

done with the intention of imitation, replication, fitting in or deviance. A

search for the specific will help to come closer to facts and expose fakes.

(7) Retrospection dissects and interrupts flows, coherences and commonalities,

hence is geared to expose fakes and replace ideologies and

teleologies with suggestions, though these need not be only cautious

ones, but could also be firm ones, yet open to substantiated criticism.

(8) There is no hierarchy between primary sources and secondary

literature, but retrospective historiography suggests the study and the

targeting simply of objects and facts. In an anachronological approach

the more recent ones and in a critical, systematic study the more impacting

objects have to be dealt with first.

(9) In retrospection, we aim at understanding individuals rather than

groups of people or abstract entities.

(10) ‘Realia’ are taken and highlighted as props in the recreation

of the past, instead of providing the basis for an understanding of the

process through which we see the past, they are the outcome of such

processes.